Zur Niiturwissenschaft Im allgemeinen.
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Männer aufstehen werden, die mit jenen sich vergleichen odersie gar übertreffen werden. Sie als Vorbilder zu verschmähen,weil sie Ausländer sind, wird man uns nie überreden.
„Schließlich noch ein paar Worte über die beiden Sätze derFragmente, die von charakteristischen und charakter-losen Pflanzengattungen handeln. Je leichter jene sichfügen, desto schwerer ist mit diesen fertig zu werden. Wer sieaber mit Ernst und anhaltendem Eifer beobachtet, und des an-geborenen , durch Uebung ausgebildeten Tactes nicht ganz er-mangelt, der wird sicherlich, weit entfernt, an ihnen sich zuverwirren, die wahrhaften Arten und deren Charakter ausaller Mannichfaltigkeit der Formen gar bald herausfinden.Wer ist je in Versuchung gerathen, eine Losn ennins, welcheForm, Farbe und Bekleidung sie auch angenommen habe, miteiner Losn cinnniooinen^ srvensis, ^.Ixinn, rudlßinosnzu verwechseln? Dagegen die Uebergänge der kosn enninn indie sogenannte kosn Alnucescevs, änuaetorum, collins,neixllyUn und zahllose andere, die man zu voreilig zu Artenhat erheben wollen, täglich vorkommen, ja wohl gar aus einerund derselben Wurzel auf jüngern oder ältern, beschnittenenoder unbeichnittenen Stämmen sich zeigen. Sollte aber wirk-lich in irgend einer formenreichen Gattung durchaus keineGränze, welche die Natur selbst achtet, zu finden seyn, warhindert uns dann, sie als eine einzige Art, alle ihre Formenals eben so viele Abarten zu behandeln? So lange der Be-weis fehlt, der schwerlich je zu führen, daß überhaupt in derNatur keine Art bestehe, sondern daß jede, auch die entferntesteForm durch Mittelglieder aus der andern hervorgehen könne,so lange muß man uns jenes Verfahren schon gelten lassen.
„Damit soll aber keineswegs das Studium der Varietätenals überflüssig oder gar verderblich abgelehnt werden. Manmache nur nicht mehr und nicht weniger aus ihnen, als Naturund Wissenschaft fordern. Dann ist nichts leichter, als ihnenden rechten Platz anzuweisen; zugleich nichts nothwendiger, umdas Gebäude der Wissenschaft zu vollenden.
„Die Mannichfaltigkeit der Arten fand ihren Gegensatz inder Einheit des Lebens. Gleichwie nun das Leben, abweichendvon der mittlern Norm der Gesundheit, doch, stets seiner altenRegel treu, in Krankheit ausartet, so schweift jede Art, ab-weichend von der mittlern Norm des Gewohnten, doch stetsihrem Charakter treu, in mehr oder weniger Varietäten hin-über. Und wie das System der Arten und die Metamorphosedes Lebens sich gegenseitig zu symbolischer Erläuterung dienen,so werden wir die vegetative Krankheit nicht eher verstehenlernen, bis wir die Varietäten ihr gegenüber gestellt, diese nichteher zu ordnen wissen, bis wir das Wesen jener klarer durch-schaut haben. Die Wissenschaft kann auch hier einer vermit-telnden Symbolik nicht entbehren; in der Natur selbst ver-schlingen sich krankhafte Mißbildung und gesunde Abart ebenso unauflöslich in einander, wie beim normalen Zustande derFormen und des Lebens die Formen lebendig sich an einanderreihen, das Leben seine höhem Pulse in den Formen zu er-kennen giebt.
„Auch diese Ansicht fügt sich bequem in das obige Schema.Die unendliche Mannichfaltigkeit der Varietäten verhält sich zuder bestimmten, wiewohl unbekannten Zahl der wirklich vor-handenen Arten, wie sich die Radien, mittelst deren der Mathe-matiker den Kreis in Grade theilt, zu der Unendlichkeit denkbarer
Radien verhält. Und die eine absolute Gesundheit, die wirvorauszusetzen genöthigt sind, verhält sich zu den Krankheitensowohl einer beschleunigten als verzögerten Metamorphose, sowie sich irgend ein gesetzter Umkreis in bestimmtem Abständevon seiner Mitte zu der Unendlichkeit der Kreise verhält, dieenger oder weiter um jeden Punkt gedacht werden können.
„Zu dem letzten Satze der Fragmente noch etwas hinzuzu-fügen scheint überflüssig. Muß ich doch befürchten, daß ichohnehin schon zu viel gesagt, die klaren Gedanken des Textesdurch die Menge der Worte vielleicht absichtslos getrübt habe.Doch wie konnte ich so schmeichelhafter Aufforderung wider-stehen? Mag nun der Meister den Schüler belehren, odernach alter Sitte ihn vertreten.
Ernst Meyer."
Lr-eutende Förderniß durch rin einzigesgeistreiches Wort.
1823 .
Herr Dr. Heinroth in seiner Anthropologie, einemWerke, zu dem wir mehrmals zurückkommen werden, sprichtvon meinem Wesen und Wirken günstig, ja er bezeichnet meineVerfahrungsart als eine eigenthümliche, daß nämlich meinDenkvermögen gegenständlich thätig sey, womit er aus-sprechen will, daß mein Denken sich von den Gegenständennicht sondere; daß die Elemente der Gegenstände, die An-schauungen in dasselbe eingehen und von ihm aus das innigstedurchdrungen werden; daß mein Anschauen selbst ein Denken,mein Denken ein Anschauen sey; welchem Verfahren genannterFreund seinen Beifall nicht versagen will.
Zu was für Betrachtungen jenes einzige Wort, begleitetvon solcher Billigung, mich angeregt, mögen folgende wenigeBlätter aussprechen, die ich dem theilnehmenden Leser empfehle,wenn er vorher, Seite 389 genannten Buches, mit dem Aus-führlichem sich bekannt gemacht hat.
In dem gegenwärtigen, wie in frühern Heften (zur Mor-phologie), habe ich die Absicht verfolgt, auszusprechen, wie ichdie Natur anschaue) zugleich aber gewissermarßen mich selbst,mein Inneres, meine Art zu seyn, in sofern es möglich wäre,zu offenbaren. Hierzu wird besonders ein älterer Aufsatz: DerVersuch als Vermittler zwischen Subject undObject, dienlich gefunden werden.
Hierbei bekenne ich, daß mir von jeher die große und sobedeutend klingende Aufgabe: Erkenne dich selbst! immerverdächtig vorkam, als eiue List geheim verbündeter Priester,die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirrenund von der Thätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innernfalschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kenntnur sich selbst, in sofern er die Welt kennt, die er nur in sichund sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand,wohl beschaut, schließt ein neues Organ iu uns auf.
Am allerfördersamsten aber sind unsere Nebemnenschen,welche den Vortheil haben, uns mit der Welt aus ihremStandpunkt zu vergleichen, und daher nähere Kenntniß vonuns zu erlangen, als wir selbst gewinnen mögen.