Band 
I.
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Hesperus. 537

, großen Flüge! auf und schlägt an die Wälder:„höre, sie geben das Zeichen, daß unsre gute„Sonne geschieden ist. . . .

„O Julius, Julius (sagt' ich und umfaßte seine„Brust) die Erde ist groß — aber das Herz, das !„auf ihr ruht, ist noch größer als die Erde, und ,„größer als die Sonne.... Denn es allein denkt„den größten Gedanken."

Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonnekühl wie aus einem Grabe daher. Das hoheLuftmeer wankte, und ein breiter Strom, in des-sen Bette Wälder niedergebogen lagen, braustedurch« den Himmel die Laufbahn der Sonne zu-rück. Die Altäre der Natur, die Berge, warenwie bei einer großen Trauer schwarz überhüilt.Der Mensch war vom Nebelgewölke auf die Erdeeingesperrt und geschieden vom Himmel. AmFuße des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze, undder Donner schlug dreimal an das schwarze Ge-wölbe. Aber der Sturm richtete sich auf und rißes auseinander; er trieb die fliegenden Trümmerdes zerbrochenen Gefängnisses durch das Blauund warf die zerstückten Dampfmassen unter denHimmel hinab — und noch lange braust' er alleinüber die offne Erde fort, durch die lichte gerei-nigte Ebene . . . Aber über ihm, hinter dem weg-gerissenen Vorhang glänzte das Allerheiligste, dieSternennacht. —

Wie eine Sonne ging der größte Gedanke desMenschen am Himmel auf — meine Seele wurdeeingedrückt, wenn ich gen Himmel sah — siewurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah —

Denn der Unendliche hat in den Himmel seinenNamen in glühenden Sternen gesäet, aber aufdie Erde hat er seinen Namen in sanften Blu-men gesäet.

„O Julius, sagt' ich, bist du heute gut gewesen?^— Er antwortete: "Ich habe nichts gethan, au-ßer geweint."

»Julius knie nieder und entferne jeden bösenGedanken — höre meine Stimme beben, fühlemeine Hand zittern — ich kniee neben dir."

»Wir knieen hier auf dieser kleinen Erde vorder Unendlichkeit, vor der unermeßlichen über unsschwebenden Welt, vor dem leuchtenden Umkreis desNaums. Erhebe deinen Geist und denke was ichsehe. Du hörst den Sturmwind, der die Wolken umdie Erde treibt — aber du hörst den Sturmwindnicht, der die Erden um die Sonne treibt, und dengrößten nicht, der hinter den Sonnen weht undsie um ein verhülltes All führt, das mit Sonnen-flammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erdein den leeren Aether: hier schwebe und siehe sie zueinem fliegenden Gebirge einschwinden, und mitsechs andern Sonnen stäubchenum die Sonne spie-len — ziehende Berge, denen Hügel* nach-flattern, stürzen vorüber vor dir, und steigen hinaufund hinab vor dem Sonnenschein — dann schau'umher im runden, blitzenden, hohen, aus krystalli-sierten Sonnen erbauet?» Gewölbe, durch dessen Ri-tzen die unermeßliche Nacht schauet, in der das fun-kelnde Gewölbe hängt — Du fliegst Jahrtausende,aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in diegroße Nacht hinaus — Du schließest das Auge zu

- Planeten mit Monden.

und wirfstdich mit einem Gedanken über den Ab-grund und über die ganze Sichtbarkeit, und wenndu eS wieder öffnest, so umkreisen dich, wie See-len Gedanken, neue hinauf und hinab stürmendeStröme aus lichten Wellen von Sonnen, aus dun-keln Tropfen von Erden, und neue Sonnenrcihcnstehen einander wieder aus Morgen und Abendentgegen, und das Feuerrad einer neuen Milch-straße wälzt sich um im Strom der Zeit — Jadich rücke eine unendliche Hand aus dein ganzenHimmel, du siehest zurück und heftest dein Augeauf das erblassende eintrocknende Sonnenmeer,endlich schwebt die entfernte Schöpfung nur nochals ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht;du dünkst dich allein und schauest dich um und-eben jo viel Sonnen und Milchstraßen flam-men herunter und hinauf, und das bleiche Wölk-chen hängt noch zwischen ihnen bleicher, und außenum den ganze,, blendenden Abgrund ziehen sichlauter bleiche stille Wölkchen." - —

»O Julius, o Julius, zwischen den wandelndenFeuerbogen, zwischen den von einem Abgrund inden andern geschleuderten Milchstraßen, da flattertein Blüteiistäiibche», aus sechs Jahrtanj-nden unddem Menschengeschlecht gemacht — Julius, wererblickt und wer versorgt daS flatternde Stäubchen,das aus allen unsern Herzen besieht?" —

»Gin Stern wurde jetzt herabgeschlagen. Fallewillig, Stern in die Luft der Erde geheftet; auchdie Sterne über der Erde taumeln wie du in ihreentlegnen Gräber herab — das Wattenmeer ohneUfer und ohne Grund qnillet hier, versieget dort;die Mücke, die Erde, fliegt um das Sonnenlicht,und sinkt in das Licht und zerbröckelt —O Julius,wer erblickt und erhält das flatternde Stäubchenauf der Mücke, mitten im gährenden, grünenden,verwitternden Chaos ? O Julius, wenn jeder Au-genblick einen Menschen und eine Welt zerlegt —-wenn die Zeit über die Kometen geht und sie anS-tritt wie Funken, und die verkohlten Sonnen zer-reibt — wenn die Milchstraßen nur wie zurück-fahrende Blitze aus dem großen Dunkel dringen— wenn eine Weltenreihe um die andere in denAbgrund hinuntergezogen wird, wenn das ewigeGrab nie voll wird und der ewige Sternenhiinmelnie leer: o «nein Geliebter, wer erblickt und er-hält denn unS kleine Menschen aus Staub? —Du, Allgütiger, erhältst uns, du, Unendlicher, du,o Gott, du bildest uns, du siehest uns, du liebestuns —O Julius, erhebe deinen Geist und fasse dengrößten Gedanken des Menschen! Da wo dieEwigkeit ist, da wo die Unermeßlichkeit ist undwo die Nacht anfängt, da breitet ein unendlicherGeist seine Arme aus, und legt sie um dasgroße fallende Welten - All, und trägt es undwärmt es. Ich und du, und alle Menschen, undalle Engel und alle Würmchen ruhe» an seinerBrust, und das brausende schlagende Welten - undSonnenmeer ist ein einziges Kind in seinem Arm.Er siehet durch das Meer hindurch, worin Kvrallen-bäume voll Erden schwanken, und sieht an derkleinsten Koralle das Würmchen kleben, das ich bin,und er gibt dem Würmchen den nächsten Tropfen,und ein seliges Herz, und eine Zukunft und einAuge bis zu ihm hinauf — ja, o Gott. bis zu dirhinauf, bis a» dein Herz. " —

Scan Paul'S Werke, l-

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