chime lehnte auf dem Kanapee ihren sanften sie-chen Kopf an die Wand zurück, und blickte aufdas Fußgetäfel, und sah mit den herübergezognenAugenliedern schöner aus — der Evangelist gingab und zu — Viktor setzte, wie allemal, im Zim-mer herum — Es war ein recht hübscher Abend,und ich wollt', meiner würde heute so. Das Ge-spräch wendete sich auf die Liebe; und Viktor be-hauptete das Dasein einer doppelten, der bürger-lichen und der siiftfähigen oder französischen. Erliebte die französische in Büchern und als Ge-sammtliebe, aber er haßte sie, sobald sie die ein-zige sein sollte: er beschrieb sie heute so: »nimmein wenig Eis — ein wenig Herz — ein wenigWitz — ein wenig Papier — ein wenig Zeit —ein wenig Weihrauch — und gieß' es zusammen,und thu' es in zwei Personen von Stanke: sohast du eine rechte gutesranzösischefontenel-lische Liebe» — »Sie vergaßen, setzte Matz dazu,»noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Fünftel»oder Sechstel, das als aüzuvnns oder con-»stituons * zur Arzenei kommen muß. — Indes-sen hat sie koch das Verdienst der Kürze; die»Liebe sollte wie die Tragödie, auf Einheit der»Zeit, nämlich auf den Zeitraum Eines Tages,»eingeschränket sein, damit sie nickt noch mehre»Aehnlichkcit mit ihr bekäme. Schildern Sie»aber die bürgerliche! » — Viktor: »die zieh ich»vor.» — Malthieu: »ich nicht. Sie ist blos ein-längerer Wahnsinn, als der Zorn. O» x ptoui-o,»vn x erie, <»» x svupirv, vn 7 invnt, v»»x ononAv, v» z- tun, vn x nrvnrt — ontln vn»su Nonne L tvns iv» <liuulLs, poun uvoii' so»"Unsre. — Unsere Gespräche sind heute einmal»voll Arabesken und ü in si'ecqno: ich will ein»Kochbuchrezept zu einer guten bürgerlichen Liebe»machen: Nimm zwei junge große Herzen —»wasche sie sauber ab in Taufwaffer oder Drnckcr-»schwärze von deutschen Romanen — gieße heißes»Blut und Thräne» darüber — setze sie ans»Feuer und an den Vollmond, und lasse sie auf-»wallen — rühre sie fleißig »m mit einem Dolche»— nimm sie heraus und garniere sie wie Krebse,»mit Vergißmeinnicht oder andern Feldblumen;»und trage sie warm auf: so hast du einen»schmackhaften bürgerlichen Herzenkoch
Mathieu setzte noch hinzu: in der heißen bür-gerlichen Liebe sei mehr Qual als Spaß; in ihrsei, wie in Dantes Gedicht von der Holle, letzteam besten ausgearbeitet und der Himmel amschlechtesten — Je älter ein Mädchen oder ein ein-gepökelter Häring sei, desto dunkler sei an beidendas Auge, das durch die Liebe so werde — JedeFrau aus einem Hähern Zirkel müsse f,oh sein,daß sie vorn Manne, an den sie gekettet sei, nichtszu behalten brauche, als sein Bild im Ring, wiePrometheus, da Jupiter einmal geschworen, ihndreißig tausend Jahre am KaukasuS gelöthet zulassen, während derselben blos ein wenig von die->s«r Bastille an der Hand getragen in einem Fin-
« Lstjurans ist das Ingredienz, das die Kräfte derHruptmgredienzien stärkt; eonsiiiuons ist, was der Ar-zenei die Form einer Pille, oder Latwerge oder Mixturertheilt.
Wie man sagt: Erbsenkoch, Nudclkoch.
gerring." — Dann ging Matthieu eilend hinaus,welches er allemal nach witzigen Entzündungenthat. Viktor liebte die bitterste ungerechteste Sa-tire in fremdem Munde, als Kunstwerk; er ver-zieh alles und blieb heiter.
Joachime sagte dann scherzhaft: „wenn also keine„Manier der Liebe etwas taugt, wie sie beide be-wiesen haben, so bleibt uns nichts Übrig, als zuHaffen."— »Doch nicht (sagt' er:) Ihr Herr Bruderhat nur kein wahres Wort gesagt. Stellen Siesichvor, ich wäre der Armenkatechet und verliebt —in die zweite Tochter des l>nsboi' primniins binichs — ihre Rolle ist die einer Hörschwesier; denndie bürgerlichen Mädchen wissen nicht zu reden,wenigstens mehr in Haß, als in der Liebe — DerArmenkatechet hat wenig dol eszirit, aber vielsninb esjii-it, viel Ehrlichkeit, viel Treue, zu vielWeichherzigkeit und unendliche Liebe — der Ka-techet kann keine galante Intrigue anspinnen aufeinige Wochen oder Monate, noch weniger kanner die zweite Pastortochter in die Liebs hineindis-putiercn, wie ein ronö — er schweigt, um zuhoffen, aber mit einem Herzen voll ewiger Liebs,
voll opfernder Wü»>che, begleitet er zagend stillalle Schritte der Geliebten und — Liebenden —aber sie erräth ihn nickt, und er sie nicht. Unddann stirbt sie... Aber vorher, eh' sie stirbt,tritt der bleiche Katechet trostlos vor ihr Abschied-lager und drückt die zitternde Hand, eh' sie er-schlafft. und gibt dem kalten Auge noch enieFrenden-thräne, eh' es erstarret, und dringet noch unter dieSchmerzen der kämpfenden Seele mit dem sanftenFrühlinglaute hinein: ich liebe dich — Wenn ersgesagt hat, stirbt sie an der letzten Frende, under liebt kann auf der Erde weiter niemandmehr." . . .
Die Vergangenheit hatte seine Seele überfallen— Thränen hingen in seinen Augen und mischtenKlolilkens Krankenbild in einer sonderbaren Ver-dunkelung mit Joachimens ihrem zusammen—er sahund dachte eine Gestalt, die nicht da war — erdrückte die Hand derjenigen, die ihn ansah, under dachte nicht daran, daß sie alles auf sich beziehenkönnte.
Plötzlich trat lächelnd Matthieu herein, unddie Schwester lächelte nach, um alles zu erklären,und sagte: der Herr Hofmeoikus gab sich bisherdie Mühe, dich zu widerlegen. Viktor, schnellerkaltet, versetzte zweideutig und bitter: „Siebegreifen, H. v. Schleimes, daß es mir am leich-testen wird, Sie in die Flucht zu schlagen, wennsie nicht im Felde sind." — Matz fixierte ihn; aberViktor schlug sanft sein Auge nieder, und bereuetedie Bitterkeit. Die Schwester fuhr gleichgültigfort: »ich glaube, mein Bruder ist oft im Falle,mit der Fa?o» zu wechseln." — Er nahm es hei-ter lachend auf, und er dachte wie Viktor, sie zieleauf seine galanten Abenteuer und Lusttreffenmit Weibern aus allen Ständen, die auf demLandtag sitzen. — Aber da sie ihn fortgeschickthatte, um bei ihrer Mutter anzufragen, werheute Abends zum Cercle komme: so sagte sie demMedikus: »Sie wissen nicht, was ich meinte.»Wir haben am Hofe eine kranke Dame, die Ihre»leibhafte Pastortochter ist — Und mein Bruder' -hat nicht so viel und nicht so wenig Geist, um