Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Natmwiffenschast im allgemeinen

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usurpirten Ruhm, anstatt daß sie auf sich selbst schelten sollte;denn sie ist es ja, die ihn ertheilt hat.

Im Nesthetischen ist es leichter sich Beifall und Namen zuerwerben: denn man braucht nur zu gefallen; und was gefälltnicht eine Weile? Im Wissenschaftlichen wird Zustimmung undRuhm immer bis auf einen gewissen Grad verdient, und dieeigentliche Usurpation liegt nicht in Ergreifung, sondern inBehauptung eines unrechtmäßigen Besitzes. Diese findet stattbei allen Universitäten, Akademien und Societäten. Man hat sicheinmal zu irgend einer Lehre bekannt; mau nmß sie behaupten,wenn man auch ihre Schwächen empfindet. Nun heiligt derZweck alle Mittel; ein kluger Nepotismus weiß die Angehörigenemporzuheben. Fremdes Verdienst wird beseitigt, die Wirkungdurch Verneinen, Verschweigen gelähmt. Besonders macht sichdas Falsche dadurch stark, daß man es, mit oder ohne Bewußt-seyn, wiederholt, als wenn es das Wahre wäre.

Unredlichkeit und Arglist wird nun zuletzt der Hauptcharakterdieses falsch und unrecht gewordenen Besitzes. Die Gegen-wirkung wird immer schwerer: Scharfsinn verläßt geistreicheMenschen nie, am wenigsten wenn sie Unrecht haben. Hiersehen wir nun oft Haß und Grimm in dem Herzen Neustreben-der entstehen; es zeigen sich die heftigsten Aeußerungen, derensich die Usurpatoren, weil das schwachgesinnte, schwankendePublicum, dem es, nach tausend Unschicklichkeiten, endlich ein-fällt, einmal für Schicklichkeit zu stimmen, dergleichen Schrittebeseitigen mag, zu ihrem Vortheil und zu Befestigung desReiches gar wohl zu bedienen wissen.

Lrlinden und Entdecken.

Es ist immer der Muhe werth nachzudenken, warum dievielfachen und harten Contestationen über Priorität bei Ent-decken und Erfinden beständig fortdauern und auf's neue ent-stehen.

Zum Entdecken gehört Glück, zum Erfinden Geist, undbeide können beides nicht entbehren.

Dieses spricht aus und beweist, daß man ohne Ueber-lieferung, unmittelbar persönlich Naturgegensläudc oder derenEigenschaften gewahr werden könne.

Das Erkennen und Erfinden sehen wir als den vorzüglich-sten selbsterworbenen Besitz an und brüsten uns damit.

Der kluge Engländer verwandelt ihn durch ein Patent so-gleich in Realitäten und überhebt sich dadurch alles verdrieß-lichen Ehrenstreites.

Aus Obigem aber ersehen wir, wie sehr wir von Autorität,von Ueberlieferung abhängen, daß ein ganz frisches eigenthüm-liches Gewahrwcrden so hoch geachtet wird; deßhalb auch nie-mand zu verarge» ist, wenn er nicht aufgeben will, was ihnvor so vielen andern auszeichnet.

Johann Hunter, Spätlingsohn eines Landgeistlichen,ohne Unterricht bis iu's sechzehnte Jahr herausgewachsen, wieer sich an's Wissen begicbt, gewinnt schnell das Vorgefühl vonvielen Dingen; er entdeckt dieses und jenes durch genialeUebersicht und Folgerung: wie er sich aber darauf gegen andereetwas zu Gute thut, muß er zu seiner Verzweiflung erfahren,daß das alles schon entdeckt sey.

Endlich da er als Prosector seines viel ältern Bruders,

Professors der Anatomie, wirklich im menschlichen Körperbauetwas Neues entdeckt, der Bruder aber in seinen Vorlesungenund Programmen davon Gebrauch macht, ohne seiner zu ge-denken, entsteht in ihm ein solcher Haß, es ergiebt sich einZwiespalt zwischen beiden, der zum öffentlichen Skandal wird,und nach großem, ruhmvoll durcharbeiteten: Leben auf demTodbette sich nicht ausgleichen läßt.

Solche Verdienste des eigenen Gewahrwerdens sehen wiruns durch Zeitgenossen verkümmert, daß es Noth thäte, Tagund Stunde nachzuweisen, wo uns eine solche Offenbarunggeworden. Auch die Nachkommen bemühen sich, Ueberliefe-rungen nachzuweisen: denn es giebt Menschen, die, um nuretwas zu thun, das Wahre schelten und das Falsche loben undsich aus der Negation des Verdienstes ein Geschäft machen.

Um sich die Priorität zu bewahren einer Entdeckung, dieer nicht aussprechen wollte, ergriff Galilei ein geistreichesMittel: er versteckte seine Erfindung anagrammatisch in Latei-nische Verse, die er sogleich bekannt machte, um sich im Falleohne weiteres dieses öffentlichen Geheimnisses bedienen zukönnen.

Ferner ist Entdecken, Erfinden, Mittheilen, Benutzen sonahe verwandt, daß mehrere bei einer solchen Handlung alsEine Person können angesehen werden. Der Gärtner entdeckt,daß das Wasser in der Pumpe sich nur auf eine gewisse Höheheben läßt, der Physiker verwandelt eine Flüssigkeit in dieandere, und ein großes Geheimniß kommt an den Tag; eigent-lich war jener der Entdecker, dieser der Erfinder. Ein Kosakführt den reifenden Pallas zu der großen Masse gediegenenEisens in der Wüste; jener ist Erfinder, dieser der Anfdeckerzu nennen; es trägt seinen Namen, weil er es uns bekanntgemacht hat.

Ein merkwürdiges Beispiel, wie die Nachwelt irgend einemVorfahren die Ehre zu rauben geneigt ist, sehen wir an denBemühungen, die man sich gab, Christoph Colombo dieEhre der Entdeckung der ueuen Welt zu entreißen. Freilichhatte die Einbildungskraft den westlichen Ocean schon längstmit Juselu und Land bevölkert, daß man sogar in der erstendüstern Zeit lieber eine ungeheure Insel untergehen ließ, alsdaß nian diese Räume leer gelassen hätte. Freilich waren dieNachrichten von Asien her schon weit herangerückt; Kühnge-sinnten und Wagehälsen genügte die Küstenschifffahrt nicht mehr;durch die glückliche Unternehmung der Portugiesen war dieganze Welt in Erregung: aber es gehörte denn doch zuletzt einMann dazu, der das alles zusammenfaßte, um Fabel undNachricht, Wahn und Ueberlieferung in Wirklichkeit zu ver-wandeln.

Uebrr Mathematik und deren Mißbrauch,

so wie

das periodische Vorwalten einzelner wissenschaftlichenZweige.

Das Recht, die Natur in ihren einfachsten, geheimstenUrsprüngen, so wie in ihren offenbarsten, am höchsten aus-fallenden Schöpfungen, auch ohne Mitwirkung derMathematik,zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen, mußte ich mir, meineAnlagen und Verhältnisse zu Rathe ziehend, gar früh schon