Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Mineralogie und Geologie.

Schon jetzt aber fühle ich mich, durch freundliche Forderungenangeregt, sehr geneigt, manches Frühere wieder aufzunehmen,das mir, als zerstückelt, nirgendwo sich anzuschließen schien,nun aber, nach solcher gegebenen Uebersicht, gar wohl seinPlätzchen finden wird.

Die Punkte sodann, worüber so würdige und im ganzengleichdenkende Männer sich mit mir nicht vereinigen können,nochmals genau zu überlegen, den Grund einer solchen par-tiellen Differenz aufzusuchen, wird mir die angenehmste undlehrreichste Pflicht seyn.

Handbuch der Oryktognosie,

von E. E. von Leonhard. Heidelberg 1821.

1821.

Ob mir gleich höhere Jahre und ein bedingtes Verhältnißzur Naturwiffenschast nicht vergönnen wollen, ein solchesWerk, seinem Umfange und Zusammenhange nach, gehörig zustudiren, so habe ich es doch immer zur Seite, um durch denwohlüberdachten Vertrag mich von dem methodischen Gange,worin sich die Wissenschaft bewegt, durch den Inhalt von demReichthum der Erfahrung, durch die Zugaben von manchemwünschenswerthen einzelnen bequem zu unterrichten, und also,wo nicht mit Wissen und Wissenschaft gleichen Schritt zu halten,doch wenigstens dieses wichtigste, sich immer erweiternde, füllendeund umorganisirende Reich nie aus dem Auge zu verlieren.

Ein abermaliges Geschenk bereitet uns der werthe HerrVerfasserin seiner Charakteristik der Felsarten, undich rühme mich der besondern Gunst, daß er mich durch frühereeinzelne Mittheilung schon jetzt, da es im Entstehen begriffenist, Vortheil daraus zu ziehen befähigt. Acht Aushängebogenliegen vor mir, durch deren successive Betrachtung fast alleinmöglich wird, sich an die gränzenlose Fülle des Werks einiger-maaßen zu gewöhnen.

Zuerst findet man das Allgemeine festgestellt, sodann dieReihenfolge der Gebirgsarten dargelegt, wovon ich denn Granit,Syenit, Diorit und Dolerit bis jetzt vor mir sehe.

Die Folge dieser einzelnen Mittheilung thut auf mich eineglückliche Wirkung; ich erwarte und lese die Blätter mit Leiden-schaft wie Zeitungen; Aufmerksamkeit und Interesse erhält sichvon einem Sendungstage zum andern, und mir dienen diesebedeutenden Anfänge ganz eigentlich zum gründlichsten Examen.Bon manchem erwarb ich mir schon früher unmittelbare An-schauung, anderes aber sondert sich ab, wonach ich mich nochumzuthun hätte; neue Namen werden erkannt, die Zweifel desAugenblicks sorgfältig bemerkt. Und so sehe ich ohne großeAnstrengung mir manches Gute zugeeignet, mich auf manchesKünftige hingewiesen.

Die Luisenburg bei Alerandersbad.

1820 .

Unter den verschiedenen Abtheilungen des Fichtelgebirgsmacht sich besonders merkwürdig ein hoher, langgestreckterRücken, von alten Zeiten herLuchsburg genannt, und vonReisenden häufig besucht, wegen zahlloser, alle Beschreibung

und Einbildungskraft überragender, in sich zusammengestürzterund gethllrmter Felsmassen. Sie bilden ein Labyrinth, welchesich vor vierzig Jahren mühsam durchkrochen, nun aber, durcharchitektonische Gartenkunst, spazierbar und im einzelnen be-schaulich gefunden. Diese Gruppen zusammen tragen gegen-wärtig den Namen Luisenburg, um anzudeuten, daß eineangebetete Königin, kurz vor großen Unfällen, einige froheund ruhige Tage hier verlebt habe.

Die ungeheure Größe der ohne Spur von Ordnung undRichtung über einander gestürzten Granitmafsen giebt einenAnblick, dessen Gleichen mir auf allen Wanderungen niemalswieder vorgekommen, und es ist niemand zu verargen, der,um sich diese Erstaunen, Schrecken und Grauen erregendenchaotischen Zustände zu erklären, Fluchen und Wolkenbrüche,Sturm und Erdbeben, Vulcane, und was nur sonst die Naturgewaltsam aufregen mag, hier zn Hülfe ruft.

Bei näherer Betrachtung jedoch und bei gründlicher Kenntnißdessen, was die Natur, ruhig und langsam wirkend, auch wohlAußerordentliches vermag, bot sich uns eine Auflösung diesesRäthsels dar, welche wir gegenwärtig mitzutheilen gedenken.

Dieses Granitgebirge hatte ursprünglich das Eigenthümlichevor andern, aus sehr großen, theils äußerst festen, theils leichtverwitterlichen Massen zu bestehen; wie denn der Geologe garoft gewahr wird, da^die kräftige Solidescenz des einen Theilsdeni nachbarlichen das Vermögen, zu einer entschiedenen Festig-keit und längern Dauer zu gelangen, völlig entzogen hat.

Von den ursprünglichen Felspartien, wie sie, der Granit-bildung gemäß, aus einzelnen Blöcken, Platten und Lagernbestehen, sind noch mehrere aufrecht zu finden, die aber, weilsie nichts Sonderbares darbieten, nicht wie das übrige Wunder-bare beachtet werden. Außer obgemeldeter ursprünglicher Eigen-schaft höchst verschiedener Festigkeit und Verwitterns mag auchnoch die schiefe, gegen das Land zu einschließende Richtung undeine vom Perpendikel abweichende Neigung, gleichfalls gegendas Land hin, Ursache des Einstürzens gewesen seyn. DieWirkung aller dieser zusammentreffenden Umstände denken wirnun bildlich darzustellen.

Man mache sich vor allen Dingen mit den Buchstaben be-kannt , wie sie in der oberm landschaftlichen Zeichnung an dieFelsen geschrieben sind, und denke vorerst, daß die verschiedenenSteinmassen», b, e, ct, e zusammen eine aufrechtstehende,gegen den Horizont etwas zugeneigte Felspavtie bilden. Nunverwittere eine der mittlern Massen s, so wird die obere dherunterrutschen, und sich ungefähr in bb niederlegen; sodannverwittere die unterste Hintere e, und der Obelisk ck wird,seinem Uebergewicht nach, herunterstürzen und sich in ckä auf-stellen , die Masse e wäre allein an ihrem Platz unverrückt undunverändert liegen geblieben.

Eine nur wenig in ihrer Hauptform von der vorigen ab-weichende aufrechtstehende Granitpartie bringen wir dem Be-schauer iu den kleineren Feldern gleichfalls vor Augen. Dievordere Spalte zeigt sie in ihrer Integrität, die andere aberverwittert, verschoben und verstürzt. Hier bedienen wir unsdes Vortheils, ohne Buchstaben zu verfahren, indem wir dasVerwitternde mit Schattenstrichen bedeckt, wodurch denn dasUebriggebliebene und Dislocirte sogleich in der nächsten Co-lumne in die Augen fällt.