Band 
I.
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Hesp erus.

-den Gifttropfen lieber hast, als den Wundbal-,,sam, und daß tu in den Spiegel schauest, um--die stille schuldlose Gestalt, die er dir mit ihren--Schnitten zeigt, wie eine fremde zu beweinen.—--O wenn der Mensch nichts mehr zu lieben hat,»so umfasset er das Grabmal seiner Liebe, und--der Schmerz wird seine Geliebte. Vergebet ein-,-ander den ku r z en Wahnsinn der Klage: denn--unter allen Schwächen deä Menschen ist das die--unschuldigste, wenn er, anstatt gleich dem Zug---vogel sich über den Winter zu erheben und in--heitere Zonen zu fliegen, gleich andern Vögeln--vor diesem Winter niedersinkt und dumpf in sei---nem kalten Grame erstarrt.--

Diktor sargte sich, so zu sagen, an jedem Tagein sein Zimmer ein, das er niemand als einerThür - und Wandnachbarin der Schmerzen, Ma-rien , öffnete deren Gestalt ihm so sanft wie eineAbendsonne that. Jedes andere weibliche Gesichtauf der Straße gab ihm Stiche; und der Bruderder Verlornen Klotilde, den er am Fenster sah undheute gern umarmt hätte, lieh der verweintenErinnerung neue Farben. . . . Leser! — die Lese-rin ist von selber billiger — lache nicht über mei-nen gute» Helden, der da feiner ist, wo geradedie Stärke der Seele die Stärke des Schmerzenswird; laß mich es wenigstens nicht hören. Wemder sympathetische Nerve des Lebens, die Liebe,unterbunden oder durchschnitten ist, der darf schoneinmal seufzen und sagen: alles kann der Menschauf der Erde geduldiger verlieren, als Menschen.

Und doch führte Abends ein Zufall - nämlichein Brief - alle seine Schmerzen noch einmaldurch sein müdes Herz. Ein kleiner Brief vonEmanuel — aber keine Antwort auf den erst ab-gesandten — kam an.

„Mein immer Geliebter,

„Ich habe den Tag deines Eintritts in ein neuesLebensgewühl erfahren, und ich habe gesagt: meinGeliebter, bleibe glücklich — die Ruhe der Tugendbaue wie mit einer Brust sein Herz gegen denFrost und Sturm seines neuen Lebens ein —seineSchmerzen und seine Entzückungen seien nichtlaut — er trauere sanft und still wie eine Für-stin im sanften Weiß, er genieße sanft und still,und im Tempel seines Herzens spiele die Lustnur wie ein ungehört - irrender Schmetterling ineiner Kirche — und die Tugend schwebe vor ihmam Hähern Himmel über unserer Sonne, undwärme und erhelle und ziehe allmälich sein Herz !

Du willst, auS liebender Bangigkeit für meinentsinkendes Leben, nicht haben, daß ich oft schreibe:so wenig glaubst du, Lieber, meiner Hoffnung.O die ablaufenden Gewichte meiner Maschinefallen langsam und sanft auf das Grab hinauf —dieses Erdenleben kleidet sich in meiner Seele im-mer schöner an, und schmückt sich zum Abschiede— dieser Nebensommer um mich, der wie eineNebensonne neben dem Augustsommer steht, undder künftige Frühling nehmen mich der Naturschmeichelnd aus den Armen.

So übertäubt, so überblümt der Allgütige dieKirchhofmauer des Lebens, wie wir die Mauereines englischen Gartens mit bedeckendem Epheuund Immergrün, und gibt dem Ende des Gartensden Schein eines neuen Gesträuchs. —

So steigt schon hier im dunkeln Leben derGeist, wie der Barometer schon unter dem trübenWetter steigt, und wird den Einfluß des lich-tern schon unter den Wolken inne.

— Ich folge aber deiner Liebe, und schreibe dirnicht mehr als Einmal im Winter, wo ich dir diegroße Nacht erzähle, in der ich meinem blindenJulius zum erstenmale sagte, daß ein Ewiger ist.

— In jener Nacht, mein Geliebter, zogen mich dieEntzückung und Andacht zu hoch, und das dünneLeben wollte reißen. Ich blutete lange. Im Win-ter, wo an die Stelle der Erdenreize die des Him-mels treten * , verbiete mir das Gemälde desSommers nicht.

O mein Sohn! — ich mußte dir ja schreiben,weil meine Freundin Klotilve klaget, daß sie zumneuen Jahre aus der grünen Laube der Einsamkeitauf den drängenden Marktplatz des Hofes gezogenwerde — ihre Seele ist dunkel von Trauer, undstreckt die Arme nach dem stillen Leben aus, daSvon ihr genommen wird. Ich weiß nicht, was einHof ist — du wirst eS wissen, und ich beschwöredich, erlöse meine Freundin und lenke die Handab, die sie aus St. Lüne ziehen will. Wenn dues nicht kannst: so verlasse am Hofe die geliebteSeele nicht — sei ihr einziger, heißester Freund

— ziehe die Bienenstacheln der Erdenstnnden ausihrem milden Herzen. — Wenn kalte Worte wieSchneeflocken auf diese Blume fallen: so schmelzesie der Hauch der Liebe zu Thränen, die du rinnensiehest — Wen» über ihr Leben ein Gewitter auf-steigt: so zeig' ihr den Engel, der auf der Sonnesteht, und über unsere Gewitter den RegenbogenderHoffmmg zieht - O dich, den ich so liebe, wirdmeine Freundin auch so lieben, und wen» meinFreund ihr sein sanftes Herz, sein weiches Auge,seine Tugend, seine von der Natur und von demEwigen bewohnte Seele aufdeckt: so wird ermeine Freundin vor sich glücklich werden sehe»,und das erhabne Angesicht, das vor ihm in Thrä-nen und Lächeln und Liebe zerfließt, wird immerin seinem Herzen bleiben.

Emanuel.»

Sishe, da trat in dieser glühenden Minute dieerhabne Gestalt, die er gestern gesehen, wieder vorsein Herz mit den wehmüthig lächelnden Lippenund mit den Augen voll Thränen; und als dieGestalt vor ihm schweben blieb und schimmerteund lächelte, so stand seine Seele vor ihr, wie voreiner Verstorbenen, auf, und alle Wunden fingenwieder unter dem Erheben an zu bluten, und errief: --so weiche denn nie aus meinem Herzen,- du erhabne Gestalt, und ruh' ewig auf seinen--Wunden!-- — Die Trostlosigkeit, die Ermattungund der Schlaf überhüllten seinen Geist, so wie sei-nen letzten Gedanken, nächstens nach St. Lünewieder zu gehen und ihre Eltern zu bereden, sienicht an den Hof zu zwingen. . . .

Der lange Schlaf des Todes schließt unsereNarben zu, und der kurze des Lebens un-

" Der Dezember begünstigt die Beobachtungen der Astro-ncnien a», meisten.