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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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»Meteorologie.

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Daher wenn er auch die astrologischen Grillen, als regiereder gestirnte Himmel die Schicksale der Menschen, verständigaufgab, so wollte er doch die Ueberzeugung nicht fahren lassen,daß wo nicht die Fixsterne, doch die Planeten, wo nicht diePlaneten, doch der Mond die Witterung bedinge, bestimme,und auf dieselbe einen regelmäßigen Einfluß ausübe.

Alle dergleichen Einwirkungen aber lehnen wir ab; dieWitterungserscheinnngen auf der Erde halten wir weder fürkosmisch noch planetarisch, sondern wir müssen sie nach unsernPrämissen für rein tellurisch erklären.

Barometer. '

Bei allen meteorologischen Beobachtungen wird der Baro-meterstand als Hauptphänomen, als Grund aller Wetter-betrachtungen angesehen. Auch ich bin der Ueberzeugung, daßman darin ganz richtig verfahre.

Das Quecksilber, in der luftleeren, heberförmigen Glas-röhre auf einer gewissen Höhe gehalten, überzeugt uns längstvon einem entschiedenen Druck, von einer Schwere, Elasticität,oder wie man es nennen will, der durchsichtigen, durchschei-nenden Materie, welche den uns umgebenden Raum erfüllt.

An dem Meeresufer steht das Quecksilber am höchsten; wiewir uns aber berganwärts bewegen, wird es nach und nachfallen: in jeder Region aber, wo wir eine Zeit lang verweilen,ist ein temporäres Steigen und Fallen bemerklich; dieses be-schränkt sich in einen kleinen Höheranm, welcher am Mecrcs-user etwa 30 Linien und auf hohen Gebirgen etwa 20 Linienbeträgt. Dieses geringe Steigen und Fallen ist nun an jedemOrte der Gegenstand unserer unausgesetzten Beobachtungen,deren unzählige angestellt und sorgfältig aufgezeichnet worden,womit man denn tagtäglich auf das fleißigste fortfährt. Dabeiist allgemein bekannt, daß, bei unveränderter Oertlichkeit, dasSteigen des Mercurs klares, heiteres, trockenes, das Sinkentrübes, feuchtes, stürmisches Wetter andeute.

Nach so vielen sorgfältigen Bemühungen aber ist man dochnicht dazu gelangt, etwas Regelmäßiges in diesem Ab- undAufsteigen zu bemerken; ,es geschieht zwar genau innerhalb derbestimmten Ranmeshöhe, aber Zeit und Augenblick der Wie-derkehr auf denselbigen Punkt ist nicht vorauszusehen.

Um aber hierin etwas festsetzen, ja vorhersagen zu können,hat man sich nach allen Seiten umgethan, Mond und Planeten,Tag und Nacht, Jahreszeiten und Jahrcscirkel zu Hülfe ge-rufen und sich dadurch nur immer in größere Labyrinthe ver-wickelt ; man spricht von Ebbe und Fluth in der Atmosphäre,welche an den barometrischen Bewegungen mit Ursache seynsollen.

Nun hat sich aber erst neuerlich, bei genauer Betrachtungder auf der Jenaischen Sternwarte gefertigten vergleichendenDarstellungen bemerken lassen, daß gedachtes Steigen undFallen an verschiedenen, näher und ferner, nicht weniger inunterschiedenen Längen, Breiten und Höhen gelegenen Beob-achtungsorten einen fast parallelen Gang habe.

(k r. Luniell NotsorolvAical Lsssz-s. bonäon 1823.x>. 112. Lu,'oiuek>-,'s, situsteck st Aiest ckistsneestrenn esoll otller, ölten rise und lull tvAetber vvitlrArost rsAulsrit)-. It llss been observecl, tbst

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Man nehme, um sich hiervon zu überzeugen, die vonDr. Schrön ausgearbeitete graphische Darstellung vor Augen(siehe den 2. Jahrgang der meteorologischen Beobach-tungen im Großherzogthum Weimar, im Verlag des Jn-dustriecomptoirs 1824), wo die mittlern Barometerstände vonJena, Weimar, Schöndorf, Wartburg und Ilmenau vomJahre 1823 über einander gezeichnet sind, und es wird aljo-bald die Gleichheit solcher Bewegung augenfällig seyn.

Eben so haben wir später gefunden, daß die Bewegungs-liuien von Frankenhain und Ilmenau einander vollkommendecken, obgleich jenes 700 Fuß höher über der Meeresflächeliegt, und die eine sich einen Zoll höher als die andere bewegt.Ja, die Bewegungslinie des Bernhardsberges ist mit denunsrigen gleichmäßig und gleichzeitig gefunden worden. Aufdiese Uebereinstimmung ist nun im Allgemeinen hinzuarbeiten,da selbst unter den verschiedensten Meridianen wie unter denverschiedensten Breiten die größte Uebereinstimmung herrscht.

Wenn nun die Barometerstände der verschiedensten Ortedas Aehnliche, wo nicht das gleiche besagen, so scheinen wirdadurch berechtigt, allen außerirdischen Einfluß auf die Queck-silberbewegung abzulehnen, und wir wagen auszusprechen, daßhier keine kosmische, keine atmosphärische, sondern eine tellurischeUrsache obwalte.

Denn es ist anerkannt und bestätigt, daß alle Schwere vonder Anziehungskraft der Erde abhängig sey; übt nun die Luft,in sofern sie körperlich ist, eine Schwerkraft, einen verticalenDruck aus, so geschieht es vermöge dieser allgemeinen Attrac-tion; vermindert und vermehrt sich daher der Druck, dieseSchwere, so folgt daraus, daß die allgemeine Anziehungskraftsich vermehre, sich vermindere.

Nehmen wir also mit den Physikern an, daß die Anziehungs-kraft der ganzen Erdmasse von der uns unerforschten Tiefe biszu dem Meeresufer, und von dieser Gränze der uns bekanntenErdoberfläche bis zu den höchsten Berggipfeln und darüber hin-aus erfahrungsgemäß nach und nach abnehme, wobei aber eingewisses Auf- und Absteigen, Aus- und Einathmen sich ergebe;welches denn zuletzt vielleicht nur durch ein geringes Pulsirenihre Lebendigkeit andeuten werde.

Thermometer.

Obgedachte Schrönsche Tabelle legt uns vor Augen, wiedas Thermometer seinen eigenen Gang geht, ohne mit demBarometerstände auch nur die mindeste Gemeinschaft anzu-deuten. Vom Januar bis in den August steigt er, und senktsich wieder bis in den December, ohne daß man mit dem Ba-rometerstand irgend eine Spur von Wechselwirkung entdeckenkönnte.

Wird nun das Barometer durch die Schwere der Atmo-sphäre bedingt, das Thermometer hingegen durch den fernernoder nähern Bezug der Erde zur Sonne, leugnen wir, daßbeide Wirksamkeiten unmittelbar auf einander einstießen, somüssen wir doch zugestehen, daß wir sie bei Witterungserschei-nungen nicht ohne Verhältniß denken können; dieses aber suchenwir darin, daß jedes von seiner Seite auf ein drittes wirkt,