Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiflenschaft im allgemeinen.

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einander fortbilden, und wo sie sich berühren, jederzeit eine Ex- .Plosion verursachen. !

Meist geschieht dieß nun, wenn Individuen verschiedener ^Nationen, verschiedenen Alters oder in sonstiger Entfernung ^der Zustände auf einander wirken. In gegenwärtigem Falle ^erscheint jedoch der merkwürdige Umstand, daß zwei Männer, ^im Alter gleich vorgerückt, seit achtunddreißig Jahren Collegenan Einer Anstalt, so lange Zeit auf Einem Felde in verschie-denen Richtungen verkehrend, sich einander ausweichend, sichdnldend, jeder für sich fortwirkend, die feinste Lebensart aus-übend, doch zuletzt einem Ausbruch, einer endlichen öffentlichenWiderwärtigkeit ausgesetzt und unterworfen werden.

Nachdem wir nun eine Zeit lang im allgemeinen verweilt,so ist es nun sachgemäß, dem Werke, dessen Titel wir oben an« !gezeigt haben, näher zu treten. ^

Seit Anfang März unterhalten uns schon die Pariser Tages- !blätter von einem solchen Vorfall, indem sie sich dieser oder ^jener Seite mit Beifall zuneigen. In einigen folgenden Ses- !sionen dauerte der Widerstreit fort, bis endlich Geoffroy de !Saint-Hilaire den Umständen angemessen findet, diese Discus- .sionen aus jenem Kreise zu entfernen und durch eine eigene !Druckschrift vor das größere Publicnm zu bringen. ^

Wir haben gedachtes Heft dnrchgelesen und studirt, dabei !aber manche Schwierigkeit zu überwinden gehabt, und uns !deßhalb zu gegenwärtigem Aufsatz entschlossen, damit uns !mancher, der gedachte Schrift in die Hand nimmt, freundlich ,danken möge, daß wir ihm zu einiger Einleitung verhelfen. !Deßhalb stehe denn hier als Inhalt des fraglichen Werks die !Chronik dieser neuesten Französischen akademischen Streitigkeiten. !

Den 15. Februar 1830 (S. 35)trägt Geoffroy de Saint-Hilaire einen Rapport vor über einenAufsatz, worin einige junge Leute Betrachtungen anstellen, dieOrganisation der Mollusken betreffend, freilich mit besondererVorliebe für die Behandlungsart, die man n xriori nennt undwo die units cke oornposition orAsniexno als der wahreSchlüssel zu den Natnrbctrachtnngen gerühmt wird.

Den 22. Februar (S. 53)tritt Baron Cuvier mit seiner Gegenrede auf und streitet gegendas anmaßliche einzige Princip, erklärt es für ein untergeord-netes und spricht ein anderes aus, welches er für höher und fürfruchtbarer erklärt.

In derselben Sitzung (S. 73)improvisiert Geoffroy de Saint-Hilaire eine Beantwortung,worin er sein Glaubensbekenntniß noch nnbewundener ausspricht.

Sitzung vom 1. März (S. 81).

Geoffroy de Saint-Hilaire lieft einen Aufsatz vor in dem-selben Sinne, worin er die Theorie der Analogien als neu undhöchst brauchbar darzustellen sucht.

Sitzung vom 22. März (S. 109).

Derselbe unternimmt, die Theorie der Analogien auf dieOrganisation der Fische nützlich anzuwenden.

In derselben Session (S. 139)sucht Baron Cuvier die Argumente seines Gegners zu ent-kräften, indem er an das os IiMeles, welches znr Sprachegekommen war, seine Behauptungen anknüpft.

Sitzung vom 29. März (S. 163).

Geoffroy de Saint-Hilaire vertheidigt seine Ansichten desos Ir^oiäes und fügt einige Schlußbetrachtuugen hinzu.

