Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

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gen, und hielt sich an die Weinlese der Bacchus-beeren der Lust.-

Dieses Wenige reiche hin, um zu zeigen, wiewillig und freudig der Verfasser den hohen Stand-und Schwebepunkt der jetzigen Literatur aner-kenne. Unstreitig ist jetzo die «eiln aounn (wieman die Tollkirsche nennt) unsere Muss,

60NIIU und lUliukounn und wir leben im poeti-schen Tvllkirschenfest. Desto erfreulicher ist es.daß auch die Lesewelt diese poetische Hinaufstim-muilg auf eine freundliche Weise begünstigt durchihre Theilnahme, und daß sie, wie das Mor-genland, Verrückte als Heilige ehrt, und wassie sagen, für eingegeben hält. Ueberhanpt eineschöne Lorbeer-und Kirschlorbeerzeit!-

Bei allen neue» zweiten Ausgaben wird es demVerfasser, der sie so gern zu recht verbessertenmachen möchte, von neuem schmerzhaft, daß keineseiner Dichtungen ein um - und eingreifendesKunstnrtheil über Charaktere und Geschichte undSprache jsmal hat erobern können. Mit einemallgemeinen Lobe bis zur Uebertreibung und miteinem ähnlichen Tadel bis zur einer noch größer»ist einem rechtschaffenen Künstler nicht gedientund geholfen. Natürlicher Weise wurden zweiteAuflagen noch weniger beurtheilt und geprüft alserste, und der Verfasser sah jeden Abend vergeb-lich auf ein Lob seiner Strenge gegen sich selberauf. Wie gern er aber bessert und streicht —noch mehr als ein Wiener Schauspieldirektor, derblos fremde Stücke zersiückt — und wie ämsig eraus jedem bedornten oder gestachelten Tadel, seier entweder Rose oder Wespe, den Honig derBesserung saugt, dies könnte ein Kunstrichtererfahren ohne mehr Bücher zu lesen als zwei,nämlich die zweite Ausgabe neben der ersten: jasogar aus einem einzigen könnte er alles wegbe-kommen, wenn er einen Herrn Verleger blos umgefällige Vorzeigung des letzten, mit weisen Run-zel» und mit Druck - und Dintenschwärze zugleichdurchfurchten Alt-Exemplars ersuchte: derMann würde im BuchlaLen sich wundern überdas Bessern, ihm so gerade gegenüber.

Aber, wie leider gesagt, gegenwärtig wird inDeutschland wenig Belletristisches rezensiert, unddie Taschenkalender sind hier wohl die einzigenAusnahmen von Belang, nämlich ihre verschiede-nen kleinen Aufsätze und die verschiedenen kleinenUrtheile dazu.

ES ist eigentlich ziemlich spät, daß ich erst nachacht und zwanzig Jahren sage, was die beidenTitel des Buchs sagen wollen. Der eins „un-

sichtbare Loge» soll etwas aussprechen, wassich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, dieaber freilich so lange im Verborgenen bleibt bisich den dritten oder Schlußband an den Tag oderin die Welt bringe. Noch deutlicher läßt sich derzweite Titel »M umien» erklären, der mehr aufmeine Stimmung, so wie jener mehr auf dieGeschichte, hindeutet. Ueberall werden nämlichim Werke die Bilder des irdischen Vvrüberflie-gens und Verstäubens, wie ägyptische Mumienund griechische Kunst - Skelette, unter den Lust-barkeiten und Gastmalen aufgestellt. Nun sollaber die Poesie mehr das Entstehen als das Ver-gehen zeigen und schaffen, und mehr das Lebenauf den Tod malen als das Gerippe auf dasLeben. Der Musenberg soll als der höchste, alleWolken überflügelnde Berg, der uns sowohl denHimmel als die Erde Heller schauen läßt und zu-gleich die Sternbilder und den blumigen Thal-grund uns näher bringt, dieser soll der Araratder im Wasser arbeitenden und schiffbrüchigenMenschheit sein; wie sich in der Mythe * Deu-kalion und Pyrrha aus der Sündfluth auf demParnassus erretteten. So verlangt es besondersunser Goethe, und dichtet darnach; die Dichtkunstsoll nur erheitern und erhellen, nicht verdüsternund bewölken. — Und dies glaub' ich auch; jaohne eine angeborne unwillkürliche — was maneben Hoffnung und Erinneruug nennt — wäre keineWirklichkeit zu ertragen, wenigstens zu genießen.

Aber eben so gewiß ist es, daß gerade die Ju-gend diese lebendige Poesie mitten unter ihrenBlütenästen (für sie aber schon Fruchtäste) undauf ihren sonnigen warmen Anhöhen nichts lieberdichtet und gedichtet liest als Nachtgedanken; undnicht nur vor der liebekranken Jungfrau, sondernauch vor dem liebestarken Jüngling — der darumemem Schlachttode weit begeisterter entgegenzieht als ein Alter — schweben die Gottesäckerals Hangende Gärten in Lüften und sie sehnen sichhinauf. Die Jugend kennt nur grüne blumigeGrabhügel, aber das Alter offne Gräber ohnegrünende Wände.

Diese jugendliche Ansicht komme nun dem Ver-fasser, der in einem für ihn noch jugendlichenAlter schrieb, bei seinen zu häufigen Grablegun-gen und seinen Nachtstücken der Vergänglichkeitin diesem Werke zu Gute. — Indeß ist hier ebeneine nicht zu furchtsame Rechtfertigung nothwen-dig; denn da wir doch einmal alle in der immervernichtenden und vernichtet - werdenden Zeit

* Ovid. Melanrorph. VI.

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