Quintus Fixlein» 681
verarmten Mutter um — diese hatte schon langehinter ihm gezittert — und sie fielen einanderschweigend in die Arme, und ihre Augen konntenkaum inehr weinen. —
Endlich quoll hinter einem ausglinimendenGletscher der verklärte Mond einsam über diezwei stummen Unglücklichen herauf und zeigte ih-nen seine weißen unbestürmten Auen und seinDämmerlicht, womit er den Menschen besänftigt.
— »Mutter! blick auf!" (sagte Eugenius) dort istDein Sohn — sieh dort über den Mond gehe»die weißen Blütenhaine hin, in denen unserKind spielen wird." — Jetzt füllete ein brennen-des Feuer verzehrend sein Inneres — sein Augeerblindete am Monde gegen alles, was kein Lichtwar, und im Lichtstrome walteten erhabene Gestal-ten vor ihm vorüber und neue Gedanken, die imMenschen nicht einheimisch sind und die für dieErinnerung zu groß sind, hörte er in seinerSeele, wie im Traume oft Melodieen vor denMenschen kommen, der im Wachen keine schaffen
kann.-Der Tod und die Wonne drückten
seine schwere Zunge: »Rosamunde warum sagstdu nichts? — Siehst Du Dein Kind? Ich schauehinüber über die lange Erde, bis dahin wo derMond angeht: da flieget mein Sohn zwischen En-geln. Hohe Blumen wiegen ihn — der Erden-Frühling weht über ihn — Kinder führen ihn —Engel lehren ihn — Gott liebt ihn — O Du gu-ter, Du lächelst ja, das Silberlicht des Paradie-ses fließet ja himmlisch um Deine» kleinen Mund,und Du kennst niemand und rufest Deine Eltern
— Rosamunde, gib mir Deine Hand, wir wollen
kommen und sterben."-
Die dünnen Körperfesseln wurden länger.Sein ziehender Geist flatterte höher an den Grän-zen des Lebens. Er fasset« die Betäubte mitzuckender Kraft uns lastete erblindend und sinkend:»Rosamunde, wo bist Du? Ich fliege — ich sterbe
— wir bleiben beisammen."
Sein Herz zerriß, sein Geist entflog. AberRosamunde blieb nicht bei ihm, sondern daSSchicksal riß sie aus der sterbenden Hand undwarf sie lebendig aus die Erde zurück. Sie fühlteseine Hand an, ob sie todtenkalt sei; und da sie eswar, so legte sie sie sanft auf -ihr Herz, fiel lang-sam auf ihre brechenden Knie, hob ihr Angesichtunaussprechlich ausgeheitert gegen die Sternen-nacht hinauf, ihre Augen drangen aus den thrä-nenleere» Höhlen trocken, groß und selig in denHimmel und schatteten darin ruhig nach einerüberirdischen Gestalt umher, die herunterfliegenund sie empvrtragen werke. Sie wähnte fest.sie sterbe sogleich und betete: »komm nun, Engelder Ruhe, komm und nimm mein Herz und bring'eS meinem Geliebten hinauf — Engel der Ruhe,lass mich nicht so lange allein unter den Leichen
— o Gott! ist denn nichts Unsichtbares um mich?
— Engel des Todes, du mußt hier sein, du hastja erst neben mir zwei Seelen abgerissen undsteigen lassen. — Ich bin auch gestorben, ziehenur meine glühende Seele aus ihrem kni sen-den kalten Leichnam!" —
Sie blickte mit einer wahnsinnigen Unruhe imleeren Himmel herum. Plötzlich entbrannte inseiner stillen Wüste ein Stern und schlangelte sich
gegen die Erde zu. Sie breitete ihre entzücktenArme aus und glaubte, der Engel der Ruheschwinge sich hinein. Ach der Stern verging, abersie nicht. »Noch nicht? sterb' ich noch nicht. All-gütiger?" — seufzete die Arme.
In Osten richtete sich eine Wolke empor — fuhrüber den Mond hinauf und zog einsam am hei-tern Himmel heran — und stand über der ge-quältesien Brust der Erde. Diese bog das Hauptzurück und zu ihr hinauf und bat flehend denBlitz: schlag' ein in kiese Brust und erlöse meinHerz! — Aber als die Wolke finster über das zn-rückgedrückte Haupt hinüberging und den Him-mel Hinunterfloh und hinter den Gebirgen ver-sank: so rief sie mit tausend Thränen: »sterb' ich»nicht, sterb ich nicht?" . . .
Du Arme! nun rollte sich der Schmerz zusam-men und that den erzürnten Schlangensprung anDeine Brust und drückte alle seine Giftzähnehinein. Aber ein weinender Geist goß das Opiumder Ohnmacht über Dein Herz, und die Krämpfsder Pein zerflossen in ein sanftes Zucken.
Ach sie erwachte am Morgen, aber zerrüttet;sie sah noch die Sonne und den Todten, aber ihrAuge hatte alle Thränen, ihr zersprungenes Herzgleich einer zerborstenen Glocke alle Töne verlo-ren : sie murmelte blos: warum darf ich nicht ster-ben? — Sie ging kalt in die Hütte zurück undsagte nichts weiter als diese Worte. Jede Nachtging sie eine halbe Stunde später zum Leichnamund traf jedesmal mildem aufgehenden zerstückle»Monde zusammen und sagte, indem sie ohneThränen Las Trauerauge an seine Dämmerung-Auen andrückte: warum darf ich nicht sterben?
Ja wohl! warum darfst Du es nicht, guteSeele, da die kalte Erde aus allen Deinen Wun-den den heißen Gift ausgesogen hatte, womit daSMenschenherz unter sie geleget wird, wie die Handin der Erde vom Bienenstich geneset. Aber ichwende mein Auge weg von diesem Schmerz undhinauf auf den schimmernden Mond, wo EugeniuSdie Augen aufschlägt unter lächelnden Kindernund sein eignes fället geflügelt auf sein Herz. . . .Wie ist alles so still im dämmernden Vorhof derzweiten Welt — ein Nebelregen von Licht über-silbert die heilen Gefilde des ersten Himmels, undLichtkügelchen hängen statt des funkelnden Thauesum Blüten und Gipfel — das Blau des Him-mels * blähet sich dunkler über die Lilien-Ebencn,alle Melodieen sind in den dünner» Lüsten nurzerflossene Echo — nur Nachtblumen duften undgaukeln wankend um ruhige Blicke —die schwanken-den Ebenen wiege» hier die zerstoßenen Seeleir, unsdie hohen Lebenswogen fallen gleitend auseinander— da ruht Las Herz, da trocknet das Auge, da ver-stummet der Wunsch — Kinder flattern wie Bie-nengetöne um die noch pochende, in Blumen ein-gesenkte Brust, und der Traum nach dem Todespielet das Erdenleben, wie ein hiesiger Traumdie hiesige Kindheit, magisch, stillend, kummerfreiund gemildert nach. . . .
Eugenius blickte aus dem Monde nach der Erde,
' Tie blaue Farbe der Luft muß lm Monde dunklersein weil diese dünner ist, so wie beides auf Bergenzutrifft.
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Scan Paul'S Werke i.