Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Zur Nuturwiffenschast im allgemeinen.

531

zum Menschen, den Vogel zum Vogel macht, zuletzt auf dassonderbarste abbrevirt erscheint, daß man dasselbe als einezufällige Mißbildung ansprechen könnte, so sind doch die sämmt-lichen einzelnen Gliedmaaßen daran gar wohl zu unterscheiden:das Analogon ihrer Gestalt ist nicht zu verkennen, eben so wenigwie weit sie sich erstrecken, wo sie sich einfügen und, obgleichdie vordersten sich an Zahl verringern, die überbleibenden ihrebestimmte Nachbarschaft nicht aufgeben.

Diesen wichtigen Punkt, den man bei Untersuchung derHähern thierischen Osteologie in's Auge fassen muß, hat Geof-froh vollkommen richtig eingesehen, und entschieden ausgedrückt,daß man irgend einen besondern Knochen, der sich uns zu ver-bergen scheint, am sichersten innerhalb der Gränzen seiner Nach-barschaft entdecken könne.

Bon einer andern Hauptwahrheit, die sich hier unmittelbaranschließt, ist er gleichfalls durchdrungen, daß nämlich die hans-hältische Natur sich einen Etat, ein Budget vorgeschrieben, indessen einzelnen Capiteln sie sich die vollkommenste Willkür vor-behält, in der Hauptsnmme jedoch sich völlig treu bleibt, indem,wenn an der einen Seite zu viel ausgegeben worden, sie esder andern abzieht und auf die entschiedenste Weise sich in'sGleiche stellt. Diese beiden sichern Wegweiser, denen unsereDeutschen seit so manchen Jahren so viel verdanken, sind vonHerrn Geofsroy dergestalt anerkannt, daß sie ihm auf seinemwissenschaftlichen Lebensgange jederzeit die besten Diensteleisten; wie sie denn überhaupt den traurigen Behelf der End-ursachen völlig beseitigen werden.

So viel sey genug, um anzudeuten, daß wir keine Art derManifestation des labyrinthischen Organismus außer Achtlassen dürfen, wenn wir durch Anschauung des Aeußern zurEinsicht in das Innerste gelangen wollen.

Aus dem bisher Verhandelten ist ersichtlich; daß Geofsroyzu einer hohen, der Idee gemäßen Denkweise gelangt sey, iLeider bietet ihm seine Sprache auf manchen Punkten nicht den lrichtigen Ausdruck, und da sein Gegner sich im gleichen Falle ^befindet, so wird dadurch der Streit unklar und verworren.Wir wollen suchen, diesen Umstand bescheidentlich aufzuklären.Denn wir möchten diese Gelegenheit nicht versäumen, bemerk-lich zu machen, wie ein bedenklicher Wortgebrauch bei Franzö-sischen Verträgen, ja bei Streitigkeiten vortrefflicher Männer,zu bedeutenden Irrungen Veranlassung giebt. Man glaubt inreiner Prosa zu reden, und man spricht schon tropisch; den jTropen wendet einer anders an als der andere, führt ihn in !verwandtem Sinne weiter, und so wird der Streit unendlich !und das Räthsel unauflöslich. !

Llateriaux. Dieses Wortes bedient man sich, um dieTheile eines organischen Wesens auszudrücken, die zusammenentweder ein Ganzes oder einen untergeordneten Theil desGanzen ausmachen. In diesem Sinne würde man denZwischenkuochen, die obere Kinnlade, das Gaumenbein M a-terialien nennen, woraus das Gewölbe des Rachens zu-sammengesetzt ist; eben so den Knochen des Oberarms, die !beiden des Vorderarms und die mannichsaltigen der Hand als !Materialien betrachten, woraus der Arm des Menschen, der !Vorderfuß des Thieres zusammengesetzt ist. ^

Im allgemeinsten Sinne bezeichnen wir aber durch das 1Wort Materialien unzusammenhängende, wohl auch nichtzusammengehörige, ihre Bezüge durch willkürliche Bestimmung I

erhaltende Körper. Balken, Breter, Latten sind MaterialienEiner Art, aus denen man gar mancherlei Gebäude und sodenn auch z. B. ein Dach zusammenfügen kann. Ziegeln,Kupfer, Blei, Zink, haben mit jenen gar nichts gemein, undwerden doch nach Umständen das Dach abzuschließen nöthig.

