Hesperus. 619
Klotilde kam wieder mit einem froh erhelletenAngesicht und mit Augen, die sehr gemeinst hattenund mit himmlischen Zügen, in denen eine un-nennbare, nicht sowohl heißere, als weichere Liebeglänzte. Erst spät war sie ihrer Rührungen mäch-tig genug, um Viktor etwas von der Unterre-dung mitzutheilen: denn ich glaube zu errathen,daß eS nicht alles war. Die Pfarrerin — er-zählte Klvtilde — empfing sie mit einer Mienevoll drückender Schmerzen, aber weder niit Kältenoch Verdacht. Beide konnten anfangs gar nichtsals weinen, und sprachen nicht: Klotilde war nochmehr erweicht und ihre Thränen flössen noch fort,als sie anfing ihre Verlobung zu erzählen. Sielegte die Hans ihrer Freundin auf ihr Herz undsagte: „jetzo wird unsere Freundschaft hart ge-prüft. Ich glaube an die Ihrige fort — glauben„Sie an meine. — O bleibe, theure Freundin,„nur diesesmal fest! Schwere Geheimnisse, über„die ich kein Recht uno wenig Aufschluß habe,„bringen uns alle kiesen grausamen Mißver-,ständniffen so nahe. Nur diesesmal vertrauen„Sie fest, daß ich und Sie so wenig unser Ver-hältniß gegen einander ändern wie unsern Cha-„rakter." — Hier sah die Pfarrer!» sie mit einemgroßen Blicke, in dem noch die alte Liebe für Vik-tor nachglimmte, an, und umarmte sie dann aufeinmal mir trocknen Augen und mit diesen Wor-ten:,,^, ich vertraue auf Sie, thun Sie was Sie„wollen, und blieb' ich zuletzt die einzige Seele."— Der letzte Zusah hätte zu einer andern ZeitKlvtilden beleidigt; ach jetzt konnt' ers nicht; v siewar froh, daß sie etwas zu verzeihen hatte.
Nach der Erzählung sagte sie ihrem Freunde,sie unternehme vielleicht, falls die U'nsichtbarkeitund das Schweigen des Lords noch länger dauere,lieber die mühsame Reise zu ihrer und FlaminsMutter nach London, um diese als die Auflösungaller dieser gefährlichen Räthsel nach Deutschlandzu bereden. — Ach konnte Viktors aufopferndesHerz eine Einwendung gegen fremde Aufopferun-gen machen? — Nein! sein Kummer wurde ver-doppelt, aber auch seine Achtung und Liebe.
In dieser Lage kam au Klotilde ein kleinerBrief von Emanucl.
„Gestern Abends kam mein Zulius mit einem„Korb voll Gartenerde zu mir und bat mich um„Blumentöpfe und Hyazinthen, weil er für beide,die Erde bringe. Er hatte-den Boden für seine„Blumen von dem Hügel deiner Giulia geholt.
,.-Ich nahm sein weiß- und rothblühendes
„Angesicht, das der Federnelke mit dem rothen„Punkte gleicht, an meine Brust und sagte:„ „ach, wer wartet die Blumen' des Menschen,„„wenn er vorüber ist?"" Und ich meinte auch„ihn mit seiner zarten Blüte, in welche der„Schmerz nie seinen tchwereu Regen werfe! —„O Viktor und Klotilde, wenn mich die Lilien der„Erde betäuben und in den letzten Schlummer„legen, so nehmet meinen blinden Julius auf, und„diese Seele voll Liebe werde Lurch liebende Seelen„behütet!
„Klotilde, ich bitte oder wünsche jetzo von dir
„etwas, was Du mir wohl schwerlich geben kannst.„Ach komme am längsten Tage nach Maien-„thal, du schöne Seele! Kann es Lein Herz nicht„ertragen? Hast du nicht deine Giulia bis an das„blinde Tbor des Grabes begleitet und da ihre„Seele auffliegen sehen und ihren Körper nieder-halten? O wenn tu und dein Freund in der letz-„ten Stunde, wo das Leben seine schillernden„Pfauenspiegel zusammenfaltet und sie farbenlos„und schwer in Las Grab einsenkt, bei mir blieben„als die zwei ersten Engel der künftigen Welt! —„Denn in der Minute, wo die ganze Erde wie„eine Rinde vom Herzen abbricht, hängt das„nackte Herz fester an Herzen und will sich er-wärmen gegen den Tod, und wenn alle Bande„der Erde abreißen, so blühen die Blumenketten„der Liebe fort. O Klvtilde! wie himmlisch schlösse„sich vor deiner elysischen Gestalt mein Leben! Ich„würde schon entfesselt auf den Flügeln der Ewig-„keit um dich schweben . um dich anzublicken, und„ich würde, wenn ich mit der ätherischen Hand„nicht deine Thränen nehmen könnte, dein schwe-„res Herz mit einer fremden Entzückung trösten!„Ja, und wenn der Mensch im Vorhof der zwei-ten Welt erblindete, so würde deine Gestalt wie„ein nachleuchtendes Sonnenbild vor meinen ge-„schlossenen Augen bleiben! — O Klotilde, wenn„du kämest! Ach, du kommst wohl nicht; und nur„der Ewige, der die Stunden des zweiten Lebens„zählet, weiß, wann ich dich wiedersehe auf der„zweiten Erde und wie groß auf ihr die Schmer-len der Sehnsucht sind. Und so lebe denn wohl„und ziehe, hohe Seele, deine Bahn unter den„Wolken hindurch — wann ich deinen Freund er-blicke, wirst du rührend vor mir stehen — und„wenn ich an seinem Herzen sterbe, werd' ich für„dich beten und zu Gott sagen: gib mir sie wie-der , wenn auf ihrem Haupte der Blumenkranz„der Erde groß genug ist — oder die Dornenkrone„zu groß! — Klvtilde, andre dich nie, und dann„frag' ich das Verhängniß nicht: wie lange wird„sie drunten lächeln, wie lange wird sie drunten„weinen? Aendre dich nie!"
Emannel.
Sie fielen beide einander sanft aus Herz undschwiegen über ihre Gedanken; Emanuels Liebeverherrlichte die ihrige, und Viktor achtete seinenFreund und seine Freundin zu groß, um diese zutrösten. Er fragte sie gar nicht, wie sie EmanuelsBitten beantworte; er wußte, Laß sie es versagenmüsse, weil sonst ihr Herz neben dem geliebtenbräche.
Da er endlich von ihr und St. Lüne schied, undda sie daran denken mußte, daß er in wenigen Ta-gen nach Maienthal gehe — und da in ihren undseinen Augen Thränen standen, die mehr als Ei-nen Schmerz bezeichneten, und die nicht derMensch abtrocknet, sondern der Tod oder Gott:— so schauste Viktor sie unter dem Abschiede mitder stummen Frage an: „sag' ich unserem Gelieb-ten nichts?" — Klotildens Seele blieb unterLasten am meisten aufrecht und sie erschien niegrößer als hinter Thränen, wie die Sterne amHimmel voll Regen, lichter und größerherankommen: sie sah gen Himmel gleichsam fragend: