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Zur Natmwiffenschaft im allgemeinen.
Ich habe daher in reifern Jahren große Aufmerksamkeitgehegt, in wiefern andere mich wohl erkennen möchten, damitich in und an ihnen, wie an so viel Spiegeln, über mich selbstund über mein Inneres deutlicher werden könnte.
Widersacher kommen nicht in Betracht: denn mein Daseynist ihnen verhaßt; sie verwerfen die Zwecke, nach welchen meinThun gerichtet ist, und die Mittel dazu achten sie für eben soviel falsches Bestreben. Ich weise sie daher ab und ignoriresie: denn sie können mich nicht fördern, und das ist's, woraufim Leben alles ankommt; von Freunden aber lasse ich micheben so gern bedingen als in's Unendliche hinweisen; stetsmerke ich auf sie mit reinem Zutrauen, zu wahrhafter Er-bauung.
Was nun von meinem gegenständlichen Denken ge-sagt ist, mag ich wohl auch ebenmäßig auf eine gegenständ-liche Dichtung beziehen. Mir drückten sich gewisse großeMotive, Legenden, uraltgeschichtlich Ueberliefertes so tief inden Sinn, daß ich sie vierzig bis fünfzig Jahre lebendig undwirksam im Innern erhielt; mir schien der schönste Besitz,solche werthe Bilder oft in der Einbildungskraft erneut zusehen, da sie sich denn zwar immer umgestalteten, doch ohnesich zu verändern, einer reinern Form, einer entschiedenemDarstellung entgegen reiften. Ich will hiervon nur die Brautvon Lorinth, den Gott und die Bayaderc, denGrafen und die Zwerge, den Sänger und dieKinder, und zuletzt noch den baldigst mitzutheilenden Parianennen.
Aus Obigem erklärt sich auch meine Neigung zu Gelegen-heitsgedichten, wozu jedes Besondere irgend eines Zustandesmich unwiderstehlich aufregte. Und so bemerkt man denn auchan meinen Liedern, daß jedem etwas Eigenes zum Grundeliegt, daß ein gewisser Kern einer mehr oder weniger be-deutenden Frucht einwohne; deßwegen sie auch mehrere Jahrenicht gesungen wurden, besonders die von entschiedenem Cha-rakter , weil sie an den Bortragenden die Anforderung machen,er solle sich aus seinem allgemein gleichgültigen Zustande ineine besondere, fremde Anschauung und Stimmung versetzen,die Worte deutlich articuliren, damit man auch wisse, wovondie Rede sey. Strophen sehnsüchtigen Inhalts dagegen fandeneher Gnade, und sie sind auch mit andern deutschen Erzeug-nissen ihrer Art in einigen Umlauf gekommen.
An eben diese Betrachtung schließt sich die vieljährigeRichtung meines Geistes gegen die Französische Revolutionunmittelbar an, und es erklärt sich die gränzenlose Bemühung,dieses schrecklichste aller Ereignisse in seinen Ursachen undFolgen dichterisch zu gewältigen. Schaue ich in die vielen Jahrezurück, so sehe ich klar, wie die Anhänglichkeit an diesenunübersehlichen Gegenstand so lange Zeit her mein poetischesVermögen fast unnützerweise aufgezehrt; und doch hat jenerEindruck so tief bei mir gewurzelt, daß ich nicht leugnen kann,wie ich noch immer an die Fortsetzung der natürlichenTochter denke, dieses wunderbare Erzeugniß in Gedankenausbilde, ohne den Muth, mich im einzelnen der Ausführungzu widmen.
Wende ich mich nun zudem gegenständlichen Denken,das man mir zugesteht, so finde ich, daß ich eben dasselbe Ver-fahren auch bei naturhistorischen Gegenständen zu beobachtengenöthigt war. Welche Reihe von Anschauung und Nachdenken
verfolgte ich nicht, bis die Idee der Pflanzenmetamorphose inmir aufging! wie solches meine Italiänische Reise denFreunden vertraute.
Eben so war es mit dem Begriff, daß der Schädel ausWirbelknochen bestehe. Die drei hintersten erkannte ich bald,aber erst im Jahre 1790, als ich aus dem Sande desdünenhaften Judenkirchhofs von Venedig einen zerschlagenenSchöpsenkopf aufhob, gewahrte ich augenblicklich, daß dieGesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seyen, indeniich den Uebergang vom ersten Flügelbeine zum Siebbeine undden Muscheln ganz deutlich vor Augen sah; da hatte ich denndas Ganze im allgemeinsten beisammen. So viel möge dießmaldas früher Geleistete aufzuklären hinreichen. Wie aber jenerAusdruck des wohlwollenden, einsichtigen Mannes mich auchin der Gegenwart fördert, davon noch kurze vorläufige Worte.
Schon einige Jahre suche ich meine geognostischen Studienzu revidiren, besonders in der Rücksicht, in wiefern ich sie unddie daraus gewonnene Ueberzeugung der neuen, sich überallverbreitenden Feuerlehre nur einigermaaßen annähern könnte,welches mir bisher unmöglich fallen wollte. Nun aber durchdas Wort gegenständlich ward ich auf einmal aufgeklärt,indem ich deutlich vor Augen sah, daß alle Gegenstände, dieich seit fünfzig Jahren betrachtet und untersucht hatte, geradedie Vorstellung und Ueberzeugung in mir erregen mußten, vondenen ich jetzt nicht ablassen kann. Zwar vermag ich für kurzeZeit mich auf jenen Standpunkt zu versetzen, aber ich mußdoch immer, wenn es mir einigermaaßen behaglich werdensoll, zu meiner alten Denkweise wieder zurückkehren.
Aufgeregt nun durch eben diese Betrachtungen, fuhr ichfort, mich zu prüfen, und fand, daß mein ganzes Verfahrenauf dem Ableiten beruhe; ich raste nicht, bis ich einenprägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, odervielmehr der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mirentgegenträgt, da ich denn im Bemühen und Empfangen vor-sichtig und treu zu Werke gehe. Findet sich in der Erfahrungirgend eine Erscheinung, die ich nicht abzuleiten weiß, so lasseich sie als Problem liegen, und ich habe diese Bersahrungsartin einem langen Leben sehr Vortheilhaft gefunden; denn wennich auch die Herkunft und Verknüpfung irgend eines Phäno-mens lange nicht enträthseln konnte, sondern es bei Seitelassen mußte, so fand sich nach Jahren auf einmal alles auf-geklärt in dem schönsten Zusammenhange. Ich werde mir daherdie Freiheit nehmen, meine bisherigen Erfahrungen und Be-merkungen und die daraus entspringende Sinnesweise ferner-hin in diesen Blättern (den Heften zur Morphologie) geschichtlichdarzulegen; wenigstens ist dabei ein charakteristisches Glaubens-bekenntniß zu erzwecken, Gegnern zur Einsicht, Gleichdenkendenzur Förderniß, der Nachwelt zur Kenntniß, und wenn es glückt,zu einiger Ausgleichung.
Ueber Sie Anforderungen an naturhistorische Ab-bildungen im allgemeinen, und an osteologischeinsbesondere.
1823 ,
„Wenn überall, wo der wörtlichen Darstellung ein be-stimmtes Bild der Formen znm Grunde liegt, das Bedürfniß