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Lur Naturwiffenfchast im allgemeinen.
Die Natur bleibt ewig respektabel, ewig bis auf einengewissen Punkt erkennbar, ewig dem Verständigen brauchbar.Sie wendet uns gar mannichfaltige Seiten zu; was sie ver-birgt, deutet sie wenigstens an; dem Beobachter wie demDenker giebt sie vielseitigen Anlaß, und wir haben Ursache,kein Mittel zu verschmähen, wodurch ihr Aeußeres schärfer zubemerken und ihr Inneres gründlich zu erforschen ist. Wirnehmen daher zu unsern Zwecken ohne weiteres die Functionin Schutz.
Function, recht begriffen, ist das Daseyn, in Thätigkeitgedacht, und so beschäftigen wir uns, von Geoffroy selbst auf-gerufen, mit dem Arme des Menschen, mit den Vorderfüßendes Thiers.
Ohne gelehrt scheinen zu wollen, beginnen wir von Aristo-teles, Hippokrates und Galen, nach dem Bericht des letzter».Die heitern Griechen schrieben der Natur einen allerliebstenVerstand zu. Habe sie doch alles so artig eingerichtet, daß mandas Ganze immer vollkommen finden müsse. Den kräftigenThieren verleihe sie Klanen und Hörner, den schwachem leichteBeine. DerMensch aber sey besonders versorgt durch seine viel-thätige Hand, wodurch er statt Hörner und Klauen sich Schwertund Spieß anzuschaffen wisse. Eben so ist der Zweck, warumder Mittelfinger länger sey als die übrigen, recht lustig zu ver-nehmen.
Wollen wir jedoch nach unserer Art weiter fortschreiten,müssen wir das große d'Altonsche Werk vor uns legen undaus dessen Reichthum die Belege zu unsern Betrachtungen ent-nehmen.
Den Vorderarm des Menschen, die Verbindung desselbenmit der Hand, und welche Wunder hier geleistet werden, nehmenwir als allgemein bekannt an. Es ist nichts Geistiges, wasnicht in diesen Bereich fiele.
Betrachte man hiernach die reißenden Thiere, wie ihreKlauen und Krallen nur zum Aneignen der Nahrung geschicktund geschäftig sind, und wie sie, außer einigem Spieltcieb, demZwischenknochen untergeordnet und die Knechte des Freßwerk-zeugs bleiben.
Die fünf Finger sind bei dem Pferde in einen Huf ge-schlossen; wir sehen dieß in geistiger Anschauung, wenn unsnicht auch einmal, durch irgend eine Monstrosität, die Theil-barkeit des Hufes in Finger davon überzeugte. Dieses edleGeschöpf bedarf keines gewaltsamen Ansichreißens seiner Nah-rung; eine luftige, nicht allzu feuchte Weide befördert sein freiesDaseyn, welches eigentlich nur einer gränzenlosen Bewegungvon hin und herschwärmendem, behaglichem Muthwillen ge- !eignet zu seyn scheint; welche Naturbestimmung denn auch der jMensch zu nützlichen und leidenschaftlichen Zwecken gar wohl !zu gebrauchen weiß.
Betrachten wir nun diesen Theil aufmerksam durch die ver-schiedensten Thiergattungen, so finden wir, daß die Voll-kommenheit desselben und seiner Fnnctionen zunimmt und ab-nimmt, je nachdem Pronation und Supination niehr oderweniger leicht und vollständig ausgeübt werden kann. SolchenVortheil besitzen, in mehr oder mindern! Grade, gar vieleThiere; da sie aber den Vorderarm nothwendig znm Stehenund Fortschreiten benutzen, so existiren sie die meiste Zeit in derPronation, und da auf diese Weise der Radius mit demDaumen, welchem er organisch verbunden ist, nach innen
gekehrt wird, so wird derselbe, als den eigentlichen Schwerpunktbezeichnend, nach Beschaffenheit der Umstände bedeutender, jazuletzt fast alleinig an seiner Stelle.
Zu den beweglichsten Vorderarmen und den geschicktestenHänden können wir wohl die des Eichhörnchen« und verwandterNagethiere zählen. Ihr leichter Körper, in sofern er zur auf-rechten Stellung mehr oder weniger gelangt, und die hüpfendeBewegung lassen die Vorderhände nicht plump werden. Es istnichts amnuthiger anzusehen als das Eichhörnchen, das einenTannzapfen abschält; die mittlere Säule wird ganz rein weg-geworfen, und es wäre wohl der Beobachtung werth, ob dieseGeschöpfe nicht die Samenkörner in der Spiralfolge, wie siesich entwickelt haben, abknuspern und sich zueignen.
Hier können wir schicklich der beiden vorstehenden Nage-zähne dieser Familie gedenken, die, im Zwischenknochen ent-halten, aus unsern Tafeln nicht dargestellt worden, aber destomannichfaltiger in den dÄltonschen Heften vorgeführt wird.
Höchst merkwürdig scheint es zu seyn, daß durch eine ge-heimnißvolle Uebereinstimmung, bei vollkommener Thätigkeitder Hand, auch zugleich die Vorderzähne eine höhere Culturbekommen. Denn während diese bei andern Thieren die Nah-rung ergreifen, so wird sie hier von den Händen auf geschickteWeise zum Mund gebracht, wodurch nunmehr die Zähne bloßznm Nagen determinirt werden, und so dieses einigcrmaaßentechnisch wird.
Hier aber werden wir in Versuchung geführt, jenesGriechische Dictnm nicht sowohl zu wiederholen als weiter-schreitend abzuändern. Die Thiere werden von ihren Gliederntyrannisirt, möchten wir sagen, indem sie sich zwar derselbenzu Verlängerung und Fortpflanzung ihres Daseyns ohneweiteres bedienen; da jedoch die Thätigkeit einer jeden solchenBestimmung, auch ohne Bedürfniß, immer fortwährt, somüssen deßhalb die Nagethiere, wenn sie gesättigt sind, zu zer-stören anfangen, bis endlich diese Tendenz durch den Biber einAnalogen vernünftiger Architektonik hervorbringt.
Doch auf diese Weise dürfen wir nicht fortfahren, weil wiruns in's Gränzenlose verlieren müßten; deßwegen wir uns kurzzusammenfassen.
Wie das Thier sich immer weiter zum Stehen und Gehenbestimmt fühlt, desto mehr wird der Radius an Kraft zuneh-men, dem Körper der Ulna von seiner Masse abziehen, so daßdiese zuletzt fast verschwindet und nur das Olekranon als noth-wendigste Articulation mit dem Oberarme übrig bleibt. Geheman die vorliegenden dÄltonschen Bildnisse durch, so wird manhierüber gründliche Betrachtungen anstellen, und immer zuletztan diesem Theil und andern das Daseyn, das sich durch dieGestalt hervorthut, in lebendiger, verhältnißmäßiger Functionerblicken.
Run aber haben wir des Falles zu gedenken, wo noch hin-reichende Andeutung des Organs übrig ist, auch da, wo alleFunction völlig aufhört, welches uns auf einer neuen Seite indie Geheimnisse der Natur zu dringen befähigt.
Man nehme das Heft dÄltons dieses Jahres, die strauß-artigen Vögel vorstellend, zur Hand, und betrachte von derersten bis zur vierten Tafel, vom Skelette des Straußes biszu dem des Neuholländischen Casuars, und bemerke, wie sich derVorderarm stufenweise zusammenzieht und vereinfacht.
Ob nun gleich dieses Organ, welches den Menschen eigentlich