Grö n l ä n d l s ch e
Kritik sei nie die Muss selbst, sondern nur ihreHebamme, gehe nur als ein leuchtender aber kalterMono nach dem Untergänge der heißen Sonneauf, und wie die Gothen sich zweimal, trunkenund nüchtern, berathschlagen, so gelte sie nurin Gesellschaft des Enthusiasmus. Allein alles die-ses trifft die heutigen Autoren wenig. Denn derGebrauch der Kritik würde ihre Werke nicht v e r-besser n, sondern vernichten, welche, gleichdem Blei, nur in der Hitze glänzen, und erkaltet,sich mit einer widrigen Haut überziehen; und dasie überhaupt weder Beruf noch Zeit zum Studie-ren fremder Poetiken, wie etwa die aristotelische,haben: so kann die eigne ungebildete ihre Arbeitnur noch mehr verschlechtern: so beschmutzt derGrönländer sein Gesicht, indem er es mit seinemSpeichel wäscht. — Auch weiß jeder, daßgroße Schriftsteller sich durch die kurze Bearbei-tung ihrer Werke von den kleinen auszeichnen,die einem einzigen Buche ein halbes Leben wid-men , wie umgekehrt große Thiere länger alskleine brüten uns tragen. — Zweitens — ich sagteoben erstlich, — liebt jeder Vater sogar das Miß-geschöpf seiner Kräfte, uns anstatt, gleich denWilden, eins Mißgeburt zu todten, kommt erschwachen Kindern durch väterliche Zärtlichkeit zuHülfe, wie die grönländischen Müller die ihrigendurch Lecken zu stärken glauben. Gegen einen l>-terarischen Kmdermvrd sträubt sich der erste Na-turtrieb aller Wesen, ich meine der — Hunger imväterlichen Magen, der Gedanke an die vermin-derte Bogenzahl. Setzt zu diesem noch die Kränk-lichkeit der meisten schriftstellerischen Produkte undihren baldigen Tod, so wird wohl niemand noch denDolch der Kritik zur Verstümmlung oder gar zurErmordung derselben auffordern. Soll der Vul-kan den Würmern die Nahrung vor den Zähnenwegnehmen's Soll der Vater wie Brutus denHenker seiner Kinder spielen 's Soll er dem Zahneder Zeit mit seinen eignen Zähnen vvrkäuen 's Achlaßt doch dem Schriftsteller die Liebe gegen so hin-fällige Unsterbliche, und zwingt ihn nicht zur Er-mordung eines so siechen Ruhms.' Nie waffue erdie zärtliche Hand gegen das Kind, das sie gezeugt,und nie fließe aus der Spitze seiner Feder, wieaus dem Schwänze gewisser Schlangen, die giftigeDinte, die die neugebvrne Zeile hinrichtet! —Aber nicht mir eignem, sondern auch fremdemTadel, opfert der achte Schreiber ungern eineZeile auf. Er billigt das Lob einer Rezension,aber nicht deren Mißbilligung. Und wie sollte erauch 's Fällt er das Urtheil über seinen eignenWerth doch allein mit einer Unparteilichkeit, derender Neid so manchen Kunstrichter unfähig macht.Die von ihm geschaffnen Schönheiten stehen dochNiemand so nahe und bekannt, als ihm selber, undwenn er sich für den besten Schriftsteller hält, sodarf er sich auch für das Leichtere, für den bestenLeser, zumal von sich selber ansehn; und nur einPygmalion allein verliebte sich in ein steinernesGeschöpf. — Daher umsumset er die TaLler oderStörer seiner Brutbauten mit Antikritiken, undsticht sie mit Epigrammen in den Strumpf, ebenso schössen die Thracier Pfeile gegen den Donner;darum nähret Zurechtweisung seine» Zorn undsein bennruhigter cstolz erscheint in ver-
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stärkte,» Glänze, wie umgerührte Dinteschwärzer wirk. Billig genug ist er, wenn erden Tadel verzeiht, den er nicht benutzen kann;wenn er den Fehler betastet und ihn sitzenläßt, wie manche den Hut berühren, ohne ihnabzunehmen. Auf gleiche Weise trotzt seineUnverbefferlichkeit glücklich der Satire. Da erweiß, daß das Kleid der Satire oft gerade demEndzwecke entgegenwirkt, den nur der Körper der-selben erreicht, daß ihre Form Thorheiten veran-laßt und nur ihr Inneres Thorheiten verhindert,wie die Körner der gelben Distel lMvxieuim) laxieren und dieBlätker derselbenverstopfen: so freuet er sich ihres beißendenWitzes und seiner Fehlerlostgkeit zugleich, schreibtaber gern dem andern die verlachten Fehler an,und das Kind geißelt mit der Ruthe des Vatersseine Spielkameraden. —
Stolz wirb daher jeder gute Schriftsteller, sowie ich ihn verlange, erscheinen uns sein; durch denStolz ragt der teutsche Parnaß so hoch über deneitel» französischen hervor, und ihm verdanken wirdie gshoffle Bewunderung der Nachwelt. --Geseg-net sei der Mann, der den Stolz erfand. DerStolz ist der Mantel, der alle Grillen bedeckt, eineSpeise für den Hungrigen, ei» Trank für denDurstigen, eine Wagschale, bieten Schäfer dem Kö-nige,uns den Dunimkopf dem Klugen gleich macht,kurz eine allgemeine Münze, für die man alleDinge kaufen kann.-- So könnt' ein zweiterSaucho Pansa den Stolz loben, wie der erste soden Schlaf. Und gewiß mit Recht. Stolz ist dieMitgäbe des Dichters; Wärme dehnet die Luftaus. Gewöhnlich fürchtet sich der Esel vor demSchatten seiner Ohren*; allein die Musen-sölmo spiegeln, vielmehr mit LustZ ihre Kopf-Attribute in jedem murmeliiren Bache und blin-kenden Thaue weiblicher Thränen ab. — Wennihre Zunge so leicht ihre eigne Schmeichlerinwird, so wie das Kind sich gern mit seiner leckt:so schadet dergleichen nur dem Vieh in seinemFettwerden, aber nicht dem Poete». Es ist dahergut, daß, wenn sonst der Stolz an der Satire, wieder Pfau an Brennessöln stirbt, vielmehr bei demSchreiber das Widerspiel erfolgt, und er wie ge-'wisse Früchte bei unsanfter Berührung gerade auf-schwillt. Den Ersatz jedes verweigerten Weih-rauchs gewährt ihm am nächsten der Duft seinereigenen Blumensaat; denn Erasmus sagt: lüii-ciriquv 8t(n en» üuuin vone olvt. Einem heutigenTadel setzt der Schriftsteller das Andenken einesvorigen Lobes entgegen. Ich glaube daher, daß dieliterarischen Götter des vorigen Jahrzehends dieabfallende Abgötterei des jetzigen leicht über dieErinnerung der frühern Verehrung verschmerzen,und sich aus der Büchse der Vergangenheitleicht Balsam für die Wunden der Gegenwart ho-len können; eben so riecht der Fuchs an te» nel-kenartig riechenden Flecken seines Schwanzes seineKrankheit hinweg. Za der Stolz macht wenig-stens den halben Schriftsteller zum ganzen, undsoll ordentlich mit dem Werthe in umgekehrtemVerhältniß stehen. Denn wer geschwind<sährt,
* Kichr den Artikel »om Esel, in Bäffon'ü Natur«e-ftticl-r.