Hesp
eignes Herz in kleine Stückchen zerschneiden undhingeben für den engländischen Herrn."
Arme Marie, sagt mein eignes Inneres demDoktor nach; und setzet noch dazu: vielleicht liestmich jetzt gerade eine eben so Unglückliche, eineben so Unglücklicher. Und mir ist, als müßt' ichihnen, da ich die Trauerglocken ihrer vergangnentrüben Stunden angezogen, auch ein Wort desTrostes schreiben. Ich weiß aber für den, derimmer über neue klaffende Eisspalten des Lebensschreiten muß, kein Mittel als meines: wirf so-gleich , wenns arg wird, allemögliche Hoff-nungen zum Henker, und ziehe dich verzichtendin dein Ich zurück, und frage: wie nun, wennsSchlimmste auch gar käme, was wärs den»?Söhne Leine Phantasie nie mit dem n ä ch st e nUnglück aus, sondern mit dem größten. Nichtslöset mehr den Muth auf, als die warmen mitkalter Angst abwechselnden Hoffnungen. Ist diesesMittel dir zu heroisch: so suche für deine Thränenein Auge, das sie nachahmt, und eine Stimme,die dich fraget, warum du so bist. Und denke nach:der Widerhall des zweiten Lebens, die Stimmeunserer bescheidnen, schönern, frömmern Seelewird nur in einem von Kummer verdunkeltenBusen laut, wie die Nachtigallen schlagen, wennman ihren Käfich überhüllt.
Oft betrübte sich Sebastian darüber, daß er hierso wenig seine ediern Kräfte für die Menschheitanspannen könne, daß seine Träume, durch denFürsten Uebel zu verhüten, Gutes auszurichten,Fieberträume blieben, weil z. B. sogar die bestenMänner am Ruder des Staats Aemter durchausnur nach Verhältnissen und Empfehlungen besetz-ten , und fremde und eigne Aemter nie für Pflich-ten, sondern für Bergwerkkupen hielten. Er be-trübte sich über seine Unnützlichkeit; aber er tröstetesich mit ihrer Nothwendigkeit: „in einem Jahr,„wenn mein Vater kömmt, sag' ich mich los und„richte mich zu etwas besserem auf/' und sei» Ge-wissen setzte dazu, daß seine persönliche Unnützlich-keit der Lugend seines Vaters diene, und daß esbesser sei, in einem Rade, bei der Tüchtigkeit zueinem Perpendikel, ein Zahn zu sein, ohne wel-chen das Gehwerk stocken würde, als der Perpen-dikel eines ungezähnten RadeS zu werden.
In solchen Lagen fragte er sich immer vonneuem: --ist vielleicht Joachime wie du, besser,--weicher, weniger kokett als sie scheint? und--warum willst du sie »ach einem äußern Schein--verdammen, der ja auch der deinige ist?-- IhrBetragen bestätigte selten diese guten Vermuthun-gen, ja es widerlegte sie oft gar; gleichwohl fuhrer fort, sich neuen Widerlegungen auszusetzen undBestätigung zu begehren. Das Bedürfniß zulieben, zwingt zu größer» Thorheiten, als dieLiebe selber; Viktor ließ sich jede Woche eineVollkommenheit mehr vvm weiblichen Ideal ab-dingen für das er wie für den unbekannten Gottschon seit Jahren die Altäre in seinen« Kopfe fertighatte. Unter diesem Abdingen wäre der ganzeDezember verflossen, wäre nicht der erste Weih-nachttag gewesen.
An diesem, wo er hinter jedem Fenster lachendeGesichter und Hesperiden-Gärten sah, wollt' erauch fröhlich sein, und flog unter den Kirchen-
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musiken in Jvachimens Toilettenzimmer, um da sichselber eine Weihnachtfreude zu machen. Er be-scheerte ihr, sagte er, einen Flaschenkeller ausLikören, ein ganzes Lager von Rataffia, weil erwisse, wie Damen tränken. Als er endlich seinenLagsrbaum voll Flaschen aus der — Tasche zog:wars eine elende kleine Schachtel voll Baumwolle,in der nette Flüschcheu wohlriechender Wasser, fastvon der Länge der Zaunkönigeier, eingebettetstanden. Das Niedliche freuet, wie das Präch-tige, Mädchen allezeit. Joachimen hielt er einelange Rede über die Mäßigkeit ihres Geschlechts,das so wenig esse wie Kolibri, und so wenig trinkewie Adler — mit einigen Schaugerichten und miteinem Flakon woll' er 5ooo Mann weiblichen Ge-schlechts speisen, und es sollte noch übrig bleiben— die Aerzte bemerkten, daß die, die den Hungeram längsten ertragen hätten, Weiber gewesenwären — sogar in mittlern Ständen bestände dieganze Bienenflvra, wovon diese Holden lebten,in einem FarbenbanLe, das sie als Scherpe oderSchleife umlegten, statt eines nährenden Um-schlags und Suppentäfelchens, und woran sie nochhöchstens einen Liebhaber anmachten. Joachimezog unter der Lobrede eine Flasche heraus, weilsie sie für wächsern hielt. Viktor, um sie zu wi-derlegen , — oder auch sonst weswegen, — drückteihr sie stark in die Hand und zerdrückte sie glück-lich. Ein Berghauxtmann von meiner Denkartnähme das Zerbreche» einer Flasche, die man aufkeine Cymannschen Gurken decken kann, schwer-lich in seine Hundpvsitage-auf — weil er gernDinge von Gewicht aufträgt — wenn nicht dieFlasche selber dadurch eines bekäme, daß sie dieweichste Hand, auf der noch der härteste JuwelSchimmer auswarf, blutig schnitt. Der Doktorerschrak — die Blutende lächelte — er küßte dieWunde, und diese drei Tropfen fielen gleich Ja-sons Blut, oder gleich einem von einem Alchymi-sten rektifizierten Blute, als drei Funken in seinentzündbares, und die Blutkohle der Liebe bekamdrei anglimmende Punkte — ja es hätte weniggefehlt, so hätt' er ihr gehorcht, da sie ihin scher-zend befahl (um ihm eine größere Verlegenheitzu erspare», als er hatte) die Pariser veralteteMode, an Damen mil rosenfarbner Dinte zuschreiben, wieder aufzuwecken, und hier auf derStelle drei Zeilen init ihrem Blut an sie abzufer-tigen. Soviel ist wenigstens gewiß, daß er zuihr sagte: er wollte, er wäre der Teufel. Be-kanntlich wird dem letzten das guarentigianischeInstrument oder vielmehr der Partagetraktat überdie Seele mit dein Bluts des Eigners als Faust-und Fraispfand zugefertigt. — Blut ist derSame der Kirche, sagt die katholifche; undhier ist gar vom Tempel für eine Schöne dieRede.
Dabei wars — und bliebs — als Cour bei derFürstin auf heute angesagt wurde. Das war ihmerstlich fatal, weil der heutige Abend versalzenwar, — und zweitens lieb, weil Joachime heuteden Hut wegthun mußte, den er und sie so lieb-ten. Da, wie gewöhnlich, den Damen von derFürstin die Roben und Frisuren vorgeschriebenwurden, worin sie den Courtag, d. h. den Brand-sonntag ihrer Freiheit, bei ihr begehen mnßtcn: