Band 
I.
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Die unsichtbare Loge

dieses innere Landschastsiück? — Worauf dasberühmte Straßburger Uhrwerk ruht — auf ei-nem Thierhals: dieses liegt nämlich auf einemPegasus - Nacken: seines trugen die Hälse deszufällig vor dem Schlosse heimgehenden Weide-viehs, an denen solche Glocken hingen, die denender Heerde Reginens ähnlich klangen und diemithin die ganze Jugendszene mit ihren Tönenwieder in seine Seele setzten. ... In einer sol-chen Stimmung hätt' er in einer Nazional-Ver-sammlung geredet; auch machte der Tumult,der beide einfaßte, sie einsamer und vertraulicher:kurz er erzählte ihr mit Feuer und historischenAuslassungen seine Schäferei mit Einem Lammauf dem Berg. — Dieses Schwärmen steckte sie(wie jedes alle Weiber) so sehr an, daß sie anfing

— zu s ch w e i g e n.

Die Noth zwang beide, jetzt einen äußern Ge-genstand (wie ein Schwert im fürstlichen Bett)zwischen ihre zusammenfließenden Seelen zu brin-gen — sie sahen auf die beiden Gärtners - Kinderunten hinab und zwar so begierig, daß sie nichtssahen. Der Junge sagte: "Mich hat das Fräu-lein (Beata) so lieb" und streckte beide Armeaus einander — das Mädchen sagte: »mich hatder Herr (Gustav) so groß lieb, wie das Schloß»

— »und mich, replizierte er, so groß wie denGarten» — »und mich, exzipierte daS Mädchen,so groß wie die ganze Welt.» Darüber konntendie Flügel des Jungen nicht hinaus und hättenseine Schwanzfedern über den Katheder - Horsthinausgestochen. Jedes zählte dem andern dieLiebexfänder, die es von den oben über gegensei-tiges Lob erfreueten Zuhörern erhalten hatte, undsagte bei jedem Stück: »hast Du das g'kriegt?» —

Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zueinem neuen Spiel sagte daS Mädchen: »jetzomußt Du der Herr (Gustav) sein: und ich willdaS Fräulein (Beata) sei». Jetzo will ich dichliebhaben, nachher mußt' Du mich.» Sie strichihm sanft die Backen und dann die Augenbraunenund endlich die Arme und manipulierte denHerrn. »Jetzo mich!» sagte sie mit schnell herun-terhängenden Armen. Der Junge warf seineArme so eng um ihren Hals, daß die zwei Ellbo-gen sich durchschnitten und schürzten und als über-flüssige Bandschleifen über den Liebeknoten hin-ausragten; er küßte sie derb. Plötzlich fand ibrekritische Feile einen verdammten Anachronismusan diesem historischen Schauspiele und sie sagtefragend: »Ja, der Herr und das Fräulein ha-ben sich ja nicht lieb?» —

Das war zu viel für die Frontloge oben, diezugleich das Auditorium und das Original derkleinen Spieler war, und die Kopie derselbenzu werden in Gefahr gerieth. Gustav hielt dasAugenlied gewaltsam offen, damit es das Wasser,worin sein Auge stand, zu keiner sichtbaren aufdie Wange fallenden Thräne vereinigte — unddie gerührte Beata ließ, ohne oder mit Absicht,ihre Böse abgeknickt zu Boden zittern: er bücktesich nach ihr lange und ließ seine Thräne ver-borgen wegsinken; aber da er ihr die Rose gabund beide furchtsam die gesenkten Augen auf derBlume versteckten und hefteten, und da sie einherspringender Tropf unterbrach: so standen plötz-

lich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie deraufgehende Vollmond der untergehenden Sonnegegenüber nnd sanken in einander, und in einemAugenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahenihre Seelen, daß sie einander — suchten.

Der springende Tropf war Oefel, der BeatensArm haben wollte, sie in den Speisesaal zu füh-ren. Jetzt, Leser, trag' ich Dir statt lebendigerRosen (wie unser Seelen - Paar ist) lauter inButter gesottene Rosen auf. Sechs oder siebenund zwanzig Gedecke, glaub' ich, waren. Ich willhier statt eines Küchenzettels einen Paffagierzet-tel der Gäste verfertigen. Erstlich waren amTische und im Schlosse zwei keusche Menschen —Beata und Gustav, welches ein Beweis ist, daßschöne Seelen an allen Orten wachsen, sogar anden höchsten: so ließ der Kaiser Joseph jährlicheinige Nachtigallen in den Angurten werfen,damit man da was hörte.

Nrv. 2. war der Fürst, der in seinem kurzenLeben mehr Weiber in der Nähe gesehen als derOchs Apis, dessen Leben Loch so lang war wiedas ägyptische Alphabet. Er war an dieser Tafel,was er auf seinen Reisen an mancher tadl«rl'küte nicht zu sein vermochte, der Bruder Red-ner und derHauptwind unter drei und sechzigandern Nebenwinden. Seine Krone hattensämmtliche Dame» auf.

Nro. 3. war sein apanagierter Bruder, dender gekrönte haßte, nicht weil er zu viel Volk-liebe hatte und verdiente, sondern weil er einmaltodtkrank war und nicht starb, sondern von derApanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruderswürde den Fürsten, wie ein jedes Gerippe Ae-gyptsr und Griechen, zu einem freudigern Genußdes Gastmahls überredet haben.

Nro. ü. war ein Michaelisritter aus Spaa(H. v. D.), dessen Ordenstern in Scheerau nochStralen abschickte, nachdem er in Paris längstvernichtet war. So sagt Eulsr, daß ein Fixsternam Himmel noch wegen seiner Entfernung seinSchimmern fvrsetzen kann, ob er gleich längst ein-geäschert worden.

Nro. b. war Cagliostro, der unter so vielenpointierenden Köpfen das Schicksal der Aerzteund Gespenster und Advokaten hatte, daß seineöffentlichen Spötter zugleich seine geheimen I ü n-ger und Klienten sind.

Nro. 6. war mein Gerichtherr von Nöper, der,weil er mit dem Fürsten etwas zu sprechen hatte,dageblieben war. Er war der einzige im ganzenEßkonvent, der zweierlei that; erstlich daß eralle Weinsortiments des Bousischen Wein-Inven-tariums sich reichen ließ, um von allen Weingüternder Residentin denjenigen deutlichen, oder dochklaren Begriff in seinen Magen zu bringen, wor-auf die altern Logiken so sehr dringen -zwei-tens daß er einen so großen Werth auf das fri-kassierte, marinierte ic. Essen legte, als >venn ersgäbe und nicht bekäme, und wurde immer höflicherund gebückter, je satter und voller er wurde,gleich einer Wurst, die sich krümmt, wenn mansie füllet.

Nro. 7. 8. 9. waren zwei grobe Regierung-räthe * * und ein grober Kammerpräsident *, wo-von die zwei ersten den ganzen Hof verachteten.