Grönländische Prozesse. 11
tigkeit vom ganzen Körper in die Zunge zurück-zieht ; daß die Erweiterung des Mundes mit derAnrückung des Endes des Lebens wächst, wie die Ge-därme immer weiter werden, je mehr ste sich demEnde nähern; daß die Geschwätzigkeit mit derCntkräftung wetteifert, wie man das Maul weitaufreißt, eh' sich die nickenden Augen zumSchlafe zuschließen, setzt man dieses zu demvorigen hinzu, so ist aus den scheinbaren Gebre-chen des Alters das Recht desselben an die Füh-rung der Feder, erwiesen. Denn eben diese brauch-bare Geschwätzigkeit stopft leicht ganze Alphabetevoll Buchstaben und Worte. Da die Jahre, soviel ich bemerkt, die Liebe großer Genies zu denMusen nur noch mehr entstammen, da Bücheraus alten Köpfen wie Schwämme aus faulenBäumen, entspringen, und es schwer ist, aufhö-ren zu schreiben, wen» man lange geschrieben, soist es auch billig, daß Dinte so lange aus der Fe-der des Schrifstellers fließe, als der Sand in demStundenglase des Todes, und daß er noch mitdem Ende seines Lebens seine Mitbrüder geißele,wie man aus dem stachlichten Schweife der Röcheeine Peitsche macht. Das jugendliche Gesicht derMuse kann sich so gut mit seinen Runzeln ver-mählen, als die Venus mit dem hinkenden Vul-kan. —
Sonach muß man.wohl viel schreiben? Aller-dings, da vom Anfange bis zum Untergänge desLebens geschrieben werden kann. Lieber Freund ,wie die Katholiken schon Jahrhunderte lang mitder Milch der Maria handeln, so kannst du es mitdeiner Dinte wenigstens etliche Jahrzehende, oderkannst mit deinen Hirnabgängen, wie der DalaiLama mit seinen Exkrementen, wohl gar deinLebelang handeln. Und so sollte kein Jahr unge-trübt von deiner Dinte, das Meer der Ewigkeiterreichen! Wirft Loch auch der Hirsch jährlich diehölzernen Geburten seines Kopses ab, entledigtsich doch auch die Schlange jährlich ihrer altenHaut! Doch in der Vielschreiberei nimmt es un-ser Deutschland mit jedem Volke auf! Es besitztKöpfe, die an ihren errungenen Lorbeerkränzcn ihreJahre Herrechnen, wie man das Alter der Ochsenaus der Anzahl der Ringe ihrer Hörner bestimmt.
— Köpfe, die sich wie die Masern jährlich, ja oftsechsmonatlich, beim Publikum einfinden —es be-sitzt schriftstellerische Finger, die an Buchstaben so
' fruchtbar wie an Nägeln sind, und Autoren, welcheals Feinde des leeren Raumes, wenigstens mitihrer eigenen Leerheit das Papier vollmachen, undgleich den Sinesen schwarz für die Freudenfarbeund weiß für die Trauerfarbe halten; Autoren,oder Papierschneider, Leren Werkstatt angemes-sene, zugeschnittene und gemachte Bü-cher zugleich füllen. So vertragen sich an demsel-ben Zitroiienbaum Blüte, halbreife und ganz reiseFrüchte, so wirft nach dem Oppian die Häsin ei-nen zeitigen Jungen, trägt zu gleicher Zeit im Ute-rus einen ohne Haare, und einen ungebildeten.—Aber zu was Ende diese Vielschreiberei? welcheFrage! als wenn man sich nicht mit aufgethürmtenBüchern den Thron des Ruhms erbauen müßte;
— als wenn die Fruchtbarkeit auf dem Parnaßnicht eben so viel Ehre wie jim alten Testamentebrächte; — als wenn nicht die Autoren, gleich
den isländischen Weibern, am längsten lebten, wel-che die meisten Kinder geboren! Uebringens kamdie obige Frage gewiß nicht aus dem Magen! —Der Vielschreibere! redet auch so vieles andere dasWort. Die Begierde des Buchhändlers, die Weltmit Wahrheit aufzuhellen, bricht an die Studier-stuben verstorbener großer Schriftsteller, und fegtund räumt ihre Pulte und Käfige aus, um mitihren zurückgelassenen Exkrementen, die schon derName ihres Desasters als indische Schwalbenne-ster ankündigt, das hungrige Publikum abzuspeisen— so durchsucht man im Königreiche Monsul oderMurfili, nach Marko Pvlo' s Bericht die N e-ster ausgeflogener Adler, um in dem Kothederselben Diamanten zu finden ; sp glaubteman sonst, der Harn des scharfsichtigenLuchses verwandle sich in Edelgestein.
Ein andres ist die Frage: wie schreibt man viel?Durch die Beanwortung derselben werd' ich der ge-nauern Bestimmung der schriftstellerischen Eigen-schaften immer näher kommen, wozu ich durch daSV.v rige fast blos ausgeholet habe. Werseiner Faust die nöthige Fruchtbarkeit erleichternwill, mache es so IsAlle Gedanken, die seine erstenProdukte verschönerten, lasse er in den letzten un-ter einer neuen Verkleidung eine neue Rolle spie-len, und streiche ihnen, wie alten Hüten denSchein'der Neuheit an. Alle Ideen, die ihm derZufall ins Gehirn wirft, die dem ersten Augen- 'blicke des Erwachens aufstoßen, die den Vortruppder nächtlichen Träume machen, die in der Hitzeder Unterredung aufschießen, die er der gesellschaft-lichen Vertraulichkeit, oder der zufälligen. Lesung -eines halben Wisches abstiehlt; die der nothwen-dige Müßiggang auf dem geheimen Gemache er-zeugt , oder die endlich kaum aus der Dunkelheitentsprungen, das ergreifende Gedächtniß fliehenwollen, wie die dem Ei entschlüpften Rebhühnersogleich ihre Geburtstelle verlassen — alle dieseIdeen beschenk' er mit einem papiernen Körper,und belebe sie mit Dinte, scharre sie auf einemHaufen zusammen, und schiebe sie auf irgend ei-nem Karren zu Markts. Wird man so das leiseAuftreten jedes Gedanken belauschen, so jeden inein Buch zu seinen übrigen Gesellschaftern sperren,so vom Gehirn jeden Ansatz eines Einfalls ab-kratzen, und durch Worte jeden stillen Frosch auf-blasen:. so wird aus jeder trocknen Materie einOktavband, auS jedem Steine werden Kinderhervorspringen und Brot dazu; so wird jederKopf der Stammvater einer verschwisierten Bi-bliothek werden, und mit seiner Fruchtbarkeitseinen eignen Schrank ausfüllen; und der Mannwird zuletzt über die Schreiber lachen müssen,welche so wenig liefern, und so lange die Stirnzu reiben haben, bis was kommt, wie die Fischeihren Bauch an dem Sande reiben, um ihre Eierleichter zu gebären! —
Stehlen ist der Puls der Vielschreiber». Diegelehrte Republik schätzt, wie Sparta, die Vor-züge der Diebe, die ihre langen Finger unter ir-gend einem Handschuh zu verstecken wissen, unddie Journale winden um die Schläfe derselben
» Siebe die berlinische Sammlung idcr besten Rcisebe-schrcibungcn, lll Band. S. 2 SS— 2 liü.