Band 
I.
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klemmte das Trum wieder um den wunden Fin- ,ger und zerbröckelte es — in seinen gläsernenAugen standen zwei dicke feste kalte Tropfen —sein Herz kroch leer und entkräftet vor einer na-hen gräßlichen Todkäl te zusammen, die alle-mal, wenn eine Freundschaft in unserer Brust ge-mordet wirb, dem brennenden Grimme darübervorausgeht. — Ach welchen von uns dauert dieunglückliche verlassene Seele nicht? — Eymannschieb getäuscht und hielt diese Ruhe für bloßeRuhe, und die erstickte gebrochene Stimme fürRührung.

Und in dieser blutigen Lage fand ihn Matthien,der eben gekommen war, um dem Negierrathe(aus einem Handbriefchcn der Kamme»Herrin)Viktors Sieg über fie alle, gleichsam mit vier undzwanzig blasenden Postillons, zu melden. Diesersehte nun erst den Eisberg in einen Vulkan um,und machte, daß Flamin in eingesperrtem Grimmgern einen Welttheil an den» andern zersplitterthätte.

Viktor hörte jetzt einige Tage nichts. Flaminsperrte sich ein. Matthieu besuchte ihn oft, abernicht des Apothekers Haus. Das gekrönte Paarreisete endlich ins St. Lüner Bad.

So blieb alles bis an den Morgen, wo Viktorvon» Apotheker Abschied nahm, um nach Maicn-thal vor den Vorhang einer schweren Szene zugehen. Hier konnte sich der Apotheker das Ver-gnügen nicht versagen, dem Hvfmedikus seines zunehmen, indem er die (wahrscheinlich falsche) Bot-schaft brachte, der Hofjunker habe den Kammer-herrn gefordert wegen des über Klotilden gebrock-nen Versprechens. Wenig oder nichts ist an derBotschaft schon darum, weil der Apotheker nursein Eigenlob Ivshnsten und in das Lob Viktorsverkleiden wollte, daß dieser mit so unendlicherFeinheit seine neulichen Winke, den Evangelistenzu untergraben, zu vollführen gewußt. DieWinke waren, wie man sich erinnert, die zweiBorschläge, der Liebhaber der Fürstin und derEhemann Klotildens zu werden, um den Fürstenzu gewinnen und, wie ein Schwein die Klapper-schlange, so Matzen ohne Schaden zu verschlucken.Man muß der von einem Wurmstvckvon Schmer-zen angenagten Seele Viktors vergeben, daß eraufbrauste und mit einem Auge voll tiefster Ver-achtung Zeussln anfuhr: „ich weiß nicht, wer ver-diente, solche Vorschläge anzuhören — wenns nichteiner ist, der sie machen kann."

Der Korrespondent hört traurig und kurz mitden Worten auf: --Abends kam Viktor spät undmit geschwollnen Augen in Maienthal an, um zusehen, ob am andern Tage der schönste Lehrer und

der größte Freund verwelke."-Wir können

uns alle renken wie die Umarmung eines Gelieb-ten wenige Schritte von seinem Grabe sein mußte.Der Freund, der uns sein Sterben drohet, greiftschmerzhaft »insere Seele an, auch wenn wir esbezweifeln. Wir können uns alle das nasse Augedenken, das Viktor über die noch blühende Stätteseines verwelkte» Rvsenfests geworfen. — Wasihn tröstet, ist die Unwahrscheinlichkeit des prophe-zeieten Sterbens, da Emanuel sich wie sonstbefindet, und da der Selbermvrd noch unmöglicherbei diesem frommen Geiste ist, der den Selbermör-

edus.

der schon längst mit dem Hummer verglich, der dieeine Scheere, die er selber mit der andern ausStumpfsinn zerknirrscht und kneipt, »licht heraus-zieht, sonder» absprengt. — Möge mir der Leserzur Beschreibung des längsten Tages *, die icheinsam unter der erhebenden Stille der Nachtmachen werde, ein Herz wie des Indices mitbrin-gen, das gleich alten Tempeln stumm und dunkel,aber weit und voll heiliger Bilder ist!

38. Hundpofttag.

Die erhabene Uormiltrrnncht — Die selige Nach-mlttcrnacht — Der sansle Tlbend.

Heute übergeb' ich Emanuels längsten Tag, dernun erloschen und abgekühlt unter den Tagen derEwigkeit liegt, mit bleichen Abrissen den Phanta-steen der Menschen. Meine Hand zittert undmein Auge brennt vor den Szenen, die inLeichcn-schleicrn um mich treten und so nahe an mir die

Schleier aufheben.-Ich schließe mich diese

Nacht ein — ich höre nichts als meine Gedanken— ich sehe nichts als die Nachtsonnen, die überden Himmel ziehen — ich vergesse die Schwächenund die Flecken meines Herzens, damit ich denMuth erhalte, mich zu erheben als wär' ich gut,als wohnt' ich auf der Höhe, wo um den großenMenschen wie Sternbilder nichts als Gott, Ewig-keit und Tugend liegen. Aber ich sage zu denen,die besser sind — zum stillen großen Herzen, dasseine Pflichten vermehrt, indem es sie erfülliund das sich beim Wachsthum seines Ge-wissens täglich blos mit größer»» Verdienstenbefriedigt — zu den hohen Menschen, welche dieHand des Todes warm gedrückt haben, die ihn,wenn er auf Mvrgcnaucn herumgeht, friedlichfragen können: „suchest du mich heute?" — zurlechzenden Seele, die sich unter den» Zypressen-b a u in kühlet — zu den Mensche» mit Thränen,mit Träumen, mit Flügeln, zu allen diesen sag'ich: --Verwandte meines Emanuels, euer Bruder„streckt nach euch seine Hand durch die kürzeste„Nacht aus, ergreifet sie, er will von euch Ab-schied nehmen!"

Die erhabne Bor Mitternacht.

Viktor stand aus seinen Träumen, in denen ernichts als Gräber und Trauergerüste für seinenFreund gesehen hatte, wehmüthig auf; aber erfaßte beim Morgengruß geheime Hoffnungen, daer ihn ohne Fieber, ohne Beklemmungen, ohneAenderungen in seinen angeblichen Todesmorgentreten sah. Ihm war blos vor dem Eindruckbange, den die getäuschte Hoffnung des Scheidensauf das schon halb aus dem irdischen Boden ge-

* So nannte Emanuel immer den Aohannistag, ob-wohl nicht ganz astronomisch-richtig.