Hesp
Ein Chaos durchschoß sein Herz, aber aus dernChaos setzte sich blos die mngeftinkne Giulia zu-sammen — denn Klvtilde wich täglich in ein dunk-leres Heiligthum seiner Seele zurück; — ihrblasses Luna-Bild liebkosete mit Stralen einerandern Welt seinen wunden Nerven und er ließsich willig glauben, Joachime habe ihre Gestalt.In seiner dichterischen, den Weibern so seltenverständlichen Erhebung, warf die Erblaßte denHeiligenschein, den ihr Klorilde zustralte, wiederauf ihre Schwester zurück. Joachime hatte heutewieder den Brief gelesen, den Giulia an sie in derTodesstunde durch Klotilde schreiben lassen,, undtrug ihn noch bei sich. Wahrscheinlich hatte einHerz voll vergeblicher Liebe die schöne Schwär-merin unter die Erde gezogen. Viktor bat sie mitschimmernden Augen um den Brief; er schlug ihnauf im Mondlicht, und als er die geliebten Zügeseiner Verlornen Ktvtilde erblickte, weinte seinganzes Herz.
Gute Schwester,
Leb' auf immer wohl! Laß mich das zuerstsage», weil ich nicht weiß, welche Minute mirden Mund verschließt. Die Gewitter meines Le-bens ziehen heim. Es wird schon kühl um meineSeele. Ich sage diesen Abschied und meinen herz-lichsten Wunsch für dein Wohlergehen, meinerFreundin Klvtilde in die Feder. Gib den Ein-schluß meinen lieben Eltern, und füge deine Bittean meine, mich in meinem schöne» Maienthal zulassen, wenn ich vorüber bin. Ich sehe jetzt durchdas Fenster die Rosenstaude, die neben kemGärt-chen des Küsters auf dem Kirchhofe stehet — dortwird mir eine Stelle gegeben, die wie eine Narbebezeuget, daß ich dagewesen, und ein schwarzesKreuz mit den sechs weißen Buchstaben Giulia —Mehr nicht. Liebe Schwester, lass' es ja nicht zu,daß sie meinen Staub in ei» Erbbegräbnis' sperren— O nein, er soll aus Maienthals Rosen flat-tern , die ich bisher so gern begossen — diesesHerz, wenn es sich zerlegt hat in den Blüteu-staub eines neuen ewigen Herzens, spiele undschwebe im Strale des Mondes, der mir es inmeinem Lebe» so oft schwer und weich gemacht.Fährest du einmal, liebe Schwester, bei Maien-thal vorüber: so blickt bis zur Straße das Kreuzdurch die Rosen hindurch, und wenn es dich nichtzu traurig macht, so schaue hinüber zu mir.
Mir war jetzt einige Minuten, als holte ich inAether Athem — in kleinen dünnen Züge» — Eswird bald aus sein. Sag' aber meinen Gespie-linnen, wenn sie nach mir fragen, ich bin gerngegangen, obwohl ich jung war. Recht gern.Unser Lehrer sagt, die Sterbenden sind fliegendesGewölk, die Lebenden sind stehendes, unter wel-chem jenes hinzieht, aber Abends ist ja beides da-hin. Ach ich Lachte, ich würde mich noch rechtlange, von einem Trauerjahr zum andern, nachdem Sterben sehnen müssen, ach ich besorgte, dieseerblaßten Wangen, diese hineingeweinten Augenwürden den Tod nicht erbitten, er würde michveralten lassen, und mir das verblühte Herz erst ab-nehmen , wenn eS sich müde geschlagen, — abersiehe, er kömmt eher —In wenig Tagen, vielleichtin wenig Stunden wird ein Engel vor mich treten
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und lächeln, und ich werd' es sehen, daß es derTod ist, und auch lächeln und recht freudig sagen:nimm immer mein schlagendes Herz in deine Hand,tu Abgesandter der Ewigkeit, und sorge für meineSeele.
»Bist du aber nicht jung (wird der Engel sa-gen) hast du nicht erst diese Erde betreten? Sollich dich schon zurückführen, eh' sie ihren Frühlinghat?"
Aber ich werde antworten: schau' diese unterge-gangenen Wangen an, und diese ermüdeten Au-gen und drücke sie nur zu — o lege den Leichen-siein * an meine Brust, damit er alle Wundenaussauge und nicht eher abfalle, als bis sie ausge-heilet sind — Ach ich habe wohl nichts Gutes inder Welt gethan, aber auch nichts Böses.
Dann sagt der Engel: »wenn ich dich berühre,»so erstarrest du —der Frühling und die Menschen»und die ganze Erde verschwinden, und ich allein»stehe neben dir — Ist denn deine junge Seele»schon so müde und so wund? Welche Leiden sind"denn schon in deiner Brust?"
Berühre mich nur, guter Engel! Jetzt sagt er.wenn ich dich berühre, so zerstäubst du, und alledeine Geliebten sehen nichts mehr von dir —
O berühre mich! ...
Der Tod berührte das blutige Herz, und einMensch war vorüber . . ,
Während Viktor das Trauerblatt las, hatte dieSchwester der Todten einigemale, weil sie sich Lasdachte, was er las, die Augen abgetrocknet, undals er sie ansah, schimmerten darin die Samen-perlen einer weichen Seele. Aber er wünschtesich jetzo die Unsichtbarkeit seines Gesichts, oderden Erker seines Zimmers, um allen Seufzernund Gefühlen ungesehen nachzuhängen. Wär' erin einen« bürgerlichen Hause gewesen: so hätte er»»verspottet jetzt zu den ausgepackten Kleidernund in die künftigen Zimmer Klotildens gehenkönnen — und er hätte gleichsam die grünen Flu-ren von Maienthal wieder erblickt, wenn er dieromantischen Gewänder, worin Giulia sie durch-streift hatte, unter den letzten Küssen der Schwe-ster hätte verschließen sehen-Aber in einem
solchen Hause wars eine Unmöglichkeit.
Er verzieh jetzt, da er seltener den Genuß derfreiuden Empfindsamkeit hatte, sogar das Ueber-treiben derselben leicht. Daß sie den Körper zer-rütte, war ihm der elendeste Einwand, weil ihnja alles Edlere, jede Anstrengung, alles Denkenaufreibe; der Körper und das Leben wären janur Mittel, aber kein Zweck. »Giulias Herz in"Giulias Körper, sagte er, ist ein reiner Thau-"trvpfe in eine«» weichen Blumenkelch, den alles"zerdrückt, verschüttet, aussaugt, und der »och vor"der Ästittagsoune entflohen ist; solche für eine»Welt voll Sturm zu biegsame Seelen, die zu»viel Nerven und zu wenig Muskeln haben, ver-dienen ihrer Empfindsamkeit wegen das einsres-"sende Salz der Satire nicht, das sie wie Schne-
" Der Schlangensicin saugt sich so lange an die Wundean, bij cr ihren Eist weggcsogen.