Zur Naturwissenschaft im allgemeinen.
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einer geheimnißvolleck Synthese zu thun habe, oder ob das,womit er sich beschäftigt, nur eine Aggregation sey, ein Neben-einander, ein Miteinander, oder wie das alles modificirt werdenkönnte. Einen Argwohn dieser Art geben diejenigen Capiteldes Wissens, mit denen es nicht vorwärts will. In diesemSinne könnte man über Geologie und Meteorologie gar frucht-bare Betrachtungen anstellen.
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viscutös en iUars 1830 au 8ein de l'^cadeinie liozal des
Sciences par Nn. tinoeriwv vn 8>»r-lkii.<ii!N.
Paris 183V.
I. Abschnitt.
Bei einer Sitzung der Französischen Akademie am 22. Fe-bruar dieses Jahres begab sich ein wichtiger Vorfall, der nichtohne höchst bedeutende Folgen bleiben kann. In diesem Heilig-thum der Wissenschaften, wo alles in Gegenwart eines zahl-reichen Publicums auf das anständigste vorzugehen Pflegt, woman mit der Mäßigung, ja der Vorstellung wohlerzogener Per-sonen sich begegnet, bei Verschiedenheit der Meinungen nur mitMaaß erwiedert, das Zweifelhafte eher beseitigt als bestreitet,hier ereignet sich über einen wissenschaftlichen Punkt ein Streit,der persönlich zu werden droht, aber, genau besehen, weitmehr bedeuten will.
Es offenbart sich hier der immer fortwährende Conflictzwischen den zwei Denkweisen, in die sich die wissenschaftlicheWelt schon lange trennt, der sich auch zwischen unsern nachbar-lichen Naturforschern immerfort hinschlich, nun aber dießmalmerkwürdig heftig sich hervorthut und ausbricht.
Zwei vorzügliche Männer, der perpetuirliche Secretär derAkademie, Baron Cuvier, und ein würdiges Mitglied,Geofsroy de Saint-Hilaire, treten gegen einander auf;der erste aller Welt, der zweite den Naturforschern rühmlichstbekannt; seit dreißig Jahren Collegen an Einer Anstalt, lehrensie Naturgeschichte am llardin des kluutes, in dem unüberseh-baren Felde beide eifrigst beschäftigt, erst gemeinschaftlich arbei-tend , aber nach und nach durch Verschiedenheit der Ansichtengetrennt und sich eher ausweichend.
Cuvier arbeitet unermüdlich als Unterscheidender, das Vor-liegende genau Beschreibender, und gewinnt sich eine Herrschaftüber eine unermeßliche Breite. Geoffroy de Saint-Hilaire hin-gegen ist im Stillen um die Analogien der Geschöpfe und ihregeheimnißvollen Verwandtschaften bemüht; jener geht aus demeinzelnen in ein Ganzes., welches zwar vorausgesetzt, aber alsnie erkennbar betrachtet wird; dieser hegt das Ganze im innernSinne, und lebt in der Ueberzeugung fort, das einzelne könnedaraus nach und nach entwickelt werden. Wichtig aber ist zubemerken, daß manches, was diesem in der Erfahrung klar unddeutlich nachzuweisen gelingt, von jenem dankbar aufgenommenwird; eben so verschmäht dieser keineswegs, was ihm vondorther einzeln Entschiedenes zukommt; und so treffen sie aufmehrern Punkten zusammen, ohne daß sie sich deßhalb Wechsel-wirkung zugestehen. Denn eine Voranschauung, Vorahnungdes einzelnen im Ganzen will der Trennende, Unterscheidende,
auf der Erfahrung Beruhende, von ihr Ausgehende nicht zu-geben. Dasjenige erkennen und kennen zu wollen, was mannicht mit Augen sieht, was man nicht greifbar darstellen kann,erklärt er nicht undeutlich für eine Anmaßung. Der anderejedoch, aus gewisse Grundsätze haltend, einer hohen Leitung sichüberlassend, will die Autorität jener Behandlungsweise nichtgelten lassen.
Nach diesem einleitenden Vortrag wird uns nunmehr wohlniemand verargen wenn wir das Obengesagte wiederholen:hier sind zwei verschiedene Denkweisen im Spiele, welche sichin dem menschlichen Geschlecht meistens getrennt und dergestaltvertheilt finden, daß sie, wie überall, so auch im Wissen-schaftlichen schwer zusammen verbunden angetroffen werden,und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl vereinigen mögen.Ja es geht so weit, daß wenn ein Theil von dem andern auchetwas nutzen kann, er es doch gewissermaaßen widerwilligaufnimmt. Haben wir die Geschichte der Wissenschaften undeine eigene lange Erfahrung vor Augen, so möchte man be-fürchten, die menschliche Natur werde sich von diesem Zwiespaltkaum jemals retten können. Wir führen das Porhergesagtenoch weiter aus.
Der Unterscheidende wendet so viel Scharfsichtigkeit an,er bedarf einer ununterbrochenen Aufmerksamkeit, einer bis in'sKleinste durchdringenden Gewandtheit, die Abweichungen derGestalten zu bemerken, und zuletzt gleichfalls der entschiedenenGeistesgabe, diese Differenzen zu benennen, daß man ihmnicht wohl verargen kann, wenn er hierauf stolz ist, wenn erdiese Behandlungsweise als die einzig gründliche und richtigeschätzen kann.
Sieht er nun gar den Ruhm, der ihm deßhalb zu Theilward, darauf beruhen, so möchte er nicht leicht über sich ge-winnen, die anerkannten Vorzüge mit einem andern zu theilen,der sich, wie es scheint, die Arbeit leichter gemacht hat, ein Zielzu erreichen, wo eigentlich nur für Fleiß, Mühe, Anhaltsamkeitder Kranz dargeboten werden sollte.
Freilich glaubt derjenige, der von der Idee ausgeht, sichauch etwas einbilden zu dürfen, er, der einen Hauptbegriffzu fassen weiß, dem sich die Erfahrung nach und nach unter-ordnet, der in sicherer Zuversicht lebt, er werde das, was erhie und da gefunden und schon im ganzen ausgesprochen hat,gewiß in einzelnen Fällen wieder antreffen. Einem so ge-stellten Manne haben wir wohl auch eine Art von Stolz, eingewisses inneres Gefühl seiner Vorzüge nachzusehen, wenn ervon seiner Seite nicht nachgiebt, am wenigsten aber eine gewisseGeringschätzung ertragen kann, die ihm von der Gegenseiteöfters, wenn auch auch auf eine leise, mäßige Art erzeigtwird.
Was aber den Zwiespalt unheilbar macht, dürfte wohlfolgendes seyn. Da der Unterscheidende durchaus sich mit demFaßlichen abgiebt, das, was er leistet, belegen kann, keine un-gewöhnlichen Ansichten fordert, niemals, was paradox erscheinenmöchte, vorträgt, so muß er sich ein größeres, ja ein allge-meines Publicum erwerben; dagegen jener sich mehr oder we-niger als Eremiten findet, der selbst mit denjenigen, die ihmbeipflichten, sich nicht immer zu vereinigen weiß. Schon oft istin der Wissenschaft dieser Antagonismus hervorgetreten, undes muß sich das Phänomen immer wieder erneuern, da, wiewir eben gesehen, die Elemente hierzu sich immer getrennt neben.