Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwisseiischaft im allgemeinen.

Wenn man sich einen Zweig denkt, der, einem sanft hinab-gleitenden Bache überlassen, seinen Weg so genöthigt als willigverfolgt, vielleicht von einem Stein augenblicklich aufgehalten,vielleicht in irgend einer Krümmung einige Zeit verweilend,sodann aber, von der lebendigen Welle fortgetragen, immerwieder unaufhaltsam im Zuge bleibt, so vergegenwärtigt mansieb die Art und Weise, wie die folgerechte und folgenreicheSchrift auf mich gewirkt.

Der Verfasser wird am besten einsehen, was ich eigentlichdamit sagen wollte; denn schon früher habe ich an mancherStelle den Unmuth geäußert, den mir in jüngern Jahren dieLehre von den untern und obern Seelenkräften erregte.In dem menschlichen Geiste, so wie im Universum, ist nichtsoben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einen gemein-samen Mittelpunkt, der sein geheimes Daseyn eben durch dasharmonische Verhältniß aller Theile zu ihm manifestirt. AlleStreitigkeiten der Aeltern und Neuern bis zur neuesten Zeitentspringen aus der Trennung dessen, was Gott in seinerNatur vereint hervorgebracht. Recht gut wissen wir, daß ineinzelnen menschlichen Naturen gewöhnlich ein Uebergewichtirgend eines Vermögens, einer Fähigkeit sich hervorthut, unddaß daraus Einseitigkeiten der Vorstellungsart nothwendig ent-springen, indem der Mensch die Welt nur durch sich kennt, undalso, naiv anmaßlich, die Welt durch ihn und um seinetwillenaufgebaut glaubt. Daher kommt denn, daß er seine Haupt-fähigkeiten an die Spitze des Ganzen setzt, und was an ihmdas Mindere sich findet, ganz und gar ableugnen und aus seinereigenen Totalität hinausstoßen möchte. Wer nicht überzeugt ist,daß er alle Manifestationen des menschlichen Wesens, Sinn-lichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Ver-stand, zu einer entschiedenen Einheit ausbilden müsse, welchevon diesen Eigenschaften auch bei ihm die vorwaltende sey, derwird sich in einer unerfreulichen Beschränkung immerfort ab-quälen und niemals begreifen, warum er so viele hartnäckigeGegner hat, und warum er sich selbst sogar manchmal alsaugenblicklicher Gegner aufstößt.

So wird ein Mann, zu den sogenannten exakten Wissen-schaften geboren und gebildet, auf der Höhe seiner Verstandes-vernunft nicht leicht begreifen, daß es auch eine exacte sinnlichePhantasie geben könne, ohne welche doch eigentlich keine Kunstdenkbar ist. Auch um denselben Punkt streiten sich die Schülereiner Gefühls- und Veruunftreligion: wenn die letztem nichteingestehen wollen, daß die Religion vorn Gefühl anfange, sowollen die ersten nicht zugeben, daß sie sich zur Vernünftigkeitausbilden müsse.

Dieß und dergleichen ward bei mir durch obgemeldetesWerk erregt. Jeder, der es lies't, wird auf seine Weise Vor-theil davon haben, und ich kann erwarten, daß, bei nähererBetrachtung, es noch oft mir als Text zu mancher glücklichenNote Gelegenheit geben werde.

Hier eine Stelle (S. 140), wo sich das Gebiet des Denkensunmittelbar an das Feld des Dichtens und Bilden« anschließt,wohin wir oben einige Blicke gewagt haben.

Es geht aus dem Bisherigen hervor, daß das DenkenReproduction voraussetzt. Die Reproduktion richtet sich nachder jedesmaligen Bestimmtheit der Vorstellung. Auf der einen

Seite wird daher für ein tüchtiges Denken eine hinreichendscharfe Bestimmtheit der gegenwärtigen Vorstellung vorausge-setzt, auf der andern Reichthum und angemessene Verbindungdes zu Reproducirenden. Diese Verbindung des zu Reprodu-cirenden, wie sie für das Denken taugt, wird selbst großen-theils erst im Denken gestiftet, wiefern aus mehrern das Ent-sprechende eine besondere Verbindung durch das nähere Ver-hältniß seines Inhalts eingeht. Das tüchtige Denken in jederWeise wird daher ganz abhängen von der Zweckmäßigkeit derReproduction, deren mau fähig ist. Wer in dieser Hinsichtnichts Rechtes vorräthig hat, der wird nichts Rechtes leisten.Wessen Reproduktionen dürftig sind, der wird Geistesarmuthzeigen; wessen Reproduktionen einseitig sind, der wird einseitigdenken; wessen Reproduktionen ungeordnet und verworrensind, der wird den hellen Kopf vermissen lassen; und so imübrigen. Das Denken also macht sich nicht etwa aus nichts,sondern es setzt eine hinreichende Vorbildung, Vorverbindung,und da wo es Denken im engern Sinn ist, eine der Sacheentsprechende Verbindung und Ordnung der Vorstellungenvoraus, wobei sich die erforderliche Vollständigkeit von selbstversteht."

Zwischenrrde.

18tg,

Nachstehende Aufsätze sind eben so wenig als die vorher-gehenden für Theile eines ganzen schriftstellerischen Werkes an-zusehen. Nach abwechselnden Ansichten, unter dem Einflüsseentgegengesetzter Gemiithsstimmungen verfaßt, zu verschiedenenZeiten niedergeschrieben, konnten sie nimmermehr zur Einheitgedeihen. Die Jahrzahl läßt sich nicht hinzufügen, theils weilsie nicht immer bemerkt war, theils weil ich, gegen meine eige-nen Papiere mich als Redacteur verhaltend, das Ueberflüssigeund manches Unbehagliche daraus verbannen durfte. Demun-geachtet ist einiges geblieben, wofür ich nicht einstehe; Wider-sprüche und Wiederholungen ließen sich nicht vermeiden, wenndas damit unzertrennbar Verknüpfte nicht gänzlich zerstörtwerden sollte.

Und so können diese Hefte (zur Morphologie) denn doch,als Theile eines menschlichen Lebens, für Zeugnisse gelten,durch wie vielerlei Zustände derjenige sich durchzuarbeiten hat,der sich mehr, als es zum praktischen Wandel nothwendigwäre, vielseitig auszubilden gedrängt ist, dem Wahlspruch sichergebend:

Willst du in's Unendliche schreiten,

Geh' im Endlichen nach allen Seiten!

Oder wie es sonst heißt:

Mtur» iuüuits est,secl qui sxmtzolu snimncl verlernt,omrrilr rirtelliAet,liest iroir omiririo.