Band 
I.
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D i er. u s! ch t b s r c L o g e. 261

haben — die Fehler derselben schon weniger: —so kann ein Mensch, der an den so weit ausein-ander stehenden Besten der Kinder sein Gespinnsieanzukleben und anzuziehen weiß, d. h. der sich inKinder schicken kann, so sehr schlimm unmöglichfahren als andre, wenn er — heirathet.

Wo der Tadel das Ehrgefühl des Kindes Ver-sehrte, da unterdrückte ich ihn, um meine Kolle-gen in der Runde durch das Beispiel zu lehren,daß das Ehrgefühl, das unsere Tage nichtgenug erziehen, das Beste im Menschen sei — daßalle andere Gefühle, selbst die edelsten, ihn inStunden aus ihren Brmen fallen lassen, wo ihndaS Ehrgefühl in seinen emporhält — daß unterden Menschen, deren Grundsätze schweigen undLeren Leidenschaften in einander schreien, blosihr Ehrgefühl dem Freunde, dem Gläubiger und derGeliebten eine eiserne Sicherheit verleihe.

Siebe» Tage früher als recht war, kommuni-zierte mein Gustav; denn das Konsistorium — dieNehme der Pfarrherren, die Pönitenziaria derGemeinden und die Widerlage der Regierung —schickte uns mit Vergnügen als geistige Fasten-dispensazion oder Blter-Erlaß (vvuiu notnUs)diese sieben Tage, um welche sein Kommunion -Alter zu leicht war, für eben so viel Gulden ge-schenkt aufs Schloß heraus. Mein Zögling mußtealso — der geschickteste Religionlehrer saß vergeb-lich zu Hause — wöchentlich zweimal zum dum-men SeniorSez mann in Auenthal abmarschie-ren, der zum Glück kein Jurist, wie ich war, undin dessen Pfarrwvhnung ein Rudel Katechumensndie Schnauzen in geronnene KatechiSmus-Milchstecken mußten — Gustav brachte statt des Thier-Rüssels einen zu kurzen Mund mit.

Gleichwohl war der Senior Sezmaun nichtübel; auf einem Parliament - Wollensack hätt' ersich zu einem Redner gesessen, d. h. zu einemDing, das unter den Personen, die ihm Anfangsnicht glauben, zuerst seine eigne überredet. —Ein Redner ist so leicht zu überreden als er über-redet. — Der Senior war jeden Sonntag in denersten Stunden nach der Predigt fromm genug; erkann zwar verdammt werden, aber blos Mangelan Predigten würd' es thun und der an Bier.Eine vernünftige Betrunkenheit kommt beidesdem asketischen und dem poetischen En-thusiasmus unglaublich zu statten. Die Lesersind meine Freunde nicht, welche sagen, aus blo-ßem Aerger und Neid — daß mein Gustav seineStunden hörte — schrieb' ich es hier in dieWelt hinaus, daß der Keller die Pauls- undPeterskirche des Seniors war — daß seine Seelewie geflügelte Fische, nur so lange emporflog alsdie Schwingen eingeölet waren — daß er im-mer betrunken und gerührt zugleich erschien undeher nicht in den Himmel hinein begehrte als bis erihn nicht mehr sehen konnte. Hermes und Lem-ler sagen, ich würde Aergerniß vermeiden — ob-gleich das Beispiel Sezmanns ein größeres ge-ben muß als der Spaß darüber — wenn ichslateinisch vortrüge, daß die aguao supru coelvs-ts» seiner Augen allemal seine zwei Schuh tiefernlnimoros peccsotes begleiteten.

Gustav ging an wehenden Frühlingnachmitta-gen auf jungem Grase zu ihm und freuete sich

unterwegs auf zwei hübsche Dinge — Erstlichauf diesen Missionar der heidnischen Dvrfjugendselber, dessen schwärmerischer Athem GustavsIdeen, deren jede ein Segel war, wie ein Sturm-wind bewegte und der besonders in der letztensechsten Woche, wo er die jungen Sechswöch-ner über den Leisten des sechsten Haupt-stücks schlug, meines Gustavs Ohren so ver-längerte, daß zwei Flügel daraus wurden,die mit seinem Köpfchen davon gingen. — Zwei-tens spitzte dieser sich auf eins breite Bindeüber einem breiten Halstuch und dergleichenSchürze, welches alles noch dazu so blütenweißwar wie er und am schönsten Leibs in der ganzenPfarrei saß — an Reginens ihrem, welchedarin sich auf das zweite Kommunizieren vor-bereitete. So etwas, mein Gustav, machte Dichganz natürlich aufmerksamer als zerstreuet; undwenn mir das Scholarchat nur eine halbe solcheMuse statt des Vauchkisscns meines Konrektorsauf dem Lehrsiuhle entgegengestellt hätte: Him-mel! ich würde gelernt haben, ferner memoriert,ferner dekliniert, desgleichen konjugiert, und end-lich exponiert! — Deshalb war es zweitens ebenkeine Hexerei, Gustav — da blos Dein Ohr derWinvseitevom Pastor entgsgenlag, das Augeaber der Sonnenseite von Rechnen — LaßDu wenig Dir aus der halben Stunde machtest,die der Senior darüber gab, um sein Gewissenzum Narren zu haben. Er hielt, um den Frais -und Zeutherrn und Veimer im Herzen, das Ge-wissen, stille zu machen, seine Kinderlehren einshalbe und seine Predigten dreiviertel Stundenlänger als die ganze Diözes. Der Mensch thutlieber mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht.

Da Gustav nicht wußte, daß Mädchen nichtsübersehen und alles überhören: so war ihm derganze Katechismus ein Liebebrief, in dem er sichmit ihr unterredete. Wenn sie dem Senior zuantworten hatte: würd' er roth; "der Senior,dacht' er, kann sein Fragen und Quälen nichtverantworten-- und sein Sehnervs wurzelte aufihrem Gesichte.

Da die Falkenbergischen kein besonderes Kom-munizierzimmer mit sammtnen Dielen hatte»: soging meine Pathe, der Rittmeister, an derSpitze ihrer Lehnleute um den Altar; also auchGustav.

Am Beichtsonnabend — O ihr stillen Tage mei-ner frömmsten Entzückungen, geht wieder vormir vorüber und gebt mir euere KinderhanS, da-mit ich euch schön und treu beschreibe!— AmSonnabend ging Gustav nach dem Essen — schonunter demselben konnt' er vor Liebe und Rührungseine Eltern kaum ansehen — die Treppe hinauf,um nach einer so schönen Sitte den Seinigen seineFehler abzudicken. Der Mensch ist nie so schönals wenn er um Verzeihung bittet oder selberverzeiht. Er ging längs.»» hinauf, damit seineAugen trocken und seine Stimme fester würde;aber als er vor die elterlichen kam, brach ihmalles wieder, um etwas zu sagen, um nur diedrei Worte zu sagen: --Vater vergieb mir;-- aberer fand keine Stimme, und Eltern und Kindverwandelten die Worte in stille Umarmungen.Er kam auch zu mir... in gewissen Verfassungen