Die unsichtbare Loge
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Leise pochte er am Krankenhause, leise wurde ,aufgemacht, leise stieg er hinauf; blos die Uhrlärmte, wie ein Trauergeläute ins stumme Trau-erhaus, mit ihren zwölf Schlägen, die er da sooft gehört. — Ach im Bett litt eine Gestalt, derman alles verzeihen will und die man noch einwenig zu liebe» und z» erfreuen eilt, eh' ste sichnicht mehr regt. Nicht das schmutzige eingedorrteKrankengestcht, nicht die von Fiebern weggebaizteLebensfarbe, nicht die Runzeln der Lippe wareneS an Amandus (oder stnd es an andern Kranken,)was Gustavs Herz und Hoffnungen zerschnitt,sondern das schwer gedrehte, aufflackernde, wildeund doch ausgebrannte verglaset? Kranken-auge, in das alle Leiden der vorigen Nächteund die Nähe der letzten so leserlich geschriebenwaren.
Amandus streckte ihm seine Todtenhand weitheraus entgegen, als ob es möglich wäre, daß je-mand anders als er sich, noch an die fremdeschwarze Färber - oder Todtenhand erinnerte, dieer ihm neulich gereicht. Für ihn war dieWieder-vereinigung süßer als für Gustav, der hinter ihrdie lange Trennung warten sah.
Der Morgen und die Freude hielten den Vor-hang seines Lebens ein wenig im Niederfallen auf.Gustav trat als Krankenwärter an die Stelle derKrankenwärterin, erstlich weil diese alles so gutund mit so vielen Umstände» und Randnoten zumachen wußte, daß ste noch in seine letzten Minu-ten Galle schüttete, zweitens weil eS ja in derStunde, wo die ganze Natur in Gesellschaft desTodes mit harten Griffen dem Menschen allenPutz und alle Kleidungfiücke abzieht, die sie ihmgeliehen, für die ohnmächtigen Freunde, die dieseunerbittliche Hand nicht halten können, noch dereinzige Trost ist, unter dem Entkleiden, Erfrie-ren und Einschlafen des Bekannten, durch Lächeln,durch unbedingte Gefälligkeit gegen alle seine Lau-nen, durch Erfüllung seines Eigensinns stille zusei». — Auf solche Herz- und LiebeLienste gegenarme Sterbende, schauet man nach vielen Jahrenmit mehr Zufriedenheit zurück als auf die gegenalle Gesunde auf einmal — und doch sind beidenur um ein paar Stunden verschieden; denn Dusteigest nicht oft in Deinem Bette aus und ein, sobleibst Du darin liegen....
Lieber Tod! ich denke jetzt an mich. Wenn du'einmal in meine Stube trittst: so erweise mirden Gefallen und schieße mich an meinem Soonv-taU'L oder Schreibtische Knall und Fall todt; wirfmich, lieber Tod, nicht hinter die Vorhänge aufsKrankenbette und suche mit deinem Trennmesssrlangsam jede Ader, um sie voin Leben loszutren-nen, so daß ich dir ganze lange Nächte ins zer-gliedernde Gesicht sehen muß, oder daß unter dei-nem langen Seidenzupfen meines Seelenkleidesalles herläuft und gesund zuschaut, der Rittmei-ster , der Pestillenziarius und meine gute Schwe-ster. — Reitet dich aber der Henker, daß dukeine Vernunft annimmst: so, lieber Tod — dakeine Hölle ewig dauert— scheer' ich mich auchnichts darum, um die letzte Scheererei nach tau-send Scheerereie».
Der Doktor Fenk hatt' in seinem Gesicht nichtdie Aengsilichksit vor einem kommenden Verlust,
sondern das Trauern über einen dagewesenen; erhielt seinen Sohn für ein zerschlagenes,Porzellan-Gefäß , dessen Scherben man noch in der altenZusammensetzung auf den Putzschrank stellt unddas von dessen kleinster Erschütterung auseinanderfällt. Er verbot ihm daher nichts mehr. Ernahm sogar einige männliche Pazienten an, --weiler, zu Hause einen hätte und sich den Gedanken anihn wegkurieren wollte.» Der Kranke selberhörte schon den Abcndwind seines Lebens wehen.Vor einigen Wochen glaubte er zwar noch, imFrühlinge könnt' er den Schserauer Gesundbrun-nen in Lilienbad trinken und dann würd' es schonanders mit ihm werden. (Armer Kranker! esist eher anders initDir geworden.) Allein ein ge-wisses Fieberbild, da§ er nicht entdeckte, sprachihm sein krankes Leben ab; und sein Aberglaubean diesenTraum war so fest, Laß er seitdem seineBlumenstöcke nicht mehr begvß, seine Vögel weg-gab und alle Wünsche auslöschte, blos den Wunschnach Gustav nicht.
Es war am andern Tags gerade Markttag.Dieses Getöse hatte für seine der Todesstille ge-weihten Ohren zu viel Leben, und Gustav mußtesich an sein Betts setzen, damit er unter demSprechen und Hören nicht auf, den Markt hinun-ter horchte. Gnstav erschrak, als er endlichlebhaft fragte: »ob er Beaten noch liebe.» Erwich dem Ja aus; aber Amandus raffte daS we-nige Leben, das noch in seinen Nerven wärmte,zusammen und sagte, wiewohl in langen Pausenzwischen jedem Satze: »Ach, nimm ihr DeinHerz nicht —o! wenn Du sie kenntest, wie ich— ich war oft bei ihrem Vater — ich sah wie siemit stiller Geduld seine Hitze trug — wie sie dieFehler ihrer Mutter auf suh nahm — voll Gütevoll Sauftmuth, voll Demuth, voll Verstand, —so ist ste — ach ohne ihr Bild wär' in meinemLeben wenig Freude gewesen — gib mir dieHand, daß Du sie mehr liebest wie mich.» Ernahm sie selber; aber den Freund schmerzte dasNehmen.
Plötzlich drängte sich in seine eigesilukenenWangeii-Adern vielleicht die letzte Schamröths,die oft wie Morgenröthe vor einer guten Thatvoreilt: er verlangte seine» Vater her. An die-sen that er mit so viel Feuer, mit so viel Sehn-sucht in Aug' und Lippe die Bitte,-Beaten
herzuholen, die ja einem Sterbenden nicht dieletzte Bitte versagen könne, daß sein Vater eS auchnicht konnte; sondern versprach (trotz dem Ge-fühle der Unschicklichkeit) zu ihrer Mutter zu fah-ren und durch diese jene Herzubereden und beidezu bringen. — Fenk wußte, daß in seiner ganzenKrankheit kein Abschlagen etwas verfing — daß erwenn er ihn an? letzten vergeblichen Wunsche ge-storben sähe, den Gedanken nicht tragen könne,dem Leichnam die Todesminntsn, die er noch aus-schlürfte , verbittert zu haben — und daß Mittlerund Tochter zu gut wären, um nicht gegen seinenSohn zu handeln wie er: kurz er fuhr.
AlS der Vater hinaus war: sah der Kranke un-ser» und seinen Freund mit einem solchen Stromvon lächelnd versprechender Liebe an, daß Gu-stav von der treuen müden Seele, deren Scheidenso nahe war, den längsten Abschied dieses Lebens
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