Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Mineralogie und Geologie.

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einer Spazierfahrt, die mir, unter gefälliger Leitung desfreundlichen Hauswirths, Herrn von Bresecke, höchst genußreichund unterrichtend geworden.

Es war seit Monaten der zweite ganz vollkommen reine,heitere Morgen; wir fuhren um acht Uhr an der Ostseite desThales die Tepler Chaussee hinauf, welche an dem rechter Handanstehenden Gneis hergeht. Sogleich am Ende des Waldesauf der Höhe zeigte sich fruchtbares Erdreich und eine Fläche,die zunächst eine Aussicht in ferne Gegenden versprach. Wirlenkten rechts auf Hohdorf zu; hier stand der Berg Podhoralinks vor uns, indem wir rechts die Weite des sich ostwärtserstreckenden Pilsener Kreises übersahen. Verborgen bliebenuns Stadt und Stift Tepel. Aber nun öffnete sich gegenSüden eine unübersehbare Ferne, wo die Ortschaften Haba-kladra und Millischau zuerst in die Augen fielen; wie man aberweiter vorrückte und sich gegen Südwest ungehindert umsah,konnte man die Lage von Plan und Kuttenplan bemerken; Dür-maul zeigte sich, und das Bergwerk Dreihacken war auf denjenseitigen Höhen deutlich zu erkennen. Die vollkommen wolken-lose Atmosphäre ließ, wenn auch durch einigen Höherauch, dieganze Gegend bis an ihre letzten Gränzen überschauen, ohnedaß irgend ein augenfälliger Gegenstand sich hie oder da hervor-gethan hätte.

Das ganze übersehbare Land ist anzusehen als Hügel anHügel, in immerfort dauernder Bewegung. Höhen, Abhänge,Flächen, keineswegs contrastirend, sondern ganz in einanderübergehend; daher denn Weide, Wiese, Fruchtbau, Waldimmerfort abwechseln, zwar einen freien, frohen Blick gewähren,aber keinen entschiedenen Eindruck hinterlassen.

Bei solchem Anblick werden wir nun in's Allgemeine ge-trieben und sind genöthigt, Böhmen, wenn wir das Geseheneeinigermaaßen begreifen wollen, uns als einen tausend- undabertausendjährigen Binnensee zu denken. Hier fand sich nuntheüs eine steilere theils eine sanftere Unterlage, worauf sichnach und nach, bei rücktretendem Wasser, Schlamm undSchlick absetzte, durch deren Hin- und Wiederwogen ein frucht-bares Erdreich sich vorbereitete. Thon und Kieselerde warenfreilich die Hauptingredienzien, wie sie in dieser Gegend derleicht verwitternde Gneis hergiebt; da aber weiterhin südwärts,an der Gränze der Schieferbildung, der frühere Kalk schonhervortritt, so ist auch im Lande eine fernere Mischung zu ver-muthen.

In seiner Abgeschlossenheit bildet Böhmen von dieser Seiteeinen ganz eigenen Anblick; der Pilsener Kreis, wie ich ihnheute gesehen, erscheint, als eine kleine Welt, deßhalb ganzsonderbar, weil das in mäßigen Höhen gegen einander sich be-wegende Erdreich Wälder und Fruchtbau, Wiesen und Weidendurch einander unregelmäßig dem Auge darbietet, so daß mankaum zu sagen wüßte, in wiefern Höhen oder Tiefen auf eineoder die andere Weise Vortheilhaft benutzt seyen.

Die durchaus quellreichen Höhen, die nicht weniger wasser-führenden Vertiefungen geben zu mancherlei Teichen Gelegenheit,die sich theils zur Fischerei theils zu technischen Unternehmungenreichlich Herbieten, und was sonst alles noch aus solchem Zu-sammenwirken entspringen mag.

Auf unserm heutigen Wege konnte man abermals bemerken,was für alle Gegenden gilt, daß zwar die HLHern, urbar ge-machten Berg- und Hügelflächen zu einem mäßigen Frnchtbau

Gelegenheit geben, daß aber, so wie man tiefer hinab kommt,der Vortheil sogleich bedeutend wächs't, wie sich an dem sehrschön stehenden Winterkorn und dem wohlgerathenen, in dieBlüthe tretenden Lein wahrnehmen ließ.

Zu bemerken ist auch hier der Conflict klimatischer Breiteund georgischer Höhe; denn diese Gegend, die wir heute beiherrlichem Sonnenschein durchzogen, liegt noch etwas südlicherals Frankfurt am Main, aber freilich viel höher. Denn dasStift Tepel ist 2172 Pariser Fuß über der Meeresfläche be-rechnet, und am gestrigen ganz heitern 20. August stand dasThermometer Mittags auf 13, das Barometer aber auf 26, 5,1,auf einem Punkte, wohin es vom 18. an schwankend gestiegen,und von dem es den 21. Nachmittags schon wieder herabge-sunken war. Wir lassen dieses bedeutende Steigen und Fallenhierbei tabellarisch abdrucken, und fügen zu weiterer Betrach-tung den Barometer- und Thermometerstand auf der JenaschenSternwarte hinzu.

August.

Stift Tepel

18. Aug. Abends

7

26

1

914 3

19.

Früh

6

26

2

410 6

Mittags 12

26

3

2 12 7

Nachm.

3

26

3

-12 8

Abends

7

26

3

3 11 9

20.

Früh

6

26

3

9 54

Mittags 12

26

5

1 13

Nachm.

3

26

4 10 13 7

Abends

7

26

4 10 13 4

21.

Früh

6

26

4

467

Mittags

12

26

4

8 15

"

"

Nachm.

3

26

3

7 - 16 2

J-na,

18. Aug. Abends

8

27

9

4 14

19.

Morg.

8

27 10

7 13 2

Nachm.

2

27 11

4 17

Abends

8

28

-16 5

20.

Morg.

8

28

2 9

Nachm.

2 -

28

5 19 5

Abends

8 -

28

-13 8

21.

Morg.

8

28

-11

Nachm.

2 -

27 11

8 21

Abends

8-

27 11

6 14

Pariser Fuß.

Aus vielen Beobachtungen auf der Sternwarte zu

Jena folgt ihre Höhe über der Meeresfläche . . 374,4.

Nach vorläufiger Berechnung obenstehender beiden

Tabellen liegt das Stift Tepel höher als Jena . 1601,6.Also betrüge die Höhe des Stifts über die Meeres-fläche . 1976.

Nach Alois David in seinem Heft: Bestimmung deri Polhöhe des Stifts Tepel, betrüge dessen HöheI über der Meeresfläche ........ 2172,

! welches eine Differenz gäbe von.196,