Die Zeitschrift Is Tcwxs in der Nummer vom 5. Märzgiebt ein für Geoffroy de Saint-Hilaire günstiges Resnmb ausunter der Rubrik:Auf die Lehre von der philosophischen Ueber-einstimmung der Wesen bezüglich." Der btstionsi thut in derNummer vom 22. März das Gleiche.

Geoffroy de Saint-Hilaire entschließt sich, die Sache ausdem Kreise der Akademie herauszunehmen, läßt das bisherVorgefallene zusammen drucken und schreibt dazu einen Vor-bericht:Ueber die Theorie der Analogien", und datirt solchenvom 15. April.

Hierdurch nun setzt er seine Ueberzeugung hinlänglich in'sKlare, so daß er unsern Wünschen, die Angelegenheit möglichstallgemein verständlich vorzuführen, glücklich entgegenkommt,wie er auch in einem Nachtrag (S. 27) die Nothwendigkeit derVerhandlung in Druckschriften behauptet, da bei mündlichenDiscussionen das Recht wie das Unrecht zu verhallen Pflege.

Ganz geneigt aber den Ausländern, erwähnt er, mit Zu-friedenheit und Beistimmung, dessen, was die Deutschen unddie Edinburgher in diesem Fache geleistet, und bekennt sich alsihren Allnrten, woher denn die wissenschaftliche Welt sich be-deutende Vortheile zu versprechen hat.

Hier aber lassen wir zunächst einige, nach unserer Weise,aus dem Allgemeinen in's Besondere wechselnde Bemerkungenfolgen, damit für uns der möglichste Gewinn sich daraus ergebe.

Wenn uns in der Staaten- so auch in der Gelehrten-geschichte gar manche Beispiele begegnen, daß irgend ein beson-deres, oft geringes und zufälliges Ereigniß eintritt, das diebisher verhüllten Parteien offen einander gegenüberstellt, sofinden wir hier denselben Fall, welcher aber unglücklicherweisedas Eigene hat, daß gerade der Anlaß, der diese Contestationenhervorgerufen, ganz specieller Art ist, und die Angelegenheitauf Wege leitet, wo sie von einer gränzenlosen Verwirrungbedroht wird, indem die wissenschaftlichen Punkte, die zurSprache kommen, an und für sich weder ein bedeutendes In-teresse erregen noch dem größten Theile des Publicnms klarwerden können; daher es denn wohl verdienstlich seyn müßte,den Streit auf seine ersten Elemente zurückzuführen.

Da aber alles, was sich unter Menschen im höhern Sinneereignet, ans dem ethischen Standpunkte betrachtet, beschautund beurtheilt werden muß, zunächst aber die Persönlichkeit, dieIndividualität der fraglichen Personen vorzüglich zu beachten ist,so wollen wir uns vor allen Dingen mit der Lebensgeschichteder beiden genannten Männer, wenn auch nur im allgemeinsten,bekannt machen.

Geoffroy de Saint-Hilaire, geboren 1772, wird als Pro-fessor der Zoologie im Jahre 1793 angestellt, und zwar alsman den üsräin «tu Hol zu einer öffentlichen Lehrschule be-stimmt. Bald nachher wird Cuvier gleichfalls zu dieser Anstaltberufen; beide arbeiten zutraulich zusammen, wie es wohl-meinende Jünglinge Pflegen, unbewußt ihrer innern Differenz.

Geoffroy de Saint-Hilaire gesellt sich im Jahre 1798 zuder ungeheuer problematischen Expedition nach Aegypten, undwird dadurch seinem Lehrgeschäft gewissermaaßen entfremdet;aber die ihm inwohnende Gesinnung, aus dem Allgemeinenin'? Besondere zu gehen, befestigt sich nur immer mehr, undnach seiner Rückkunft, bei dem Antheil an dem großen Ägyp-tischen Werke, findet er die erwünschteste Gelegenheit, seineMethode anzuwenden und zu nutzen.