342 Die unsicht
Drei und dreißigster oder XXV.Trinitatis--Sektor.
Uachtunißl« — Äbjcliiedbriif — mein Zanlicn undKranken.
Ich hatte auf heute vor, Spaß zu machen, meineBiographie einen gedruckten Neujahrwunsch anden Leser zu nennen, und statt der Wünsche scherz-hafte Neujahr-Flüche zu thun und dergleichenmehr. Aber ich kann nicht und werd' es über-haupt bald gar nicht mehr können. Welchesplumpe ausgebrannte Herz müssen d i e Menschenhaben, welche im Angesichts des ersten Tages,der sie unter 36» andre gebückte, ernste, klagendeund zerrinnende hinein führet, die tobende schrei-ende Freude der Thiere dem weichen stillen undaus Weine» gränzenden Vergnügen des Menschenvorzuziehen im Stande sind! Jbr müsset nicktwissen, was die Wörter erster und letzter sagen,wenn Ihr nicht darüber, sie mögen einem Tageoder einem Buche oder einem Menschen gegebenwerden, tiefer» Athem zieht; Ihr müsset nochweniger wissen, was der Mensch vor dem Thierevoraus hat, wenn in Euch der Zwischenraumzwischen Freude und Sehnsucht so groß ist, undwen» nicht beide in Euch Eine Thräne vereinigt!— Du Himmel und Erde, Eure jetzige Gestaltist ein Bild (wie eine Mutter) einer solchen Ver-einigung : die in unser frierendes Auge tröstendhinein blickende Lichtwrlt, die Sonne, verwandeltden blauen Aether um sich in eine blaue Nacht,die sich über den blitzenden Grund der beschneitenErde noch tiefer schattiert, und der Mensch siehtsebnend an seinem Himmel eine herüber gezogneNacht und-Eine Licht-Ritze; die tiefe Oeffnungund Straße gegen hellere Welten hin ....
Die vergangne Nacht führt noch meine Feder.Es ist nämlich in Auenthal wie an vielen OrtenSitte, daß in der letzten feierlichen Nacht desJahrs auf dem Thurm aus Waldhörnern gleichsamein Nachhall der verklungnsn Tage oder eins Lei-chenmusik des umgesunkneu Jahrs ertönt. Als ichmeinen guten Wuz nebst einigen Gehülfen in her-unter» Stube einiges Geräusch und einige Probe-Töne machen hörte, stand ich auf und ging mitmeiner längst wachen Schwester ans enge Fenster.In der stillen Nacht hörte man den Hinaustrittder Leute auf den Thurm. Ueber unser Fensterlag jener Balken, unter dem man in prophetischenNächten hinaus horchen muß, um die Wolkenge-stalten der Zukunft zu sehen und zu hören. Undwahrhaftig, ich sah im eigentlichen Sinn, wasder Aberglaube sehen will —ich sah wie er, Särgeauf Dächern und Leichengefvlge au der einen Thüreund Hochzeitgäste uns Brautkranz an der andern,und das Menschenjahr zog durch das Dorf undhielt an seiner rechten Mutterbrust die kleinenFreuden, die mit dem Menschen spielen, und anseiner linken die Schmerzen, die ihn anbellen;es wollte beide nähren, aber sie fielen sterbend ab,und so oft ein Schmerz oder eine Freude abwelkte,
bare Loge.
so oft schlug einer von den zwei Klöppeln zumZeichen an die Thurmglocken an... . Ich sahnach dem weiße» Wald hinüber, hinter welchemdie Wohnungen 'meiner Freunde liegen. O jun-ges Jahr, sagt' ich, zieh' zu meinen Freunde»hin und leg' ihnen in ihre Arme die Freuden ausDeinen und nimm die zurückgebliebnen zähenSchmerze» des alten mit, die nicht sterben wollen!Geh' in alle vier Weltsiraßcn und vertheile dieSäuglinge Deiner rechten Brust, und mir lassenur einen — die Gesundheit!-
Die Töne des Thurms verströmten in dieweite mondlose Nacht hin, die ein großer mitSternblüten übersäeter Wipfel war. Bist Duglücklich oder unglücklich, kleiner SchulmeisterWuz, daß Du auf Deinen« Thurm der weißenMauer und einen« weißen Stein des AucnthalerGottesackers entgegen siehest und doch nicht daranrenkest, wen Mauer und Stein verschließen, den-selben nämlich, der sonst an Deinem Platze indieser Stille auch wie Du das neue Jahr be-grüßte, Deinen Vater, der wieder eben so ruhigwie Du über die verwesenden Ohren des seinigenhinüber blies? .. . Ruhiger bist Du freilich, derDu am neuen Jahre an kein anderes Abnehmenals an das der Nächte denkst; aber lieber ist mirmeine Philipxine, die hier neben mir ihr Lebenvon neuein überlebt und gewiß ernsthafter als daserstemal, und in deren Brust daS Herz nicht blosFrauenzimmer-Arbeit thut, sondern auch zuwei-len zum Gefühl anschwillt, wie wenig derMensch ist, wie viel er wird, und wie sehr dieErde eine Kirchhof-Mauer und der Mensch derverpuffende Salpeter ist, der an dieser Mauer an-schießet! Guts weinende Schwester, in dieserMinute fragt Dein Bruder nichts darnach, daßDu morgen — nicht viel darnach fragest; in die-ser Minute verzeihet er DirS und Deinem ganzenGeschlechte, daß Euere Herzen so oft Edelsteinengleichen, in denen die schönsten Farben und eins —Mücke, oder ein Moos neben einander wohnen;denn was kann der Mensch, der dieses verwit-ternde Leben uns seine verwitternden Menschen be-sieht und beseufzet, mitten in diesen« Gefühlsb.-sserS thun als sie recht herzlich lieben, recht dul-den, recht .. . Lass' Dich umarmen, Philippine,und wen» ich einmal Dir nicht verzeihen will,so erinnere mich an diese Umarmung!.. .
Meine Lebensbeschreibung sollte jeho weiterrücken; aber ich kann meinen Kopf und meineHand unmöglich dazu leihen, wenn ich nicht aufder Stelle mich aus der gelehrten Welt in diezweite schreiben will. Es ist besser, wenn ichblos den Setzer dieser Geschichte mache und denschmerzhaften Brief abschreibe, den Gustav seinerverscherzten Freundin schickte.
--Treue tugendhafte Seele! Die jetzige dunkleMinute, die nur ich verdient habe, aber nicht Du,quäle Dich nicht lange und verziehe sich bald! O!zum Glück kannst Du doch nicht mein Auge, nichtmeinen von Schmerzen zitternden Mund undmein zertrümmertes Herz erblicken, womit ichnun allen meinen schönen Tagen ein Ende mache .—7