I' 680 Quintus
in den wolkenlosen Mond als die erste Küste hin-ter den Orkanen des Lebens treten?" — Nvsa-mnnde antwortete: „noch besser wird uns sein;denn ini Monde wohnen ja, wie Du mich lehrest,die kleinen Kinder dieser Erde, und ihre Elternbleiben so lange unter ihnen, bis ste selben so mildund ruhig sind wie die Kinder und dann ziehensie weiter." — »Von Himmel zu Himmel, vonWelt zu Welt!" sagte erhoben Eugenius.
Sie stiegen, wie die Sonne sank: wenn sieträger klimmten, so schlugen sie Berggipfel wielosgebundene auffahrende Zweige verhüllend vordie Sonne. Dann eilten sie in den hinaufrücken-den Abendschimmer nach; aber als ste aus derSennenalpe waren, traten die ewigen Berge vorbis Sonne — dann verhüllte die Erde ihre Grä-ber und Städte anbetend vor dem Himmel, eh' erste mit allen Sternenaugen ansah, und die Wasser-fälle legten ihre Regenbogen ab — und höherbreitete die Erde dem Himmel, der sich über siehereinbog mit ausgestreckten Wolken - Armen, ei-nen Flor aus Goldduft unter und hing ihn voneinem Gebirge zum andern — und die Eisbergewaren angezündet, damit sie bis in die Mitter-nacht glühten, und ihnen gegenüber war auf demGrabe der Sonne ein Scheiterhaufen von Gewölkaus Abend-Glut und Abend-Asche aufgethürmt.-Durch den glimmenden Flor aber ließ ver-güte Himmel seine Abendthränen tief in die Erdehinunter fallen, bis auf das niedrigste Grab, bisaus die kleinste Blume darauf. —
O Eugenius, wie groß mußte jetzt deine Seelewerden! Das Erdenleben lag entfernt und in derTiefs vor dir ohne alle die Verzerrungen, die wirdaran sehen, weil wir zu nahe davor stehen, sowie die Dekorazionen kürzerer Szenen in derNähe aus Landschaften zu ungefüllten Strichenwerden. —
Die zwei Liebenden umarmten sich sanft undlange vor der Hütte und Eugenius sagte: o stil-ler, ewiger Himmel, jetzt nimm uns nichts mehr!— Aber sein blasses Kind stand mit dem geknick-ten Lilienhaupte vor ihm, er sah die Mutter an,und diese lag mit dem weiten feuchten Auge iniHimmel und sagte leise: oder nimm uns alle aufeinmal!
Der Engel der Zukunft, den ich den Engel derRuhe nennen will, weinte lächelnd, und sein Flü-gel verwehte mit einem Abendlüftchen die Seuf-zer der Eltern, damit ste einander nicht traurigmachten.
Der transparente Abend floß um die rothe Alpewie ein Heller See uns ipülte sie mit den Zirkelnkühler Abcndwogen an. Je mehr sich der Abendund die Erde stillte, desto mehr fühlten die zweiSeelen, daß sie am rechten Orte wären: ste hattenkeine Thräne zu viel, keine zu wenig, und ihrGlück hatte keine andere Vermehrung vonnöthen,als seine Wiederholung. Eugenius ließ in denreinen Alpenhimmel die ersten Harmonikatönewie Schwanen fließen. DaS müde Kind spieltein einem Ringe von Blumen eingefasset, an eineSonnenuhr gelehnt, mit den Blumen, die es umsich auszog, um sie in seinen Zirkel einzuschlichten.Endlich wurde die Mutter aus der harmonischenEntzückung wach — ihr Auge fiel in die großen
Fixlein
weit auf sie gerichteten Augen ihres Kindes —singend und anlächelnd und mit überschwellenderMutterliebe tritt sie zum kleinen Engel, der kaltwar und — gestorben. Denn sein vom Himmelherabgesenktes Leben war im Dunstkreis der Erdeauseinander geflossen wie andere Töne — derTod hatte den Schmetterling angehaucht und die-ser stieg aus den reißenden Luflströmen in denewigen ruhenden Aether auf, von den Blumender Erde zu den Blumen des Paradieses. — —
O flattert immer davon, selige Kinder! Euchwiegt der Engel der Ruhe in der Morgenstundedes Lebens mit Wiegenliedern ein — zwei Armetragen euch und euern kleinen Sarg und an einerBlumeukette gleitet euer Leib mit zwei Rvsenwan-gen, mit einer Stirn ohne Gram - Einschnitteund mit weißen Händen in die zweite Wiegeherab, und ihr habt die Paradiese nur getauscht.
— Ader wir, ach wir brechen zusammen unterden Sturmwinden des Lebens, und unser Herzist müde, unser Angesicht zerschnitten von irdi-schem Kummer und irdischer Müh' und unsereSeele klammert sich noch erstarret an den Erden-kloß!
Du wende Dein Auge weg von Rosamundensdurchstechendem Schrei, starrendem Blick undversteinernden Zügen, Du, wenn du eine Mutterbist und diesen Schmerz schon gehabt hast —schaue nicht auf die Mutter, die mit sinnloserLiebe die Leiche hart an sich quetschet, die sie nichtmehr erdrücken kann, sondern auf den Vater, derseine Brust über sein kämpfendeS Herz schweigenddeckt, ob es gleich der schwarze Kummer mit Ot-terringen umzog und mit Otterzähnen vollgoß.Ach als er den Schmerz davon endlich weggehobenhatte, war das Herz vergiftet und aufgelöst.Der Mann verbeißet die Wunde und erliegt ander Narbe — das Weib bekämpft den Kummerselten und überlebt ihn doch. — »Bleibe hier"(sagt' er mit überwältigte,: Stimme) — »ich willes zur Ruhe legen eh der Mond aufgeht." Siesagte nichts, küßte es stumm, zerbröckelte seinenBlumenriug, sank an die Sonnenuhr und legtedas kalte Angesicht auf den Arm, um das Weg-tragen des Kindes nicht zu sehen.
Unterweges erhellete das Morgenroth desMondes den wankenden Säugling, der Vatersagte: »brich herauf, Mond damit ich das Landsehe, wo er wohnet. — Steig empor, Elystum,damit ich mir darin die Seele der Leiche denke
— o Kind, Kind, kennst Du mich, hörst du mich
— ach hast Du droben ein so schönes Angesicht wieDeines da, einen so schönen Mund — v Duhimmlischer Mund, Du himmlisches Auge, keinGeist zieht mehr in Dich." — Er bettete demKinde statt alles dessen, worauf man uns zumletztenmale legt, Blumen unter; aber sein Herzbrach, als er die blassen Lippen, die offnen Auge»mit Blumen und mik Erde überdeckte, und einStrom von Thränen fiel zuerst ins Grab. Alser mit der grünenden Rinde der Erdschollen diekleine Erhebung überbauet hatte: fühlt' er, daßer von der Reise und dem Leben müde sei unddaß in der dünnen Bergluft seine kranke Brusteinfalle: und das Eis des Todes setzte sich in sei-nem Herzen an. Er blickte sich sehnend nach der