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H esp erus.
und die erste Hochzeit seiner Tochter mit demWaisenhausprediger treffen? Warum, wenndoch beide Hochzeirfeste auf diesen Tag zusammen-fallen sollten, mußten sie bis nach Mitternachtfortwähren, wo sie den armen Viktor in alleBrandstätten seiner Hoffnungen schauen ließen,wo er in einer lichtervollen Stube aus seiner dun-keln die Liebs sah, welche Hände verknüpfte, Lip-pen zusammendruckte und Augen und Seelen ver-mischte? — Zu einer andern Zeit würd' er überden Waisenhausprcdiger und über zwei Armen-katecheten gelächelt haben; aber heute konnt' ernur darüber seufzen, und es ist eine sanfte Schvn-heitlinie an seinem innern Menschen, daß erden armen Menschen das vergönnte, was er ent-behrte : „ach ihr seid glücklich, sagte er — o liebt„euch recht, presset die klopfenden vergänglichen„Herzen heiß an einander, eh sie der Flügel der„Zeit zerschlägt, uns glühet an einander in der„kurzen Minute des Lebens, und wechselt eure„Thränen lind Küsse, eh die Augen und Lippen im„Grabe erfrieren — Ihr seid glücklicher als ich,„der ich das Herz voll Liebe niemand geben kann„als den Würmern deS Grabes, und aus dessen„Sarg ein Tischler die lleberschrift, die wie ich„mit Erde bedeckt wird, färben soll: ihr guten, Menschen, ihr habt mich nicht geliebt und ich war„euch doch so gut!" —
Jedes glückliche Lächeln, jeder flötende Violinen-zug, jeder Gedanke wurde jetzt seinem von Thrä-nen umgebenen weichen Herzen zur harten spitzenEcke, so wie einer Hand, die sich in Wasser unter-taucht, alles hart anzufühlen wird.
Seine gränzenlose Aufrichtigkeit, seine grän-zenlose Erweichung konnt' er mit nichts befrie-digen, als mit einem Briefe an seinen Emanuel,in welchen er seine ganze Seele überströmenließ.
„O theurer Geliebter!
„Sollt' ich denn dirs verbergen, wenn michSchmerzen übernommen oder Thorheiten? Sollt'ich dir nur meine bereueten Fehler zeigen undnie meine gegenwärtigen?—Nein, tritt her,Theurer, an meine wunde Brust, ich öffne dirdas Herz darin, es blute und poche unter derEntblößung wie eS will, — du deckest es dochvielleicht mit deiner väterlichen Liebe wieder zu,und sagst: ich lieb' es noch. —
Du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohenEinsamkeit, auf dem Ararat der erretteten Seele,auf dem Tabor der glänzenden: da blickest dusanft geblendet in die Sonne der Gottheit, undstehest ruhig die Wolke des Todes auf die Sonnezuschwimmen — sie verhüllt sie, du erblindest un-ter der Wolke, sie verrinnt, und tu stehst wiedervor Gott. — Du liebst Menschen als Kinder, dienicht beleidigen können — du liebst Erdengenüffewie Früchte, die man zur Kühlung pflückt, aberohne nach ihnen zu hungern — die Gewitter undErdbeben des Lebens gehen vor dir ungehört vor-über, weil du in einem LebenStraum voll Töne,voll Gesänge, voll Auen liegst, und wenn dichder Tod aufweckt, lächelst du noch über den heiternTraum,
Ader ach, mehr als ein Gewitter donnert hinein
in den LebenStraum von uns andern, und machtihn ängstlich. Wenn ein höheres Wesen in denWirrwarr von Ideen treten könnte, der unsernGeist umgibt, und aus dem er seinen Athem holenmuß, wie wir in einer aus allen Luftarten zusam-mengegossenen Lustart athmen — wenn er sähe,welche Nährmiltel durch unsern innern Menschengehen, denen er seinen Milchsaft abgewinnen muß,dieses Gemenge von komischen Opern — Bayle'SWörterbüchern — Konzerten von Mozart —Messtaden — Kriegvperativnen — Goethe's Ge-dichten — Kants Schriften — Tischreden —Mondanschaunngcn — Lastern und Tugenden —Menschen und Krankheiten und Wissenschaften
aller Art-wenn das Wesen diese Lebcns-
Olla-Potrida untersuchte: würd'es nicht begierigsein, zu wissen, welche widersinnige Säfte dadurchin der armen Seele zusammen gerinnen, undwürd' es sich nicht wundern, daß noch etwasFestes und Gleichförmiges im Menschen bleibt?
— Ach wenn dein Freund, Emanuel! bald ineinem feinen Speisesaal, bald in einem Garten,bald in einer Loge, bald vor dem großen Nacht-himmel, bald vor einer Kokette, bald vor dir ist:so macht ihm dieser zweideutige Wechsel der Auf-tritte Schmerzen und vielleicht Flecken...
Nein, ich will meinen Emanuel nicht belügen
-O sind denn die Kleinigkeiten und die Stein-
chen dieses Lebens werth, daß wir darum krummeGänge wählen, wie die Minierraupe durch dieAestchen ihres Blattes sich zu Krümmungen zwin-gen läßt? —Nein, alles was ich gesagt habe, ist jwahr; aber ich hätt' es nicht gesagt, wenn nichtandre Schmerzen mich auch auf jene führten;und doch hättest du es mir, du unschuldig kindlich-erhaben-trauender Lehrer geglaubt. Ach, du hülstmich für z» gut... o es ist ein weiter ermüdenderSchritt von der Bewunderung zur Nachahmung!
— Jetzt aber blick' in mein geöffnetes Herz!
Seitdem ich hier im Todtenhans meiner kind-lichen Freuden, in den Besten, wo meine Kind-heitzahre geblühet und abgeblühet haben, vielleichtmit zn viel Träumen der Vergangenheit umhergehe; — und noch mehr: von dem Tage an, wodu meinem Herzen den Reiz zum Fieberschkageauf mein ganzes Leben gegeben, seitdem dumir das Leben aufgedeckt, worin sich der Menschzerblättert, und den dünnen spitzigen Augenblick,auf dem er so schmerzhaft steht; seit jener Ab-schiednacht, wo meine Seele groß und meineThränen unerschöpflich waren, rinnt eine ewigeWunde in mir, und der Seufzer einer Sehnsucht,die nichts zu nennen weiß als Träume und Thrä-nen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader be-klemmend und verzehrend in meiner Brust-
Ach, ich lache noch wie sonst, ich philosophierenoch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur derGeliebte, dem ichs jetzt entblöße.
O Schicksal, warum schlugst du in den Men-schen den Funken einer Liebe, die in seinem eig-nen Herzblut ersticke» muß? Ruht nicht in uns alle»das holde Bild einer Geliebten, eines Geliebten, wo-vor wir weinen, wornach wir suchen, worauf wirhoffen, ach und so vergebliches vergeblich?—Stehtnicht der Mensch vor der Brust eines Menschen, wiedie Turteltaube vor dem Spiegel, und girret wie