Band 
I.
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H esperus»

herab und fand ihn mit dem Lilienangesicht, schonwie den jüngern Bruder eines Engels, umflogenund nmsnngen von Vogeln, an einer Birke lehnen;»welche Gestalten, welche Herzen, dacht' er,schmücken dieses Paradies.» Wie hätt' er sichan einem solchen Morgen, an einem so heiligenOrte, gegen einen so guten Jüngling verstellen,und ihm etwa mit der nachgemachten Stimme sei-nes italiänischen Bedienten den Brief an Emanuelübergeben können! — Nein, das konnt' er nicht;er sagte mit leiser Stimme, um ihn nicht zuerschrecken: lieber Julius, ich bin4! — Dann sanker langsam an den zarten Menschen und umarmtean Einer Brust — drei Herzen, und reichte ihmden Brief mit den Worten: »gib ihn deinem»Emanuel!» und floh mit dem wärmsten Druckder lieben Hand, den Berg tiefer hinab unddavon.—

Gerade um diese Stunde an diesem Tage voreinem Jahre verschwand auch Giulia aus Maien-thal und nahm nichts von dem schönen Blumen-boden mit als einen — Grabhügel.

Als er jstzo hinter Staudengängen ungesehendem Orte der Seligen entronnen war: machteseine nächtliche Erheiterung einer unbezwinglichenWehmuth Platz. Die ausgehende Sonne zog allehellen Farben aus seinem nächtlichen Traum —»hab' ich denn wirklich Maienthal und Julius»und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer»vor den: Monde schillernden Wolke ein zerflos-»senrs Schattenspiel vorüber geronnen?" sagt' er

— und der Tag brütete die frische Nachtluft sei-ner Seele zu einem schwülen Flattern des Süd-winds an. Anstatt daß der Mensch sonst wieNaguel, in der Mitternacht Gräber aushauet undin der Mvrgensonno sie wieder verschüttet, kehrteheute Sebastian es um. —

Eigentlich war es nicht ganz so: sondern dasschnelle Vorspringen und Einsinken der geliebten !Gestalten, die vergrößerte Sehnsucht darnach, der lrührende Abstich des Morgengotümmels mit derNachtpause, des Sonnenfeuers mit dem Mond-dämmern und die mit. der Ermüdung der Phan-tasie und des Körpers verknüpfte träumende Er-mattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge drück-ten aus dem Herzen und den Thränendrüsen un-sers Nachtwandlers unwillkürliche, süße Thränenaus, die keinen Gegenstand betrafen, die wedervor Freude noch vor Kummer flössen, sondern vorSehnsucht.

Auf einmal ließ der schöne nebellose erste Mai-tag das Andenken an den vorjährigen, wo er, wieein Frühling und homerischer Gott, im Nebelankam, vorübergehen — und der gute Menschschauste mit den Thautropfen in den Augen dieThautropfen in den Blumen an und sagte unaus-sprechlich gerührt: »ach vor einem Jahre kam ich»so glücklich, wurde so unglücklich,, und bin wie-der so glücklich — o ihr fliehenden, spielenden»nachtönenden, zitternden Jahre des Menschen!"

— und das Feiertaggeläute aus allen Dörfern (eswar Philipp! Jacvbi) setzte mit dem sanften Be-ben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein wei-teres Zittern.

»O vor einem Jahre (tönten ihn die Glocken an)begleiteten wir Giulia wie dich, aus Maienthal

heraus." Dann zog vor der Sonne, die amHimmel ihre weißen Blüten aufschlug, der warmeGedanke sein Herz auseinander: »vor einemJahre, an diesem Morgen ging dir dein Flaminentgegen und vergoß an deiner glühenden Brustso viele Freudenlbränen — und am Ende des heu-tigen Tages zog er dich wieder an sein Herz undsagte gleichsam ahnend: »vergiß mich nicht, ver-rath mich nicht, und wenn du mich verlassenwillst, so laß mich mit dir untergehen!" —

»O du Treuer (sagten alle seine Gedanken,)»wie tröstet es mich heute, daß ich einmal alle»meine Wünsche gern den deinen aufgeopfert»habe, um dir getreu zu bleiben* — Nein, ich»kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm."

— Er ging gerate zu Flamin, um (wiewohlohne Meineid gegen den Lord und mit Schonungder Eifersucht) es zu bekennen, daß er auf Pfing-sten »ach Maienthal verreise. Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein entgegen weinendesAuge so sehr — sein seines Ehrgefühl verschmähtees so sehr, eine fremde Reise zur spanischen Wandder eignen zu machen — seiner erneuerten Liebethat das kleinste Verhehlen vor seinem Freunde soweh' — Matthieu war aus diesem himmelblauenEden unter der Gehirnschale so gänzlich verstoßen

— daß er, je länger er dachte und lies, desto mehrausschließen wollte. Er wollt' es nämlich seinen,Flamin sogar entdecken, daß er heute Nachts dieEinladkarte eigenhändig a» den Blinden abge-reicht: durch eins Täuschung wurde ihm die künf-tige Pfingsireise durch die heutige zuverlässiger,und diesen eignen Eesichtpunkt sah er für einenfremde» an.

Aber so weit trieb seine träumerische undnachttrunk ene Seele ihre gefährliche Ergießungnicht, die desto mehr schaden konnte, da Flaminim Zorne auf keine Unterschiede und Ncchtserti-! gnngen mehr zu hören vermochte und sogar alte! eingeräumte wieder verwarf» Denn bei». Ein-tritt zog ein Maifrost aus Flamins Gesicht denaufbrechenden Frühlingkelch seines Herzens einwenig zusammen. Er bat Flamin mit seiner kon-trastierenden Wärme des Gesichts um einen Spa-zicrgang an diesem helle» Tage. Draußen wurdeder Abstich noch schneidender, da Flamin seinenSpazierstock bis zum Knicken einstieß, Blumenköpfte, Laub abschlug, mit dem Stiefelabsatz Fuß-stapfen aushieb, indeß Viktor in Einem fort zureden suchte, um seine Seele in der mitgebrachtenWärme zu erhalten.

Es freuet mich an ihm, daß er sein von denheutigen Entbehrungen überrinnendes Herz geratein eines ergießen wollte, dem er die Enlbehrnn-gen schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, umdas erschwerte Gesiändniß nur von der Seele zuwerfen, eilend: »auf Pfingsten geh' ich nach Mai-»enthal"— und ging fliegend zu den Worten über:»O gerate heute vor einen! Jahre gingst du mit."

Flamin unterfuhr ihn, und das EiSgesicht wurdewie ein Hekla, von Flammen zerspalten: »Soso! — Zu Pfingsten? — Nach Kuffewiz gehst du

* Es war, als er in der Laube mit seinem Vater fürKlotildens Verbindung mit Flamin sprach —und als ersich vorsetzte, vor derselben sogar ihre Freundschaft znentbehren.