Zur Nuturwifseuschaft im allgemeinen.
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S. 166. Das Nachbild. Imagination, Gedächtniß desGesichtssinnes.
S. 167. Das Nachbild ist genau von dem Blendungsbildezu unterscheiden. Das Nachbild wird nur durch freie Thätig-keit längere Zeit festgehalten, und verschwindet, sobald derWille nachläßt, kann aber von demselben wieder hervorgerufenwerden; das Blendungsbild schwebt unwillkürlich dem Sinnevor, verschwindet und erscheint wieder aus objectiven Gründen.
S. 168. Besonders lebhaft ist das Nachbild bei erhöhterSeelenthätigkcit, das Blendungsbild hingegen pflegt bei nervöserStimmung in asthenischem Zustande länger nachzuhalten, undverschwindet desto schneller, je energischer das Organ vom Lebendurchströmt wird.
S. 169. Ich glaube, daß man durch Uebung, indem man,nach ergreifender Anschauung des Gegenstandes, das Nachbildimmer länger und inniger festhielte, dasselbe wohl der den Sinnbefangenden Realität des Urbildes nahe bringen könnte, welcheUebung als Vorbildung des Gedächtnisses und der Einbildungs-kraft nicht unwichtig seyn dürste.
S. 170. Zunächst diesem ließe sich behaupten, daß Ge-dächtniß und Einbildungskraft in den Sinnesorganen selbstthätig sind, und daß jeder Sinn sein ihm eigenthümlich zu-kommendes Gedächtniß und Einbildungskraft besitze, die, alseinzelne begränzte Kräfte, der allgemeinen Seelenkrast unter-worfen sind.
sVon der Produktivität solcher innern vor die Augen ge-rufenen Bilder bliebe mir manches zu erzählen. Ich hatte dieGabe, wenn ich die Augen schloß und mit uiedergesenktemHaupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte,so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt,sondern sie legte sich aus einander, und aus ihrem Innern ent-falteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünenBlättern: es waren keine natürlichen Blumen, sondern phan-tastische, jedoch regelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer.Es war unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu fixiren,hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nichtund verstärkte sich nicht. Dasselbe konnte ich hervorbringen,wenn ich mir den Zierrath einer buntgemalten Scheibe dachte,welcher renn ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sichimmerfort veränderte, völlig wie die in unsern Tagen ersterfundenen Kaleidoskope. Ich erinnere mich nicht, in wiefernbei dieser regelmäßigen Bewegung eine Zahl zu bemerken ge-wesen, vermuthlich aber bezog sie sich auf den Achtstrahl:denn nicht weniger Blätter hatten die oben gemeldeten Blumen.Mit andern Gegenständen fiel mir nicht ein, den Versuch zumachen; warum aber diese bereitwillig von selbst hervortraten,mochte darin liegen, daß die vieljährige Betrachtung derPflanzenmetamorphose, so wie nachheriges Studium der ge-malten Scheiben, mich mit diesen Gegenständen ganz durch-drungen hatte; und hier tritt hervor, was Herr Purkinje sobedeutend anregt. Hier ist die Erscheinung des Nachbildes,Gedächtniß, produktive Einbildungskraft, Begriff und Idee,alles auf einmal im Spiel und manifestirt sich in der eigenenLebendigkeit des Organs mit vollkommener Freiheit, ohne Vor-satz und Leitung.
Hier darf nun unmittelbar die höhere Betrachtung allerbildenden Kunst eintreten; man sieht deutlicher ein, wases heißen wolle, daß Dichter und alle eigentlichen Künstler
geboren seyn müssen. Es muß nämlich ihre innere produktiveKraft jene Nachbilder, die im Organ, in der Erinnerung, inder Einbildungskraft zurückgebliebenen Idole freiwillig, ohneVorsatz und Wollen lebendig hervorthun, sie müssen sich ent-falten, wachsen, sich ausdehnen und zusammenziehen, um ausflüchtigen Schemen wahrhaft gegenständliche Wesen zu werden.
Wie besonders die Alten mit diesen Idolen begabt gewesenseyn müssen, läßt sich aus Demokrits Lehre von den Idolenschließen. Er kann nur aus der eigenen lebendigen Erfahrungseiner Phantasie darauf gekommen seyn.
Je größer das Talent, je entschiedener bildet sich gleichanfangs das zu producirende Bild. Man sehe Zeichnungenvon Raphael und Michel Angelo, wo auf der Stelle einstrenger Umriß das, was dargestellt werden soll, vom Grundeloslöst und körperlich einfaßt. Dagegen werden spätere, ob-gleich treffliche Künstler auf einer Art von Tasten ertappt; esist öfters, als wenn sie erst durch leichte, aber gleichgültige Zügeauf's Papier ein Element erschaffen wollen, woraus nachherKopf und Haar, Gestalt und Gewand, und was sonst noch,wie aus dem Ei das Hühnchen sich bilden solle. Von nochspätern Künstlern finden sich wunderbare Beispiele. Ich besitzeeine verdienstvolle Federzeichnung, wo, bei Anbetung derHirten, Mutter und Kind, Joseph und die Schäfer, ja Ochsund Esel doppelt und dreifach durch einander spielen. Dochmuß man gestehen, daß ein geistreicher Künstler mit Geschmackbei dieser Gelegenheit verfahren, und den vorschwebendenTraum so gut als möglich zu fixiren gesucht. Und so wird sichimmer die Entschiedenheit des eingeborenen Talents gegen dieVelleität eines Dilettanten beweisen, und man fleht daher wiehöchst Recht jene Kunstlehrer haben , welche da« Skizzircn ver-werfen und den scharfen Federumriß einer weichlichen Kreide-zeichnung vorziehen. Alles kommt darauf an, das Eigenlebendes Auges und der correspondirenden Finger zu der entschie-densten verbündeten Wirksamkeit heranzusteigern.s
Ernst Stiedenroth,
Psychologie zur Erklärung -erSeelenerscheinungen.
Erster Theil.
Berlin 1821.
Von jeher zählte ich unter die glücklichen Ereignisse meinesLebens, wenn ein bedeutendes Werk gerade zu der Zeit mir indie Hand kam, wo es mit meinem gegenwärtigen Bestrebenübereinstimmte, mich in meinem Thun bestärkte und also auchförderte. Oft fanden sich dergleichen aus höherm Alterthume;gleichzeitige jedoch waren die wirksamsten; denn das Allernächstebleibt doch immer das Lebendigste.
Nun begegnet mir dieser angenehme Fall mit obgenanntemBuche. Es langt bei mir, durch die Geneigtheit des Verfassers,zeitig an und trifft mich gerade in dem Augenblick, da ich dieBemerkungen über Purkinje, die schon mehrere Jahre beiinir gelegen, endlich zum Druck absende.
Die Philosophen vom Fach werden das Werk beurtheilenund würdigen, ich zeige nur kürzlich an, wie es mir banntergangen.