Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiffenschaft im allgemeinen.

Personen, Schulen, ja Völkerschaften führen hierüber nicht bei-zulegende Streitigkeiten.

Und doch ziehen manchmal gewisse Gesinnungen und Ge-danken schon in der Luft umher, so daß mehrere sie erfassenkönnen. IininLnst stzr siont nnima eominunis, czune Om-nibus prsesto est, et rzus omnes eommunio-ant invieem.(junpropter multi ssAsoes Spiritus srclsntes subito exaere persentisouut, «zuock ooAitat ^tsr bomo. Oder umweniger mystisch zu reden, gewisse Vorstellungen werden reifdurch eine Zeitreihe. Auch in verschiedenen Gärten fallenFrüchte zu gleicher Zeit vor» Baume.

Weil aber von Mitlebenden, besonders von denen, die inEinem Fach arbeiten, schwer anszumitteln ist, ob nicht etwaeiner von dem andern schon gewußt und ihm also vorsätzlichvorgegriffen habe, so tritt jenes ideelle Mißbehagen in's ge-meine Leben, und eine höhere Gabe wird, wie ein andererirdischer Besitz, zum Gegenstand von Streit und Hader. Nichtallein das betroffene Individuum selbst, sondern auch seineFreunde und Landsleute stehen auf und nehmen Antheil amStreit. Unheilbarer Zwiespalt entspringt, und keine Zeit ver-mag das Leidenschaftliche von dem Ereigniß zu trennen. Manerinnere sich der Händel zwischen Leibnitz und Newton;bis aus den heutigen Tag sind vielleicht nur die Meister indieseni Fache im Stand, sich von jenen Verhältnissen genaueRechenschaft zu geben.

Präoccupation.

Daher ist die Gränze, wo dieses Wort gebraucht wertendarf, schwer ausznmitteln: denn die eigentliche Entdeckung undErfindung ist ein Gewahrwerden, dessen Ausbildung nicht so-gleich erfolgt. Es liegt in Sinn und Herz; wer es mit sichherumträgt, fühlt sich gedrückt: er muß davon sprechen; ersucht andern seine Ueberzeugungen aufzudringen, er wirb nichtanerkannt. Endlich ergreift es ein Fähiger und bringt es mehroder weniger als sein Eigenes vor.

Bei dem Wiedererwachen der Wissenschaften, wo so man-ches zu entdecken war, half man sich durch Logogryphen. Wereinen glücklichen, folgereichen Gedanken hatte und ihn nichtgleich offenbaren wollte, gab ihn versteckt in einem Worträthselin's Publieum. Späterhin legte man dergleichen Entdeckungenbei den Akademien nieder, um der Ehre eines geistigen Besitzesgewiß zu seyn; woher denn bei den Engländern, die, wie billig,aus allem Stutzen und Vortheil ziehen, die Patente den Ur-sprung nahmen, wodurch auf eine gewisse Zeit die Nachbildungirgend eines Erfundenen verboten wird.

Der Verdruß aber, den die Prävccupation erregt, wächs'thöchst leidenschaftlich: er bezieht sich auf den Menschen, derUns bevortheilt, und nährt sich in unversöhnlichem Haß.

Plagiat

nennt man die gröbste Art von Occupation, wozu Kühnheitund Unverschämtheit gehört, und auch wohl deßhalb eine Zeitlangglücken kann. Wer geschriebene, gedruckte, nur nicht allzube«kannte Werke benutzt und für sein Eigenthum ausgiebt, wirdein Plagiarier genannt. Armseligen Menschen verzeihen wirsolche Kniffe; werden sie aber, wie es auch wohl geschieht, vontalentvollen Personen ausgeübt, so erregt es in uns, auch bei

fremden Angelegenheiten, ein Mißbehagen, weil durch schlechteMittel Ehre gesucht worden, Ansehen durch niedriges Beginnen.

Dagegen müssen wir den bildenden Künstler in Schutznehmen, welcher nicht verdient Plagiarier genannt zu werden,wenn es schon vorhandene, gebrauchte, ja bis auf einen ge-wissen Grad gesteigerte Motive nochmals behandelt.

Die Menge, die einen falschen Begriff von Originalität hat,glaubt ihn deßhalb tadeln zu dürfen, anstatt daß er höchlich zuloben ist, wenn er irgend etwas schon Vorhandenes aus einenhöhern, ja den höchsten Grad der Bearbeitung bringt. Nichtallein den Stoff empfangen wir von außen, auch fremden Ge-halt dürfen wir uns aneignen, wenn nur eine gesteigerte, wonicht vollendete Form uns angehört.

Eben so kann und muß auch der Gelehrte seine Vorgängerbenutzen, ohne jedesmal ängstlich anzudeuten, woher es ihmgekommen; versäumen wird er aber niemals, seine Dankbarkeitgelegentlich auszudrücken gegen die Wohlthäter, welche dieWelt ihm aufgeschlossen, es mag nun seyn, daß er ihnen An-sicht über das Ganze oder Einsicht in's einzelne verdankt.

Posieß.

! Sticht alle sind Erfinder, doch will jedermann dafür ge-! halten seyn; um so verdienstlicherhandeln diejenigen, welche! gern und gewissenhaft anerkannte Wahrheiten fortpflanzen.' Freilich folgen darauf auch weniger begabte Mezischen, die am? Eingelernten festhalten, am Herkömmlichen, am Gewohnten.! Auf diese Weise bildet sich eine sogenannte Schule und in der-selben eine Sprache, in der man sich nach seiner Art versteht,sie deßwegen aber nicht ablegen kann, ob sich gleich das Be-zeichnete durch Erfahrung längst verändert hat.

Mehrere Männer dieser Art regieren das wissenschaftliche^ Gildewesen, welches, wie ein Handwerk, das sich von der Kunst! entfernt, immer schlechter wird, je mehr man das eigenthüm-i liche Schauen und das unmittelbare Denken vernachlässigt.

Da jedoch dergleichen Personen von Jugend auf in solchenGlaubensbekenntnissen unterrichtet sind nnv im Vertrauen auf^ ihre Lehrer das mühsam Erworbene in Beschränktheit und Ge-i wohnheit hartnäckig behaupten, so läßt sich vieles zu ihrer Ent-schuldigung sagen. Und man finde ja keinen Unwillen gegen sie.

! Derjenige aber, der anders venkt, der vorwärts will, mache^ sich deutlich, daß nur ein ruhiges, folgerechtes Gegenwirkendie Hindernisse, die sie in den Weg legen, obgleich spät, dochendlich überwinden könne und müsse.

Usurpation.

Jede Besitzergreifung, die nicht mit vollkommenem Rechtgeschieht, nennen wir Usurpation; deßwegen in Kunst undWissenschaft im strengen Sinne Usurpation nicht stattfindet:denn um irgend eine Wirkung hervorzubringen, ist Kraft nöthig,welche jederzeit Achtung verdient. Ist aber, wie es in allem,was auf die Menschen sittlich wirkt, leicht geschehen kann, dieWirkung größer, als die Kraft verdiente, so kann demjenigen,der sie hervorbringt, weder verdacht werden, wenn er dieMenschen im Wahn läßt, oder auch wohl sich selbst mehr dünkt,

' als er sollte. Endlich kommt ein auf diese Weise erhalteneri Ruf bei der Menge gelegentlich in Verdacht, und wenn sie sich' darüber gar zuletzt aufklärt, so schilt sie auf einen solchen