Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Meteorologie.

und an diesem stufenweise wachsenden Genusse kann man sichgewiß noch vierzehn Tage ergehen; denn vor Pfingsten wirddas völlige Grün kaum entwickelt seyn. Die Gemüsegärtenbeschäftigen sich gleichfalls noch mit Vorbereitungen. DieWintersaat steht schön, ob es gleich früher in vier Wochen nichtgeregnet hatte; der späte Schnee scheint ihr genutzt zu haben,' und die Berge sind niemals ohne Thau. Der verlängerte Taggiebt auch eine höchst angenehme Empfindung, besonders indieser Schlucht, die um fünf Uhr schon beschattet ist, wenn manauf der Höhe noch einige Stunden des freundlichen Sonnen-scheins genießt.

Dem hiesigen Frühling gewährt auch noch ein ganz eigenesangenehmes Ansehen, daß Blüthen und Blätter zugleich hervor-treten; dadurch erscheint der Schwarzdorn, die Kirsche, derApfel als ganz anderer, fremder Busch und Baum; die weißenBlüthen nehmen sich zwischen dem muntern Laub gar an-muthig aus.

Freitag, den 12. Mai.

Mit Streifen leicht bedeckter Himmel, kein reines Blauin der ganzen Atmosphäre, Windstille mit einer Andeutungauf Südwind. Die gestrige Beobachtung war heute viel ent-schiedener. Die von Süden heranziehenden, mehr flockig alsgeballten Wolken wurden in Streifen und lang sich empor-ziehende Fäden aufgelöst, und auch dießmal schien die Opera-tion viel niedriger als sonst vorzugehen; auch sah man denhieraus entstehenden Cirrus von anderer Art als den gewöhn-lichen hohen; denn die emporsteigenden Fäden und gekrümmte. leichte Streifen verwandelten sich an ihrem obern Ende schonwieder in Wölkchen, bis sich denn der Himmel nach und nachAberzog. Nach Tische, aus einer Fahrt über Hohdorf undLessan, vermehrte sich, bei schwüler Luft, die Menge undSchwere der Wolken. Gegen Abend war in Westen, an demErzgebirge her, ein meilenlanger Nimbus, der in vielen Strö-mungen niederging. Ich habe davon sogleich einen Entwurfgemacht, welchem ich den Versuch einer beschreibenden Erklärunghinzufüge. Die Wetterwolke zog von Westen gegen Osten undzeigte an ihrem untern Bauche deutlich kurze Streifen, welchein gleicher Richtung vorwärts den Strich fährten. Die Wolkehingegen, wie sie vorrückte, unterlag im einzelnen der Erd-anziehung , und es senkten sich ganz verticale Gußstrahlen her-unter. Diese schienen jedoch mit der Erde in solchen Contactund Verbindung zu kommen, daß sie mit ihrem untern Endean dem Boden festhielten, der die Feuchtigkeit an sich saugte,indeß die Wolke weiter zog und das obere Ende dieser Schläuchemit fort nahm; deßhalb sie zu einer schiefen Richtung genöthigtwurden. Nun hatten aber andere solche früher uiedergegangeneStrömungen durch das Fortziehen der Wolke ihren Zusammen-halt mit der Erde verloren, und schwebten, losgelassen, hochüber dem Horizont.

Das Merkwürdigste jedoch war ein solcher Schlauch, der,obgleich der sitzte, doch der stärkste, mit dem untern Theil ent-schieden an der Erde festhielt, indeß der obere fortgezogen wurde,wodurch ein gekrümmtes Aufsteigen bewirkt ward.

Sonnabend, den 13. Mai.

Wiegestern, schwül heranziehende Wolken, aufgelöst undsich wieder vereinigend; fortdauernde Abwechslung.

Sonntag, den 14. Mai.

Wie gestern, nur daß die Lumulus ihre eigenthümlichegeballte Gestalt mehr behielten. Nicht unangenehme Schwüle.

Montag, den 15. Mai.

Ganz früh meist heiterer Himniel. Um sechs Uhr dichter,starker Nebelzug, der, über den ganzen Himmel hin, sich nachNorden bewegte, bald aber die Atmosphäre wieder völlig freiließ. Leicht Gewölk, doppelter Wolkenzug. Abends in WestenCumulus, Abendrots».

Dinstag, den 16. Mai.

Der ganze Hinimel leicht, aber grau überwölkt, wederSonne noch Atmosphäre zu sehen; gegen sieben Uhr Nord-wind, getrennte Wolken, ein unterer, von Süden heran-kommender Zug in die höhere Region aufgelöst. Abwech-selnde Bedeckung und Aufklärung des Himmels; nach sechs UhrSprühregen; sodann bei Untergang der Sonne im Südostenpurpurgraue Regenwolken, in denen man die Iris theilweisestehen sah.

Mittwoch, den 17. Mai.

In der Nacht starker Regenguß, der Morgen bewölkt, vonZeit zu Zeit Streifregen. Wolkenzug nach Osten. Den Tagüber mit Streifregen fortgesetzt, Abends der Himmel völligrein, doch war die Sonne mit Abendroth untergegangen. Venusund der Mond über dem Hirschsprung.

Donnerstag, den 18. Mai.

Früh ganz klarer Himniel, nach und nach leichte Cirrus,um Mittag seltene, höchst auffallende Erscheinung, die michaus der Enge auf eine freie Stätte rief. Von Weste» heraus,mit entschiedenem Südwind, zogen lange, zarte Tirrusstreifen,einzeln und vereinigt; im Borwärtsziehen krümmten sie dasvordere Ende zu kleinen Wölkchen; etwas niedriger zogenunbestimmte weiße Wölkchen, die von jenen Streifen mitaufgenommen wurden; sonst standen noch alle Arten vonCirrus am bläulichen Himmel, Schäfchen, gegitterte Streifen,alles in Bewegung und Verwandlung. Der Himmel überwölktesich nach und nach. Von der Präger Straße angesehen, zeigtensich die Wolken in mancherlei Formen; doch immer Auslösungdrohend. Abends acht Uhr unter Blitz und Donner Regengüsse.

Freitag, den 19. Mai.

Klarer Morgen, doch bald wieder leicht bewölkt; fortgesetzteBewölkung den ganzen Tag über. Abends, den Schlacken-werther Weg herabfahrend, vielfache, Gewitter drohendeWolkengestaltung. Um die untergehende Sonne trübe Atmo-späre und ein weißer, hie und da farbiger Kreis, theilweisedeutlicher und undeutlicher zu bemerken. Nachts gewaltigerRegenguß, mit Donner und Blitz.

Sonnabend, den 20. Mai.

Bedeckter Himmel, nach und nach gebrochen, Sonnenblicke,laue Luft.

Sonntag, den 21. Mai.

In der Nacht stärkster Platzregen, des Morgens schwächerbis neun Uhr; Regenwolken, mit starkem Nordostwind vor-überziehend., deßgleichen den ganzen Tag. Abends nach sieben