Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Mineralogie und Geologie.

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besteigen, diese ewig merkwürdige, immer wieder besuchte, be-trachtete und immer wieder Problematisch gefundene, weit undbreit umherschauende, mäßige Erhöhung. Der pyrotypischeCharakter ward nicht verkannt, die Vorstellung näherte sichder schon früher geäußerten, wie auch der dort räthlich befundeneVorschlag genehmigt ward. Das Nächste würde nun seyn, berg-männisch die Stunde zu bestimmen, in welcher man den Stollenunter der HauPthöhe durchzuführen habe, um auf der Sohledes weißen Sandes, der sich nordwärts am Fuße im Feldezeigt, durch den Berg zu gehen, dergestalt daß man nicht zuweit westwärts an das feste Gestein gelangte. Der zu erwartendeAufschluß wäre dann, ob man aus dem weißen Sande ununter-brochen auf der Südseite wieder an den Tag käme, oder obman auf eine in's Tiefere gehende festere oder mehr lockereMäste gelangte, und sich dadurch einer Eruption aus dem In-nern versicherte? Läge nun dieser Hügel in einem eingerichtetenBergrevier, so würde das Unternehmen bequemer einzuleitenseyn; doch auch hier möchte es nicht an genügsamer Anordnungund Aufsicht fehlen. Gegenwärtig wären Vorarbeite» zu besor-gen , wodurch man der Ausführung um einige Schritte näherkäme, von der man das Beste hoffen darf, da an der thätigenTheilnahme des Grundbesitzers, Herrn Grafen von Zedwitz,nicht zu zweifeln ist.

Eger, den v, August 1822.

Wunderbares Ereigniß. Da die Ueberzeugung sotrefflicher Männer, mit denen ich den Kammerbühl abermalsbesuchte, gleichfalls eine vulcauische Erscheinung hier zuzugebengeneigt schien, so mußte mir's um desto mehr auffallen, alsein junger, munterer Badegast, der Naturforschung auch ausseine Weise ergeben, von meinem untermeerischen Vulcaneund dessen successiven Explosionen, woraus ich zugleich Schmel-zung und Stratification zu erklären gedacht, nicht sonderlicherbaut schien.

Mit bescheidener Höflichkeit trug er mir seine Meinungvor, die dahinaus ging, hier sey auch, wie in dem übrigenBöhmen, ein Pseudovulcan zu schauen. Man müsse sich, meinteer, beim ersten Anblick der Stratification überzeugen, daß dieseGleichheit der Lagen nicht einer Folge von Eruptionen zuge-schrieben werden könne, sondern in solchem Falle alles vieltumultuarischer und wilder aussehen würde. Es seyen aberKohlen und Glimmerschiefer, zu gehörigen Theilen vermischt,niedergelegt, und alsdann die ganze Schichtung entzündet wor-den; nun lasse sich schon eher denken, daß nach dem Ausbrennendie sämmtlichen Schichten so ruhig konnten über einander liegenbleiben, wie man ja auch bei andern Pseudovulcancn, sobaldman einen Durchschnitt wie hier im großen übersehen könne,die frühern Schichtungen gar wohl bemerke.

Ich zeigte ihm die Schwierigkeiten, die bei dieser Erklärungs-art noch übrig blieben, und trug ihm meine Hypothese als be-friedigend vor, wogegen er mir neue Schwierigkeiten nachzu-weisen wußte. Und so standen wir gegen einander, durch eindoppeltes Problem geschieden, durch Klüfte, die keiner zu über-schreiten sich getraute, um zu dem andern zu gelangen; ichaber, nachdenklich, glaubte freilich einzusehen, daß es mehrImpuls als Nöthigung sey, die uns bestimmt, auf eine oderdie andere Seite hinzutreten.

Hierdurch mußte bei mir eine milde, gewistermc.aßeil ver-satile Stimmung entstehen, welche das angenehme Gefühlgiebt, uns zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen hin undher zu wiegen, und vielleicht bei keiner zu verharren. Dadurchverdoppeln wir unsere Persönlichkeit, und in solcher Gemüths-verfastung konnte mir nachgemeldete Schrift nicht anders alshöchst willkommen seyn.

Ueber denBau und dieWirkungsart der Vul-canein verschiedenen Erdstrichen, vonAlexandervon Humboldt. Berlin 1823. »

Genanntes Hest, von Freundes Hand verfaßt und zuge-sendet, nehme ich dankbarlichst auf, indem es zu keiner ge-legener» Zeit bei mir anlangen konnte. Ein weit umsichtiger,tiefblickender Mann, der auch seine Gegenständlichkeit,und zwar eine gränzenlose, vor Augen hat, giebt hier aushohem Standpunkt eine Ansicht, wie man sich von der neuernausgedehntern vulcanistischen Lehre eigentlich zu überzeugenhabe.

Das fleißigste Studium dieser wenigen Blätter, den Buch-staben und dem Sinne nach, soll mir eine wichtige Aufgabelösen helfen, soll mich fördern, wenn ich versuche zu denkenwie ein solcher Mann, welches jedoch nur möglich ist, wennsein Gegenständliches mir zum Gegenständlichen wird, woraufich denn mit allen Kräften hinzuarbeiten habe. Gelingt es,dann wird es mir nicht zur Beschämung, vielmehr zur Ehregereichen, mein Absagen der alten, mein Annehmen der neuenLehre in die Hände eines so trefflichen Mannes und geprüftenFreundes niederzulegen.

Zur Naturwissenschaft und Morphologie, zweiBände von Goethe, findet man durch drei bedeutende Männerin der Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung Nr. 101 ff. sogünstig als ausführlich recensirt. Der Verfasser sprach sich nachdem ersten Lesen darüber aus wie folgt.

Und so habe ich denn der Parze großen Dank abzustatten,daß sie mich, nicht etwa nur wie den Protesilaus, auf Einevergnügliche Nacht, sondern aus Wochen und Tage beurlaubthat, um das Angenehmste, was dem Menschen begegnen kann,mit Heiterkeit zu genießen. Durch wohlwollende, einsichtige,vollkommen unterrichtete Männer sehe ich mich günstig ge-schildert, und zwar so recht durch und durch erkannt und auf-gefaßt, mit Neigung das Gute, mit Schonung das Bedenklichedargestellt — ein ehrwürdiges Beispiel, wie Scharf- und Tief-blick, mit Wohlwollen verbunden, durch Beifall wie durchBedingen, Warnen, Berichtigen, sogleich zur lebendigstenFörderniß behülflich sind.

Bekenne ich jedoch: es hat etwas Apprehenstves, wenn das,was wir leidenschaftlich wollten und allenfalls leisteten, alsBilderreihe wie Banquos Könige, an uns vorüberzieht; dieVergangenheit wird lebendig und stellt sich uns dar, wie wirsie selbst niemals gewahr werden konnten; dießmal freilich nichtals leere Schattenumriffe, sondern scharf in allen Theilen er-griffen und ausgeführt.

Hierbei muß ich aber bemerken, daß jene höchst schätzens-werthe, ehrenvolle Schilderung erst nur im allgemeinen undvon ferne betrachtet worden; ich nehme sie mit in die Böh-mischen Bäder, um mich daran zu prüfen und zu erbauen.