Band 
I.
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G rö n l ä n di sch e Proze sse. 5/

vorher entweder durch ein Vomitiv uns der einen,oder onrch eine Purganz aus der andern Thüre desoffnen Janus-Tempels gejagt. Rezensenten undSatiriker, folgt diesem glücklichen Beispiel, undvomiert und laxiert nie — oder höchstens amRenjahriage, um nichts wünschen zu dürfen! —Zur Vermehrung derselben empfehl' ich euch denGenuß von süßen Sachen, die der Magen nachund nach zu Galle kocht, so wie es die Pflicht desRomanschreibers mit sich bringt, die süße Men-schenfreundlichkeit, die sein Held vom ersten Bandeempfing, durch den vorletzten in Misanthro-pie versauern zu lassen. Unter den süßen Sachenversteh' ich die Almanache, statt des Marzipanszu Weihnachten und vor dem Neujahr — unddie übrigen Produkte unsrer Zuckersiedereien. —Uebrigens ist die Galle in allen Wissenschaften zugebrauchen, und gleicht dem Arsenik, der sich mitallen Metallen vermischt und alle verdirbt.

" Der Monarch sitzt koch nur mit dem Hinternauf dem Throne-- sagt Montaigne, und der Dichtersitzt doch nur mit eben diesem Gliede auf dem Pe-gasus, sag' ich, und seine Gesänge sind doch nurWerke der u nter n Seelenkräfte, sagt endlich einPhilosoph. Ungeachtet meine Materie mir jetztdie glücklichste Gelegenheit in die Feder spielt, dieNöthe der deutschen Schamhaftigkeit durch Zwei-deutigkeiten zu prüfen; so will ich doch der Sitt-lichkeit den Vorzug vor der Mode lassen, und un-geachtet ich (wie alle deutsche Schriftsteller) fürschöne Augen schreibe, so will ich doch der keu-schen Ohren schonen. Nur erlaube man demKünstler, Las für ein anatomisches Lehrbuch inKupfer zu stechen, was der Maler für das Kabi-net eines Reichen nicht malen sollte. — Wenn derPfau reden könnte, sagt Voltaire * , so würde erseine Seele in den Schwanz setzen; ich glaube esnicht, denn der Dichter, welcher ebenfalls auchnur mit seinen untern Seelcnkrästen bunte undprächtige Farben schlagen kann, setzt die seinige inden Kopf. So wie man fast das Gehi r n des Pvt-sisches üpoi'ina evti nannte, so getraue ich mir zuerweisen, daß die Musen nicht auf den Gipfel des Par-nasses, mit dem ich den Dichter jetzt vergleiche, son-dern iin Thäte desselben wohnen, und daß man demPoeten durch dieselbe Grausamkeit den Gesang rau-ben könne, durch die man ihn den Farinelli's gibt.Wenigstens würde er nachher den Kapaunen gleichendie Eier ausbrüten aber nicht befruchten können;d.'h. er würde Verse edieren aber nicht machen, odervon einem Original zu einem Nachahmer heruntersinken. Die Ursache verlarvt sich oft so unkennbarin ihre Wirkung, daß ich jedem den Unwillen übermein Paradoxon verzeihe. Nicht immer ist mander Lerche, die man hört, so nahe, daß man siesiehet. Allein in wein steigt nicht oft die dunkleVermuthung auf, daß die Verse und die Sündendes Dichters, wie die Weißen und die Schwarzen,aus den Lenden desselben alten Adams herstammen.Uebcrhaupt fragen die Bewohner des Berges Par-naß wenig nach den Gesetzen des Berges Sinai:

* l.os oroilles,In comio >le kll>o5iorln'Iü. Mit die-sem Sin'alle will Voltaire der Philosophen wollen, die denSitz der Dccle dahin verlegen wo sie Ii>rc schätzbarstenWirkungen zu äußern scheinet.

sie sind alle hcterodox und sie schießen nur so langekeine Epigrammen auf den alten Glauben ab, alseine Klopstvck'sche Harfe ihre Finger unterhält; sieliebe» in dem Prediger ihres Orts nichts als seineTöchter; sie machen ihre Verse meist am Sonntage,nicht blos weil sie da keine Kollegien besuchen, son-dern auch weil da jeder Unpvet eine predigt hörtoder liest; ihre Epigrammen übertreten das achte,ihre andern Gedichte das sechste Gebot; die PolizeiHaffen sie beinah so innig als die Kritik; wie sonstMissethäter zu den Statuen, so fliehen sie zu denNamen heidnischer Götter, um sich vor einerchristlichen Ahndung ihrer Fehler zu reiten; dieSünden des alten Adams bürden sie dem kleinenAmor auf, und beten den Teufel unter der Gestalteines Fauns an. --- Daß der poetische Sinn mitdem sechsten Sinn in demselben Stockwerke, näm-lich parterre logiert, erhellet aus der Stärke, diesie einander mittheilen. Die Venus ist nicht blos >am astronomischen, sondern auch am mythvlvgi- Ischon Himmel die Gespielin des Phöbus. Ehedieser Bräutigam seine Kammer verläßt, hat sieschon ausgeschlafen, und wenn er in dieselbe wiedereingegangen, ist sie noch munter. Die dritte undletzte Rolle spielt nicht selten der Merkur*. —Daher diejenigen welche die Dichtkunst nicht gernherabsetzen möchten, die Liebe desto mehr erhöhen;so schüttet z. B. Hippokrates das Saatgetraide lder Menschheit unter dem Dache auf, d. h. er setzt ^die Samengefäße in die Ohren. — Daher findetman beide Lurch ähnliche Symptomen verschwi-stert; und zu dem Ausspruch:

Ilowloes liominoe lneiunt in purnlesi

kann man hinzufügen, auch die Dichter die Gedichte.

— Daher wächst der Lorbeer auf solchem Boden,dessen Kräfte er nicht mit der Myrthe zu theilen lbraucht, mit frischern Zweigen der Zeit entgegen. !So nährt, nach Bako, der zurückgehaltene Harnder Vögel ihr Gefieder, und der Ilnrath düngtden schimmernden Federschmuck; woraus folgt, daßder Pfau den Stolz auf seinen Schwanz nicht blosdurch das Andenken an seine Füße, sondern auchan die Nahrung und Nachbarschaft des ersten über-winden könne.-Ich will übrigens durch meine

Behauptung dem Kopfe nicht gänzliche Unthätiqkeitbeim Dichten zugemuthet haben; dieses Gliedentwirft den Plan, desten Ausführung das Genieübernimmt. -- Die Speise kommt oft aus einemLande, und die Brühe aus einem andern -- sagtAdLison, aber in einem andern Sinne. Nur hab'ich den Kopf der Erwähnung »nwerth geachtet,weil ich die Farbengebung der Zeichnung weitvorziehe. Der dürre Plan eines Gedichts kommtvielleichr dem gesunden Verstände nahe, aber nurdie Belebung desselben durch Worte und Meta-phern verräth das Poetische. So ähnlicht demPferde nichts mehr als das Gerippe eines Esels **,aber überzieht das kluge Skelett mit Fleisch, und^vergesset die Kehle und die Ohren nicht, so sieht

» Der Kritiker verzeihe mir. daß cr Iiicr an den Mcrknrdes Astronomen und Chemikers zugleich denken muß.

" Man tchc dir Abbildungen von Pferden und Est'ige-rivvcn in Büffons Naturgeschichte. Aus dieser Achnlich-kckl entsteht auch die Geneigtheit einiger Nalurkundigcn.den Esel tnr ein ausgeartetes Pferd zu »alten.

Jean Pa u l'S Werke. I.