Band 
I.
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Hesperus.

599

Sonne und ihr Angesicht wurde erhaben zugleichvon der Sonne und von ihrer Seele. Und ihrFreund siörte die schöne Seele nicht; aber ernahm das weiße Tuch aus ihrer Hand und trock-nete die aus der Laube tropfenden Farbsnkörnermit Blumenstaub umzogen sanft hinweg, und siegab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augenvoll Thränen auf ihn wandte: ließ er die Thränensiehe»; aber sie nahm sie selber hinweg undschattete ihn mit einer Liebe an, über welche balddie alten zogen, und sagte mit einem Lächeln, dasselig weiter floß: "inein ganzes Herz ist unaus-sprechlich gerührt; vergeben Sie ihm, lhener-»ster Frerckld, heute alles, worin es bisher dem"Ihrigen nicht ähnlich war!" . ..

— Siehe, da wurde die warme Wolke in denGarten gleichsam wie ein ganzer Paratiesesflnßniedergeschüttet und anf den Strömen flössenspielend Engel herab.... und als die Wonnenicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stam-meln konnte,- und als die Bögel janchzten und dieNachtigall durch den Regen schmetterte, und alsder Himmel freudigweinend mit Wolkenarmcn andie Erde fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterteSeelen zusammen und ruheten ohne Athem aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange anWange gepresset im glühenden zitternden Schauer

— dann quollen endlich, wie Lebensblut aus demgeschwollnen Herzen, große Wonnethränen ausden liebenden Augen in die geliebten über. — DasHerz maß die Ewigkeit seines Himmels mit gro-ßen wvnneschweren Schlägen — die ganze Sicht-barkeit, die Sonne selber war dahingesunken, undnur zwei Seelen schlugen an einander einsam inder ausgeleerten dämmernden Unernießlichkeit, ge-blendet vom Thränenschimmer und vom Svnnen-glanz, übertäubt vom Himmelbrausen und vomEcho der Philomele, und erhalten von Gott imErsterben aus Wonne.

Klotilde bog sich ab, um dieAugen abzutrocknen;und ihr stummer Liebling sank um und kniete vorihr und drückte sein Angesicht auf ihre Hand undstammelte: »o du Herz aus meinem Herzen, v du»ewig, ewig Geliebte, — ach könnt' ich für--dich bluten, für dich untergehen —" Plötzlichstand er, wie von einer unermeßlichen Begeiste-rung gehoben anf, und sagte leiser, sie anschauend:"Klotilde, dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig.

Sie drückte seine Hand und sagte leise: „O"wie konnten die Menschen und das Schicksal ein"solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor,..(sagte sie noch leiser) wird ihm nie mehr Unrecht

"thun"-Sie traten aus der Laube — der

Himmel hatte sich wie ihr Herz erschöpft in Frcn-! denthränen und war blos heiter — die Sonnewar zugleich mit der großen Minute Untergängen.Viktor ging langsam als wenn er vor einemweiten Elhsium vorbeiginge, das empfangne Edenauf seinem Herzen tragend, heim in Dahores stilleWohnung. Dahvre sank, sitzend eingeschlummert,sanft hinüber und herüber, und Viktor, ob ergleich gern sein Herz an einer zweiten ähnlichenBrust auspochen lassen wollte, versagte sich es doch

— und lehnte sich langsam an den wankendenLehrer. Er hielt recht lange daS schlummerndeHaupt an seiner brausenden Brust. Sein Freu-

dengewittek kühlte sich ab zum heitern HimmelUnd die erquickten Freudenblumen schloffen dieDuftkelche der Erinnerung auf. Dahvre schlug die'Arme um seinen Liebling und dann erst wurde erwach: denn es hatte ihm geträumt, er umarmeihn, und als er aufwachte, war er froh, Laß eSihm nickt blos geträumt hatte.

Genug! — Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe,rnbt aus an der Erinnerung oder an der Hoff-nung, wenn ihr wie ich Liese kleinen Blätter ausden Händen legt!

Dritter psinZstsciertag

oder 55. Hundposttag

oder Burgunder-Kapitel.

Der Engläildcr —tvrcscnball— selige Nacht — -!eNlütenliölflc.

Bei den Menschen wie bei den Geizigen schlägtes immer nur Viertel zur frohen Stunde, abergleich einer schlechten Uhr schlägt es die Schäfer-stunde unserer Hoffnung nie aus. Aber in Rück-sicht der Pfingsitage ist daS grundfalsch — sie sindprächtig und wie man sonst die Altsgießungdes h. Geistes in alten Kirchen durch das Herun-terwerfen der Blumen vorstellte: so bilden wir siein Maienthal durch das Auswerfen figürlicher ab.Ich habe daher gar eine Flasche Burgunder aufge-siegelt und neben die Dintenflasche gestellt, umerstlich durch mein größeres Feuer in diesem Ka-pitel die Natur - und Kunstrichter auf meineSeite zu bringen, die leichter den Stab über Au-toren als eine Lanze mit Autoren brechen —und um zweitens überhaupt den Wein zntrinken, welches schon an sich Endzwecks undTeleologie genug ist. Ein wahres Schlaraf-fenland und Himmelreich hätten wir, wenn auchder Leser bei solche» Kapiteln etwas Spirituöseszn sich nähme. Betrinkt sich der Autor allein, sogeht der halbe Eindruck zum Henker; und es istein Unglück, daß die Rezensenten nichts zu lebenund zu trinken haben; sie könnten sonst mir alseinem Stern zur Berechnung durch ihrenDunstkreis dienen und mich höher und brei-ter zeigen als ich stände.

Viktor war kaum ins nasse Gras des Morgensgelaufen, als er den Engländer mit den« Kopfeunter den Gießkannen des Wasserrades aufjagte.Er vergab diesem Kato dem ältern gern alle seineSonderbarkeiten und das Idiotikon seiner tollenNatur und seinen Kvmctengang; denn er war in sei-nem achtzehnten Jahr selber ein solcher Schwanz-stern gewesen, und sah diesen für eine auf sichgeschlagene Kometenmedaille an. Obgleich derBritte Sonderbarkeit suchte: so wußte Viktoraus eigner Erfahrung, daß ers nicht aus Eitelkeit(man kann, wenn man will, aus allen Handlungen,