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H e sp e r u s
her geht, mit nichts vergleiche», als mit den ar-men Leuten in Lappland. Wenn da die Reichensich in dem Trinkzimmer mit einem Likör, deraus dem theuern Fliegenschwamm gesotten wird,berauschen: so lauert an der Hausthüre das armeVolk, bis ein bemittelter Lappe herauskömmt undp —ff—t; das vertierte Getränk, die Vu lgakavon gebranntem Wasser kömmt dann den armenTeuseln zu Gute.
Aber diesen Anfang heb' ich mir auf für denVorbericht zu einer Uebersetzung.
Es gehört zu den schönen Gaukeleien und Na-turspielen des Zufalls, deren es recht viele gibt,daß ich dieses Buch gerade in der Philippi JacobiNacht 17YZ anfing, wo Viktor die Hepenfahrtzum Maienthalischen Blocksbergs unter die Zau-berer und die Zauberinnen vornahm und wo er17Y2 aus Göttingen anlangte.
Ich kann nicht schreiben, der Leser kann sichsleicht vorstellen, wie Viktor die ersten Maitageverlebte oder vertrauerte; denn er kann sichsschwer vorstellen. Vielleicht wir alle hielten dieBande, die ihn mit Flamin verschlangen, fürdünne wenige Fibern oder unempfindliche Ge-wohnheitslechsen; es sind aber weiche Nerven undfeste Muskeln das Bindwerk ihrer Seelen. Erselber wußte nicht, wie sehr er ihn liebe, als erdamit aufhören sollte. In diesen gemeinschaft-lichen Irrthum fallen wir alle, Held, Leset undSchreiber, aus Einem Grunde; wen» man einemFreunde, den man schon lange lieble, lange Zeitkeinen Beweis der Liebe geben konnte, aus Man-gel der Gelegenheit: so quälet man sich mit demVorwürfe, man erkalte gegen ihn. Aber dieserVvrwurf selber ist der schönste Beweis der Liebe.Bei Viktor trat noch mehr zusammen, ihn selberzu bereden, er werde ein kälterer Freund. DieVesperturniere um Klotilde, diese Disputazionenpro loeo thaten ohnehin das ihrige; aber immerkränkte er sich mit der Selbstrezensivn, Laß er zu-weilen seinem Freunde kleine Opfer abgeschlagen,z. B. seinetwegen Versäumung einer Lusipartie,das Wegbleiben aus gewissen zu vornehmen Häu-sern, die Flamin haßte. Aber in der Freundschaftsind große Opfer leichter als kleine — man opfertihr oft lieber das Leben als eine Stunde, lieberein Stück Vermögen, als eine kleine unange-nehme Unart, so wie euch manche Leute lieber ei-nen Wechsel schenken, als ein so großes leeresPapier. Die Ursache ist, große Aufopferungenmacht die Begeisterung, kleine aber die Vernunft.Flamin der selber niemals kleine machte, fodertesie vom andern mit Hitze, weil er sie für großenahm. Viktor hatte sich hierüber weniger vorzu-rücken ; aber Klotilde beschämte ihn, deren längsteund kürzeste Tage wie bei den meisten ihres Ge-schlechts lauter Opfertage waren. — Auch wurdeseine natürliche Delikatesse, die jetzo durch seinHvfleben den Zusatz der künstlichen gewonnenhatte, tiefer als sonst von seines Freundes Eckenverletzt. — Die seinen Leute geben ihrem innernMenschen (wie ihrem äußern) durch Mandelkleienund Nachthandschuhe weiche Hände, blos um dasUntere der Karten besser zu fühlen, um niedlichehalbe Damen-Ohrfeigen zu geben, aber nicht wiedie Wundärzte, um damit Wunden zu handhaben.
Zum Unglück schrieb ihm dieser Wahn der Er-kältung ein äußeres freundliches Bestreben vor,Wärme bei Flamin zn zeigen. Da nun der Ne-gierrath nicht bedachte, daß auch das Gezwung-ne eben so oft von Aufrichtigkeit entstehenkönne, als das Ungezwungene von Falschheit: sohatte der Teufel immer mehr sein Besiia-Spiel,(wo eine Freundschaft der hohe Einsatz war), bissolcher am Hexentage es gar gewann.
Aber am Uten Mai soll er alles wieder verlie-ren, denk' ich. Denn Viktor, dessen Herz bei dergeringsten Bewegung wieder den Verband durch-blutete, nahm sich vor, nicht nur an, Uten Maidem Wiegenfeste des Hofkaplans in St. Liniebeizuwohnen, sondern auch einen Geburttag dererneuerten Freundschaft mit Flamin zu begehen.Er wollte gern den ersten, zweiten, zehnten Schrittthun, wenn nur jener stehen bliebe und keinenzurück thäte. Denn er kann ihn nicht vergessen, erkann die aufgedrungene Entbehrung nicht ver-winden, so leicht ihm sonst die freiwillige wurde.Er drückte alle Abende Flamius schönes Bild, dasgemacht war aus seiner Liebe für ihn, auS seinerunbestechlichen Rechtschaffenheit, seinen, Felsen-Muth, seiner Liebe zum Staat, seinen Talenten,sogar aus seinem Aufbrausen, das aus dem dop-pelten Gefühl des Unrechts und der eignen Un-schuld entstand, das warme Bild drückte er andas aufgerissene Herz und wenn er ihn am Mor-gen in das Kollegium gehen sah, so liefen ihm dieAugen über und er pries den Bediente» glücklich,der ihm die Akten nachtrug. Wenn der Ute Maides großen VersöhntageS mit dem Söhnopfernicht so nahe wäre: so würde er die kleine Juliaa» sich angewöhnen müssen, als einen drittenStand zwischen den zwei andern, als einen Leit-Ivn zwischen Widcrtönen. Blos die Hoffnung desMaies setzte seinen Gedanken statt der Nesseln -Brennspitzen wenigstens Nosenstackeln an. — DerJugendfreund, lieber Leser, der Schulfreund wirdnie vergessen, denn er hat etwas von einem Bru-der an sich; — wenn du in den Schnlhvf desLebens trittst, welches eineSchnepfcnthaler Erzieh-anstalt ist, eine berlinische Realschule, ein bres-lauisches Elisabethanum, ein Scheerauisches Ma-rianum: so begegnen dir die Freunde zuerst, undeure Jugendfreundschaft ist der Frühgottesdienstdes Lebens.
Viktor wußte Flamins Versöhnlichkeit gewißvoraus, er sah ihn sogar schon öfter am Fensterstehen und zum Erker hinüber schielen, aus den,ein freundliches um alle Mißdeutungen des Eh-renpunktes unbekümmertes Auge frei und geradezum Senior schauste; — aber dies nahm dochseine weiche Sehnsucht nicht weg, sondern siewurde vermehrt durch die erste Wiedcrerblickungdos so schönen betrauerten geliebten Angesichts.Flamin hatte eine große männliche Gestalt, seineineinander und zurückgedrängte schmale Stirnwar der Horst des Muths, seine durchsichtigenblauen Augen — welche seine Schwester Klokildeauch hatte und die sich recht gut mit einer feurigenSeele vertragen, wie ja auch die alte» Deutschenund Las Landvolk beides habe» -- waren von ei-nem denkenden Geiste entzündet, seine gepreßtenund eben darum dunkelrölheren übervollen Lippen