Hesperus
27. Hundposttag.
AligenverbanS — Lild hinter Bcttrvorhang — Ge-fahr sür zwei Tugenden.
Klotilde ging in der Leidenwoche, unter Lieb-kosungen von der Fürstin entlassen, nach St.Lüne. In der Osterwoche trägt sie ihr Herz vollbedeckter Sorgen nach Maienthal zu ähnlichernSeelen, wenn sie vorher durch die Verhülle ge-gangen, nämlich durcheilten schimmernden Ball,den ihr — oder höflicher zu reden, der Fürstin —der Fürst am dritten Osterfeiertage gibt. ... Istdiese Blume mit dem Melonenheber des Totesoder Schicksals aus meinen biographischen BeetenauSgestochen und versetzt: so wsrs' ich die Federweg und prügle den Spitz zurück — ich habe michso sehr an sie gewohnt, wie an eine Verlobte: wotreib' ich am Hofe wieder einen weiblichen Cha-rakter auf, der, wie ihrer, heil ige und feineSitten verbindet, Himmel und Welt, Tugendund Ton, ein Herz, welches (ist es anders mitetwas Kleinem zu vergleichen erlaubt) der unsernHelden ängstigenden und auch wie ein Herz aus-sehenden inoriti'o ü l-0§u!steui> ähnlich ist, welchemit den, Zeiger der Hofstuuden einen Zeiger derSonnensiunLen und den liebenden Magnet ver-knüpft.
Jetzo sind wir noch die ganzen Osterfeiertagebeisammen; denn Sebastian muß zum PfarrerEymann, um ihn uns die brittischen Drillingeund seine liebe Kaxlanin und mehr Liebes zu se-hen. Er wäre gern schon am Osterheiligeuabsnddem Regierrakh dahin gefolgt (und dem Lebens-beschreiber wärS so lieb gewesen, wie ein Oster-fladen, weil er der Städte und Höfe auf demPapiere übersatt ist) aber der Genius der zärt-lichste» Freundschaft winkte ihm, nur wenigstensbis den ersten Ostertag Flamins und Klotildenswegen, welche beide einander so lange entbehretund so sehnlich gewünscht hatten, sich wechselseitigneue Wunden nun mitbringend, zurückzubleiben,gleichsam als woll' er fragen: "die ersten Freuken-»blicke dieser so lange aus einander gedrängten»Geschwister wird doch mein unglücklicher Seba-»stian nicht stören wollen?" — Wahrlich, nein!antwortete seine Thräne.
Die Stadt war nun von seinen Geliebten ausge-leerc — die Leidenwoche war eine wahre für ihn— nicht einmal die Fürstin, gleichsam die Elektri-zitätträgerin seiner auf sein eignes Herz znrück-gewehten Liebcfiamme, war, ihm seit langen: er-schienen — denn mit dieser Stimmung konnt' er
nicht zu Joachimen gehen-als ihn der
Pater der Fürstin, die heute bei ihm (am h. Ostcr-abcnd) gebeichtet hatte, besuchte, und vor ihm ei-nen Wundzettel ihrer Augen entfaltete, und ihnfreundlich schalt, daß der Hvfbeichtvater dein Hof-medikus Sünden, statt zu erlagen, vorzurückenhabe. »Ich wollte morgen verreisen", sagte Vik-tor. — »Gut!" sagte der Pater, »die Fürstin ver-»langt schon heute Ihre Hülfe."
Auf dem Wege zu ihr sagt' er zu sich: »hat
»denn Tostato das Osterbeichten verschworen, daß»er setzt Abends noch nicht da ist? und wo wird-ihn der Henker morgen haben?" — Hier! ant-wortete — Tostato hinter ihm. — So einen lusti-gen Bußfertigen hatte noch keine Sakristei gesehen.Das Freuden- und Teufels- und Beichtkind sagtedie Ursache seines frohen Tobens: »die Fürstin»hab' ihm als Landsmann heute Las halbe Ge-»wölbe ausgekauft."—Eh' Viktor auf seinem Ge-sicht die ernsthaften Mienen in Reih und Gliedgestellt hatte, mit welchen er ihm die Bitte umVerschmelzung seines kaufmännischen VikarialSthun wollen, ich meine die Budenverwaltung, soerfreuete ihn der springende Veichtsohn mit derNachricht, daß die Fürstin nach seinen und ihrenLandsleuten, nach seinen Associes gefragt, und daßer ihr gar nicht verbogen, baß einer einmal das !letzte ohne Las erste gewesen — nämlich ihr Hof-medikus selber. — »Donner'!" sagte der ...
Der arme Narr von Kaufmann meint' es gut,und es war weiter nichts anzustellen, als die Un-tersuchung, ob nicht Agnolas Fragen Zufall gewe-sen— ob sie die Uhr noch habe, oder je aufgemacht,ob kein Wind die Lieberklärung als einen ver-schwisierten Wind fortgerrieben.-
Bedenklich bliebs, daß gerade der Pater und derKaufmann, gerade die bösen Augen uns die gutenNachrichten in Einen Tag zusammenfielen; in die-sen Josten März, in den Osterabend. Da dieserBesuch für meinen Helden sehr inerkwürdig ist: sobitt' ich jede», sich recht bequem zu setzen, und dievvm Buchbindorgvlde »erpichten Blätter dieser Er-zählung vorher aufzuspalten und Acht zu geben,wie ein Spion.—
AIS Viktor im Schlosse war, stieß ihm der Pa-ter auf, welcher sagte, er gehe auch mit. Es warein Glück; denn ohne diesen Wegweiser hätt' erschwerlich den Pfad durch ein Labyrinth von Zim-mern in das veränderte Krankenkabinet gefunden.Und mit ihm ging wie ein Kiebiz die Sorge durchalle Gemächer, er werde auf dem Gesichte der Fürstinein Klaglibell gegen das eingesperrte Mllet ctvuxerblicken; aber nicht einmal ei» Anfangbuchstabsoder das lud,»», eines Urtheils stand aus ihren,Gesichte, als er vor sie trat, und seine Wetter-wolke war seitwärts gegangen. Wenigstens stieg eine,die über der Fürstin selber hing, seine ab; sie warnämlich krank, aber nicht an Augen blos, und einezweite Botschaft, die ihn holen folüe, hatt' ihn nurverfehlt. Sie empfing ihn im Betts — nicht ihrerKrankheit, sondern ihres Standes wegen: dennfür Damen von einigem Range ist das Bette dasHoflager — die MooSbank — der Hochaltar —die Königpfalz — kurz der Fürstenstuhl und Sessel.Wie der Philosoph Descartes, der Abt Galianiund der alte Shandy.so können sie in diesemTreibhaus am besten denken und arbeiten. Ob siegleich im Bette lag, so war sie, wie gesagt, Lochnicht gesund, sonder» von Kopf- und Augenschmer-zen angefallen. Daher hatte sie von ihrer fortge-schickten Dienerschaft für heute nichts behalten alseine Kammerfrau, die sie sehr liebte, und die Mückean der Wand, die sie irrte, und unsern Doktor,der eines von beiden unterließ. Ich hätte eine imoffenstehenden Bilderkabinet seßhafte Hofdamegern mitgezählt; aber sie saß so stumm und un-
Lean Paul's Werke l.
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