Wir müssen daher dem Französischen Wort matbriauxeinen viel Hähern Sinn unterlegen, als ihm zukommt, ob esgleich ungern geschieht, weil wir die Folgen voraussehen.

Oomposition. Ein gleichfalls unglückliches Wort, mecha-nisch mit dem vorigen mechanischen verwandt. Die Franzosenhaben solches, als sie über Künste zu denken und zu schreibenanfingen, in unsere Knnstlehren eingeführt; denn so heißt es,der Maler componire sein Gemälde; der Musikus wird sogarein- für allemal Componist genannt, und doch, wenn beide denwahren Namen eines Künstlers verdienen wollen, so setzen sieihre Werke nicht zusammen, sondern sie entwickeln irgend eininwohnendcs Bild, einen Hähern Anklang natur- und kunst-gemäß.

Eben so wie in der Kunst, ist, wenn von der Natur ge-sprochen wird, dieser Ausdruck herabwürdigend. Die Organecomponiren sich nicht als vorher fertig; sie entwickeln sich ausund an einander zu einem nothwendigen, in's Ganze greifendenDaseyn. Da mag denn von Funktion, Gestalt, Farbe, Maaß,Masse, Gewicht oder von andern Bestimmungen, wie sie heißenmögen, die Rede seyn, alles ist beim Betrachten und Forschen zu-lässig; das Lebendige geht ungestört feinen Gang, Pflanzt sichweiter, schwebt, schwankt, und erreicht zuletzt seine Vollendung.

blmdrsnellement ist gleichfalls ein technisches Wort desZimmerhandwerks und drückt aus, die Balken und Sparrenin und an einander zu fügen. Ein Fall, wo dieses Wort zu-lässig und ausdrücklich erscheint, ist, wenn es gebraucht wird,um die Verzweigung einer Straße in mehrere zu bezeichnen.

Wir glauben hier im einzelnen so wie im Ganzen die Nach-wirkung jener Epoche zu sehen, wo die Nation dem Sensua-lismus hingegeben war, gewohnt, sich materieller, mechanischer,atomistischer Ausdrücke zu bedienen, da denn der forterbendeSprachgebrauch zwar im gemeinen Dialog hinreicht, sobaldaber die Unterhaltung sich in's Geistige erhebt, den HähernAnsichten vorzüglicher Männer offenbar widerstrebt.

Noch ein Wort führen wir an, das Wort plan. Weil sich,um die Materialien wohl zu componiren, eine gewisse vorausüberdachte Anordnung nöthig macht, so bedienen jene sich desWortes plan, werden aber sogleich dadurch auf den Begriffeines Hauses, einer Stadt geleitet, welche, noch so vernünftigangelegt, immer noch keine Analogie zu einem organischenWesen darbieten können. Dennoch brauchen sie unbedacht Ge-bäude und Straßen als Gleichniß; da denn zugleich der Aus-druck uuitö cku plan zuni Mißverständnisse, zum Hinund-wiedersprecheu Anlaß giebt, und die Frage, worauf alles an-kommt, durchaus verdüstert wird. Vnit6 ckn tn>ö würde dieSache schon näher auf den rechten Weg geleitet haben, unddieß lag so nahe, indem sie das Wort t^ps im Context derRede gar wohl zu brauchen wissen, da es eigentlich obenanstehen und zur Ausgleichung des Streites beitragen sollte.

Wiederholen wir zunächst nur, daß Graf Bussen schon unJahre 1753 drucken läßt, er bekenne sich zu einem ckesstuprimitik st AÜneral gu'on pout suivrs tres loiu surleguel tont sembis avoir btv eouxu. Doms IV. xa§. 379.