Band 
I.
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Die unsichtbare Loge

eine Locke, die für das Auge so wenig und für denfühlenden Finger so viel ist. Er schlichtete dieHand. die den letzten Brief so traurig geschlossen,sanft wieder über die unberührte und verließ sei-nen Ottomar auf lange.

Er hatte nicht bemerkt, daß des VerstorbnenSpitzhund und zwei tonsurierte fremde Men-schen da waren, wovon der eine sechs Finger hatte.— Außer der Kirche auf dem Wege, dessen eineRichtung nach dem Ottomarschen Schloß und des-sen andre um den Eremitenberg lief, sahen Gu-stav und Fenk einander mit einer stummen trost-losen Frage an — sie antworteten einander durchden Abschied. Der Doktor kehrte um und setzteseine Reise fort — Gustav ging in den Park unddachte unten, am Fuße des Eremitenberges demSchicksale — nicht seines Freundes noch sei-nem eignen, sondern dem — aller Menschennach....

Und wann schreib ich dies? Heute am 16 . No-vember, wo der Namentag des eingesargtenOttomars ist. —

Drei und dreißigster oder XXV.Trinitatis-Sektor.

Kroszc Älor-Älütcn der Liebe: oder dasKrab — der Traum — die Vrgcl, »cbst meinemÄehlagflnß, Pelflucscl und Eis-Liripipinm.

In Gustav rückten die höchsten Lichter aus desFreundes Bild langsam in das der Geliebten über.Jetzt trat erst ihr Gesicht, das am Todtenbetteewige Stralen in ihn geworfen hatte, aus demZypressen-Schatten vor. Die einsame Pyramidestand erhaben als Wach-Engel neben dem Begra-benen. Er trug sich hinauf, mit Schmerzen,aber mit sanftem; er hatte nun doch den unbe-schreiblich süßen Trost, den Menschen in der Erde,nie gekränkt, und ihm oft verziehen zuhaben;er wünschte, Amandus hätte seine Verzeihungnoch öfter veranlasset; sogar dies deckte sei-nen wunden Busen mit warmem Troste zu, daßer jetzt ihn so liebe, so betrauere, ungesehen,unbelohnet.

Oben trat er noch in einige Leiden-Dornen,worüber man laut aufschreiet; aber bald flogenseine Augen sehnend auf der Licht-Brücke, die voneiner Lampe aus Beatens Zimmer über den Gar-ten zum Berg hinüber lief, gleich andern Phalä-nen ihren hellen Fenstern nach. Er sah nichts alsbald das Licht, bald'einen Kopf, der es verbauete;aber diesen Kopf schmückte er im seinigen schönerauS als irgend eine Frau den ihrigen. Er legtennd lehnte sich halb knieend und halb stehend, mitdem Blick gegen den langen Lichtsirom zugewandt,an das Pvstement der Pyramide an. Müdigkeitund schlaflose Nächte hatten seine Thränen-Drü-

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sen mit jenen drückenden und doch reizendeThränen gefüllet, die oft ohne Anlaß und sobitter und so süß kurz vor Krankheiten oder nachErmattungen ausströmen. — Dieselben Ursachenbreiteten zwischen ihn und die äußere Welt gleich-sam einen dunkeln Nebeltag oder Heerrauch ; seineinnere Welt hingegen wurde aus einer Feder-zeichnung ohne seine Anstrengung ein gleißendesOelgemälde, dann ein musivisches, end-lich eines in erhobener Arbeit — Weltenund Szenen bewegten sich vor ihm auf und ab —endlich schloß der Traum die ganze nächtlicheAußenwelt mit seinen Augenliedern zu und machtehinter ihnen eine neu geschaffne paradiesische auf;gleich einem Todten lag sei» schlummernder Kör-per neben einem Grabmal und sein Geist in einerüber den ganzen Abgrund hinüberreichenden Him-mel-Au. Ich werde den Traum und sein Endesogleich erzählen, wenn ich dem Leser die Persongezeigt habe, die den Traum zugleich verlängerteund endigte.

Nämlich Beata — kam. Sie konnte wederseine Wiederkunft, noch seine letzte Stazivnwissen. Die Nähe des Ottomarschen Leichenbe-gängnisses, die Entfernung Gustavs, dessen Bildseit dem letzten Auftritt tief in und gleichsamdurch ihr Herz gepresset war, und die Entfer-nung des Sommers, der sein buntes blühendesGemälde täglich um einige Zoll wieder zusammen-rollte, alles das hatte sich in Beatens Brust zueinem drückenden Seufzer gesammelt, den Laslaute Jagdschloß mit seinen Dunstkreisen ein-klemmte und mit dem sie reinere Actherkreisesuchte, um ihn an einem Grabe auszuhauchenund aus ihm den Stoff zu neuen einz'uathmen. —Schwärmerisches Herz! du treibest mit deinenfieberhaften Schlägen freilich dein Blut zu reißendum und spülest mit deinen Güssen Ufer, Blumenund Leben fort; aber dein Fehler ist doch schöner,als wenn du mit phlegmatischem Getriebe ausdem stehenden Wasser des Blutes bloßen Fett-Schlamm anlegtest!

Die Nachtwandlerin fuhr zusammen, da sie denschönen Schläfer sah, sie hatte im ganzen Garten,den sie in diesen stillen Minuten durchstrichenhatte, niemand vermuthet und gefunden. Er lagauf einem Knie sanft zusammen gesunken; seinblasses Gesicht wurde von einem schönen Traum,vom ausgehenden Monde und von Beatens Augeangestrahlt. Ihr fiel nicht ein, daß er sich viel-leicht nur schlafend stelle; sie zitterte also um ei-nen halben Schritt näher, um erstlich gewiß zusein wers wäre, und um zweitens mit vollemAuge auf der Gestalt zu ruhen, vor der sie bishernur vorübersireichen durfte. Unter dem Anschauenwußte sie nicht recht, wann sie es eigentlich endi-gen sollte. Endlich wandte sie ihrem Paradieseden Rücken, nachdem sie noch einmal ganz an ihngetreten war; aber unter dem trägen Rückwärts-gehen fiel ihr (ohne Schrecken) ein, »er wirddoch nicht gar todt sein." Sie kehrte also wiederum und behorchte- seine wachsenden Athemzüge.Neben ihm lagen zwei spitze Steinchen so großwie mein Dintenfaß; sie bückte sich zweimalneben ihm nieder (sie wollt' es nicht auf einmaloder auch mit dem Fuße thun) um sie wegzu-