Band 
I.
JPEG-Download
 

L73

Die unsichtbare Loge.

Mittage im neuen Schlosse umlagert, wie er thunwird: so kann ich mich doch darauf verlassen — jaich wollte dafür schwören. Ein Haselant seinerGröße kann zwar ein Paar eckige vegrasete Land-fräulein (wie heute geschah) zu einem verliebtenErstaunen über seine Glockenpolypen-Drehungen,über seinen Muth, über leinen Verstand (d. h.Witz) und seine Unverschämtheit zwingen, stattDamen und Schönen blos zu sagen Weiber: daskann er und mehr, sag' ich; aber von BeatensHerz werden ihn ewig alle ihre Tugenden tren-nen; sie wird neben seiner Liebe zur Ministerinseine zu ihr selber gar nicht sehen und nicht glau-ben ; sie wird ihre Seele keinen Oefelschen empfin-delnden Floskeln öffnen, die wie das falsche Geld,bald zu groß sind, bald zu klein. — Sie wird viel-mehr finden, mit einem ehrlichen älean kaut seimehr anzufangen; sie wird, hoff ich, besagtemPaul die Aehnlichkeit, die er mit Oefel in eini-gen Vorzügen haben mag, gern verzeihen, da erohne seine Fehler ist, und mit einem treuen be-scheidenen Herzen vor ihr steht, das kaum denMuth hat, ihr das feinste Goldblatt des Lo-bes leise auszuhauchen und welches schweigt, auchmißverstanden, und zurückweicht, auch ohne ver-sucht zu haben. Sie wird in ihrem Ur-

theile gerade so von den alten Landfräulein ab-weichen wie ich von den jungen Landjunkern, diemit da saßen. Denn Oefels Erscheinung nahm ih-nen allen vorigen Witz und Verstand und seinquecksilberner Anstand goß alle ihre Glieder mitBlei aus; sie zogen in einer Falkenbaize, wo ei»solcher Vogel die weiblichen Herzen stieß, ihreplumpen Schwingen an sich und bewunderten ver-möge der männlichen Aufrichtigkeit statt der weib-lichen Reize seine — Hingegen >konn t'nul bliebwie er war und ließ sich nichts anhaben.

Ich würde manchen deutschen Kreis auf dieVermuthung einer heimlichen Eifersucht bringen,wenn ich gar nichts zum Lobe Oefels sagte ; erversprach am nämlichen Nachmittag meinem Zög-ling einen großen Dienst. Er hielt sich nämlich,ob er gleich das alte Schloß neben der Residentinzur Miethe hatte, nicht darin, sondern im Scheer-ausr Kadettenhause auf und rückte von Zimmerzu Zimmer, um — da ihm sein hoher Standverbot, sich sonderbar zu kleiden — wenigstens jvn-derbar zu handeln; er wollte da Menschen stu-dieren , um sie in Kupfer siechen zu lassen. Er-setzte nämlich einen Roman als eins kurze Enzy-klopädie für Erbprinzen und Kronhofmeister aufund schrieb auf den Titel --der Großsultan-- —Dieser Fenelvn machte den Harem seines Tele-niachs zu einem Spiegelzimmer, das den ganzenweiblichen Scheerauer Hof wiederspiegelte, seinWerk war ein lleibsliun, vivuin, eins Floravon allem was auf und am Scheerauer Thronewächset, vom Fürsten an, bis, wenn er sich nocherinnert, zu mir. Wenns erscheint, verschlingenwirs alle, weil er uns selber darin verschlungen.Die Rezensenten werden nichts darin finden, son-dern sagen --triviales Zeug! -- — Da er nichtsthat was er nicht vorher und nachher aller Weltvortrompetste: so hatt' es sogar mein Rittmeistergehört, daß er beim Kadettengeneral so lange undso fein intriguiert hätte, bis er statt eines aufse-

henden Offiziers die Zimmer des Kadettenschul-hausss bewohnen und wechseln durste, und so kamunser Fürst diesem Menschen-Naturforscher ebenso mit einer menschlichen Menagerie zu Hülfe,wie Alexander dem Aristoteles mit einer thieri-schen. Der Rittmeister trat also init seiner siegen-den Menschenfreundlichkeit zu ihm und bat ihn,sich für seinen Gustav beim Kadettengeneral ge-schickt zu verwenden, damit er einmal unter des-sen Fahne käme. Der Protektor Oefel sagte,nunmehr sei es schon so gut als richtig; er ent-zückte sich selber mit der Vorstellung, einenunter der Erde erzognen Sonderling zumStubenkameraden und zum sitzenden Urbilds zubekommen.

Die Stralenbrechung zeigt Schiffern das Landallezeit um etliche Hundert Meilen näher als esliegt und stärkt durch so einen unschuldigen Be-trug sie mit Hoffnung und Genuß. Aber auch inder moralischen Welt ist die wohlthätige Einrich-tung, daß Fürsten und ihre Ministerien unsBittsteller (so will Eampe statt Supplikanthören) dadurch froh und munter erhalten, daßsie uns durch eins Augen-Täuschung die Hofstellen,Aemter, Gnaden, die wir haben wollen, allzeitum einige Hundert Meilen oder Monate näher— wir können sie mit der Hand erlangen, denkenwir — sehen lassen als sie wirklich sind. DieseTäuschung der Annäherung ist auch alsdann nütz-lich und gewöhnlich, wenn die geistliche oderweltliche Bank, die den Sitzern auf der langenExpektantenbank näher gewiesen wird, am Endegar eine — Nebelbank ist.

--Der Kvmmerzien-Agent, sagte unterwegs derRittmeister zu mir, ist doch kein so übler Mannals sie ihn machen — und der Legazionrathbraucht nur vollends in die Jahre zu kommen.-- —

Zwanzigster Sektor.

Das zurrte Lebens - Iahrzehcnd — Gespriisterge-schiehtr — Naelst-Äuftriti — Lebensregeln.

Oefel hielt Wort. Vierzehn Tage daraufschrieb uns der Professor Hoppedizel, er werde

den neuen Kadetten abholen.-Nun wurde

unser bisheriger Wunsch unsre Pein. Gustavsund mein Bund sollte auseinander gedehnt undverrenkt werden: jedes Buch, das wir nun zu-sammen lasen, kränkte uns mit dem Gedanken,daß es jeder allein zu Ende bringen würde; ichwollte meinen Gustav kaum etwas mehr hehren,dessen Ausbau ich an fremde Architekten überge-ben mußte, und jeder schöne Blumenplatz war unsdie Gartenthür des Edens, die ein bewaffneterCherub abschloß. Die Sturmmonate seines Her-zens rückten nun auch näher. Ich hatte ohnehinden Flügeln seiner Phantasie nicht Federn genugauSgeriffen und ihn aus seiner Einsamkeit nichtoft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie

25

2e»n Baul'6 Werket.