Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiffenschast im allgemeinen.

vollkommen übereinstimmten, so freuen wir uns gar sehr, inbesonderer Anwendung gleichfalls mit ihm zusammenzutreffen.In unsern Mittheilungen zur Naturlehre konnten wir, bei Be-handlung der entoptischen Erscheinungen, uns nicht enthalten,sie den Chladnischen Toufiguren zu vergleichen. Da wir nundie große Ähnlichkeit beider ausgesprochen, so geben wir gernzu, daß im Auge ein Analogen vorgehe, und wir drücken unsdarüber folgendermaßen aus. Alles, was den Raum füllt,nimmt, in sofern es solidescirt, sogleich eine Gestalt an; dieseregelt sich mehr oder weniger und hat gegen die Umgebunggleiche Bezüge mit andern gleichgcstalteten Wesen. Wenn nundie Chladnischen Figuren nach eingewirkter Bewegung erstschweben, beben, oscilliren und dann sich beruhigen, so zeigtder entoptische Cubus gleiche Empfindlichkeit gegen die Wirkungdes Lichtes und die atmosphärische Gegenwirkung.

Wagen wir noch einen Schritt und sprechen: Das eutop-tische Glas, welches wir ja auch als Linse darstellen können,vergleicht sich dem Auge; es ist ein fein«getrübtes Wesen, sen-sibel für directen und obliquen Widerschein, und zugleich fürdie zartesten Uebergänge empfindlich. Die Achtfigur im Augedeutet auf das Ähnliche; sie zeigt ein organisches Kreuz,welches hervorzubringen Hell und Dunkel abwechseln müssen.Noch nähere Verhältnisse werden sich entdeckend

S. 43. Ueberall, wo entgegengesetzte, contiuuirlich wirkendeKräfte einander beschränken, entsteht im Wechselsiege der einenüber die andere Perivdismus in der Zeit, Oscillation imRaum; jener als Vorherrschen der einen Kraft über die anderein verschiedenen Momenten, diese wegen Ueberwiegen der einenund Zurücktreten der andern an verschiedenen Orten, so daßauch bei einer scheinbaren äußern Ruhe dennoch die innigsteBewegung in und zwischen den Begränzungspunkten statt-finden kann.

S. 92. Die Blendungsbilder.

Es ist ein unabweisbarer Glaube des Naturforschers, daßeiner jeden Modifikation des Subjectiveü innerhalb der Sinnen-sphäre jedesmal eine im Objectiven entspreche. Gewiß sind dieSinne die feinsten und erregbarsten Messer und Reagenten derihnen gehörigen Qualitäten und Verhältnisse der MateriesHörtlj, und wir müssen innerhalb des individuellen Kreisesdes Organismus eben so die Gesetze der materiellen Welterforschen, wie der Physiker äußerlich durch mannichfaltigenApparat.

Könnte das Subjective alle Materie so innig oder nochinniger durchdrängen, wie es die Nervenmasse durchdrungenhält, so würden wahrscheinlich unzählbare neue, höchst zarteModifikationen derselben zur Erscheinung kommen, von denenman es jetzt kaum wagen möchte, eine Ahnung zu fassen.

S. 103. Das Blendungsgebild verhält sich gegen dasäußere Licht wie ein trübes Mittel, das aber in gehörigerFinsterniß selbst leuchtend ist.

sHier, wo die Blendungsbilder zur Sprache kommen, istwohl billig dessen zu gedenken, was ich hierüber in meinemEntwurf einer Farbenlehre und zwar in dessen ersterAbtheilung durchaus, besonders aber Z. 23 ff. von gesundenAugen, Z. 121 ff. aber von krankhaften umständlich angezeigthabe.s

S. 145. Einheit beider Gesichtsfelder. Doppelsehen.

sAus eigener Erfahrung kann ich folgendes anführen und

vorschlagen. Man nehme irgend ein Rohr vor das eine Augeund schaue damit, indem man das andere offen behält, gegeneinen Stern, so wird man ihn nur einfach erblicken. Nunwende man das Rohr von dem Stern ab, so wird derselbe demfreien Auge gleichfalls einfach erscheinen. Nun führe man dasRohr sachte gegen den Stern zu, und es wird derselbe auch amRande des Gesichtsfeldes abermals und also doppelt erscheinen.Wenn man diese Operation vorsichtig macht, so kann man dasdoppelte Bild ziemlich weit von einander bringen und in dasGesichtsfeld des Rohres auffassen, wobei man in dem Wahnesteht, man sehe sie beide wirklich durch das Rohr. Es dauertaber nicht lange, so ziehen sie gegen einander und decken sich.Schließt man zur Zeit, wo man den Stern doppelt durch'sRohr zu sehen glaubt, das äußere Auge, so verschwindet ganznatürlich die Doppelerscheinung, und nur der eine Stern istsichtbar.

Da ich von Jugend auf meine Augen sehr leicht in den Zu-stand des Schielens versetzen kann, so ergetzte ich mich manchmalan folgendem Phänomen. Ich stellte eine Kerze vor mich hinund, die Augen in's Schielen gewendet, sah ich zwei, welcheich, so lange mir beliebte, aus einander halten konnte. Nunaber nahm ich zwei Kerzen und sah daher, sie anschielend, vier.Diese konnte ich jedoch nicht aus einander halten: denn die zweimittlern bewegten sich gegen einander und deckten sich gar bald,so daß ich nunmehr drei sah, deren Beschallung ich nach Be-lieben verlängern konnte.j

S. 149. Ich denke mir die Möglichkeit dieser Erscheinungauf folgende Weise. Jedes Auge kann, so lange das Bewußt-seyn ganz in dessen besondere Begränztheit versunken ist, als eineigenes Individuum genommen werden, welches, in Beziehungauf die Außenwelt, sein Bornen, Oben und Unten, sein Linksund Rechts hat. Dasselbe gilt von dem Tastsinne. Alle dieseBegriffe aber sind relativ und gelten nur in Rücksicht des Sub-jects und seines räumlichen Verhältnisses zum Objecte.

sDas räumliche Verhältniß des Subjects zum Objecte istdurchaus von der größten Bedeutung. Hierher gehört dasPhänomen, daß eine Erbse zwischen kreuzweise gelegten Fingerneiner Hand doppelt empfunden wird, und fällt diese Erscheinungmit dem Schielen völlig zusammen. Nun hat jeder Finger seinRechts und Links, sein Hüben und Drüben, welches zugleich derganzen Hand angehört. Wenn also der eine Finger die Kugelan der linken Seite fühlt, der andere aber an der rechten Seite,seist es keine Täuschung, sondern es deutet ganz eigentlich kon-sequente Bildung des Subjects zum Object an, ohne welche daserstere letzteres keineswegs fassen, noch mit ihm in Verbindungtreten könnte.

Eine unnatürliche Richtung gegen die Außenwelt andererArt ist auch hier, da besonders vom subjektiven Sehen die Redeist, zu bemerken. Wenn man, auf einer Höhe stehend, beiklarem Himmel einen weiten Gesichtskreis übersieht, so blickeman alsdann niedergebückt durch die Füße, oder lehne sich überirgend eine Erderhöhung hinterwärts und schaue so, in beidenFällen gleichsam auf dem Kopf stehend, nach der Gegend, sowird man sie in der allerhöchsten Farbenpracht erblicken, wienur auf dem schönsten Bilde des geübtesten trefflichsten Malers,übrigens nicht etwa umgekehrt, sondern völlig wie beim auf-rechten Stande, nur glaube ich mich zu erinnern etwas in dieBreite gezogen.)