Band 
I.
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Die unsichtbare Loge. 311

weite Teufelei war, daß er in der Spiegelplatte,woran er saß, ihr Gesicht (seinem eignen gab erstatt des Preises nur das Akzessit) anschielte undbewunderte, da er doch das Original näher hatte.Eine Schäferin von Porzellan trieb Schäfchenüber den Spiegel: "ich habe noch keine schönereSchäferin unter Glas gesehn," sagt' er doppelsin-nig; '-aber ich ein schöneres Schaf," sagte dievotaiiiantv und meinte ihn. -

Diese Spiegelplatte kam mit ihrer Schäferin,die über ein umblümtes Ufer in das gläserne Wassersah, und mit ihrem Lamm und Schäfer fast dem Gu-stavischen KinLheitsviele nahe. Beatens Augeverlor sich unwillkürlich zwischen diese Blumenund nahm ihr Okr mit sich, in welches der Lega-zionrath vergeblich mit seinem krieglisiigen Witzeeinzubrechen trachtete. Gustavs Augen suchtenund mieden nur — Augen, nicht Szenen; ausdem gesellschaftlichen Gewühl, unter dem seine in-nern Flügel erlagen, konnt' er nur durch einenSpringstab von außen in die Höhle. Denn dieausgenommen, die ihm ähnlich war, ritzten undbaizten die andern alle, die es nicht waren, seinInneres so sehr mit ihren Tischreden, daß er niein größerer Beklemmung war als heute. Ichwill Las fliegende Tischgespräch, das die Tugendbetraf, in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen,weil mehre Köpfe daran sprachen, wie am Bau-ern - Tischgebet die ganze Familie antiphvnierendbetet.

--Man hat keine Tugend, sondern nur Tugen-den. — Die Weiber haben sie, die Männer be-kriegen sie — Tugend ist nichts als eine unge-wöhnliche Höflichkeit — — Sie ist wiedie Schönheit, überall anders; die Köpfe sind hierspitz, dort breit; so ists mit den Herzen, die dar-unter sind — Schönheit und Tugend zanken undlieben sich wie ein Paar Schwestern und dochgeben sie einander ihr-en Putz (bezog sich) — Mandenkt nie so gern an die Tugend als wenn mandie Rosenmädchen in sieht. — Sie wird

auch an andern Orten gekrönt (bezog sichwieder) u. s. w.--

Kurz jeder Ton und Blick erwies nicht, sondernsetzte es schon voraus, daß Tugend nichts wäre —alsder Oekonomus des Magens, die Konviktoristin derSinne, die Orfiziantm und Tochter des Körpers.Der Liebe gings wie der Tugend. --Die Juliedes «kenn äl-aeques (sagte einer) ist wie tausendJulien oder wie .kuccluv» selber; sie beginnt

mit Schwärmen, endigt mit Beten — aber dasFallen ist zwischen beiden."

Niemand als wer einmal in Gustavs Lage war,wer einmal das verheerende Bestürmen seinertiefsten Ueberzeugung von der Möglichkeit undGöttlichkeit der Tugend, in einem Kreise witzigerund entscheidender Leute von Stande erlitt; wenunter solchen Erschütterungen, deren jede ein Rißin die Seele ist, sein eignes Unvermögen kränkte,solche Tugend - und Heiligen - Stürmer zu be-schämen, geschweige zu.bekehren; wen unter diesenHer ödes - Beschimpfungen seiner Heilan-din nicht einmal der Stolz aufrichtete, der zwargern mit uns auf unserm besondern Zimmer isset,aber an der taiilo U'livtv aus unserm Innerneilt-blos also wer in solche» Lagen keuchte,

kann sich Gustavs Alpdrücken in der seinigendenken.

Selbst Beatens Angesicht, das die Partei derTugend und der Liebe nahm, konnt' ihn nicht ge-gen jene persiflierenden Frostgesichter decken, ausdenen wie aus Gletscher-Spalten bei wechselnderWitterung, schneidende Winde bliesen und diedas Herz zerphilosophierten und Las Ge-fühl des eignen Werths zerrissen. In GustavsAlter machen die Gustave zwei grundfalscheSchlüsse — sie suchen erstlich unter jeder tugendhaf-ten Zunge ein tugendhaftes Herz, zweitens aberauch unter jeder schlimmen ein schlimmes.

Gustav würde wenig darnach gefragt haben, daßer nicht viel antworten, geschweige fragen konnte,wären ihm nicht zwei Ohren gegenüber gesessen)die etwas beffers werth waren als was sie zu hö-ren bekamen. Er glitschte allemal neben derrechten Taste hinaus und griff Konsonanzen, woDissonanzen in der Partitur geschrieben standenund umgekehrt. Bald erstaunte er über diefremden freimüthigen Lizenzen, bald erstauntenseine Nachbarn überfeine; und Witz wär'ihmleichter gewesen als einen Ton zu treffen, der ihmbald zu kühn, bald z.u feig vorkam. — Das warsaber nicht eigentlich: sondern sein wichtiger Feh-ler, der wie ein Fußblock seine Füße hielt, war,daß er logisch richtig dachte. —

Den Fehler haben viele; und ich selber mußtemich viele Vormittage üben und mit der Seele vol-tigieren, eh'ich einigermaßen unzusammenhängendund hüpfend denken konnte nur wie ein halberNarr. Ich hätt' es am Ende doch zu nichts ge-bracht, wenn ich mich nicht zu Weibern in dieSchule und auf die Schulbank gesetzet hätte.Diese denken weit weniger logisch, und wer bei ih-nen den guten Ton nicht erlernt, aus dem istnichts zu machen — als ein deutscher MetaphysikenAntworten sie wohl jemals Ja oder Nein, stattdessen was nicht zur Sache gehöret? Drücken siesich über das Wichtigste bedachtsam und mit pro-zessualischen Weitläufigkeiten aus oder über dasFrivolste frivol? Hören und üben sie Persiflierenungern oder legen sie — Ballköniginnen und Gou-vernanten der buresux lt'espi-it freilich ausge-nommen — wohl je den geringsten Akzent, Leeentund Werth auf ihre Tisch- Nachttisch-Spiegel-undandre Reden? Oder legen sie einen auf Wahr-Heiken? Zum Glück nimmt diese Feinheit desTons, die das Fakultätsiegel und der Handwerks-Gruß der Weiber ist, mit der Feinheit der Stoffezu, die eine umhat. Ein paar kleine deutscheStädte, etwa Unterscheerau u. a. müssen sich mirnicht entgegen werfen, wo freilich die dasigenWeiber, die sich lieber Damen nennen hören, mitnichts Laute von sich geben als mit dem artikulier-ten Fächer und Schlepprock, den Insekten gleich,deren Stimme nicht aus dem Munde, sondernaus dem schwirrenden Flugw'erk und Bauchtrvm-melfell hervorsauset.

Viele muthen mir zu, diese Aehnlichkeit desweiblichen und des Hoftvns gar hinaus zu bewei-sen: ich habe ja die Feder in der Hand undbrauche blos einzutunken. Ein Sopranist im gu-ten Ton (ich werde des Wohlklangs wegen --Hof-und guter Ton" abwechselnd gebrauchen) wird