Band 
I.
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Quintus Fixlein

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ihren Befriedigungen rechnet. — Aber eskommt eine trunknere Stunde, wo im langenFreudengelage unsere Phantasiern unsere Sinneübertönen, wo die Gegenwart mehr zum Traume,die Musik mehr zum Echo ermattet, und wo wirim wirbelnden bunten Rauche um uns schwindelnund dann im Schwindel unsere Umkreisungen fürfremde nehmen; dann sind wir gesättigt und voll,ach! fast vor Ermüdung ! —

Im Rausche dringen die Wolken der innenbrennenden Räucherkerzen hinaus und legen sichaußen an den Gegenständen an und geben ihneneine vergrößerte, abgerundete, zitternde Ge-stalt.

In der Liebe ist das Amalgam» der Gegen-wart mit der Phantasie noch inniger. Schaue dieGestalt an, die du einmal geliebt hattest und dienun mit allen ihren Reizen nicht einmal den ide-ntischen Zauber einer Bildsäule für dich hat!Warum sonst ist sie jetzt ein lackirter Blumenstabfür dich als blos weil alle Rosen, die deine Phan-tasie an diesem Stäbe hinaufgezogen, nun auS-gerisssn sind? —Ich wünschte, der Leser liebteeine Schwester, die besondere Familienähnlichkeitmit ihrem Bruder hätte, den er nicht leiden könnte:er würde dann am leichtesten das geliebte Gesichtvon dem Brautschmuck, womit seine Phantasie alsFvlienschlägsrin es blasonniert und übergoldet,trennen können. Kurz eine geliebte Person hatden Nimbus einer abwesenden —einer gestorbenen— einer dramatischen. —

Noch mehr. Leuten, deren Kopf voll poetischerKreaturen ist, finden auch außerhalb desselben keinegeringern. Dein ächten Dichter ist das ganze Le-ben dramatisch, alle Nachbarn sind ihm Charak-tere, alle fremde Schmerzen sind ihm süße derIllusion, alles erscheint ihm beweglich, erhoben,arkadisch, fliehend und froh, und er kommt niedahinter, wie bürgerlich-eng einem armen Archiv-sekretär mit sechs Kindern — gesetzt er wäre dasselber — zu Muthe ist. Denn ist er selber bür-gerlich unglücklich; z. B. ein Träger desLazarus-Ordens: so kommt es ihm vor, als mach' er eineGastrolle in Gay'S Bettleroper, das Schick-sal ist der Theaterdichter und Frau und Kind sinddie stehende Truppe.

— Und wahrlich, der Philosoph und der Menschdürfen hier nicht anders denken als der Dichter;und der, für den das äußere (bürgerliche, physi-sche) Leben mehr ist als eine Rolle: der ist einKomödiantenkind, das seine Rolle mit seinem Le-be» verwirrt und das auf dem Theater zuweinen anfängt. Dieser Gesichtpunkt, dermetaphorischer scheint als er ist, erhebt zu einerStandhaftigkeit, die erhabener, seltener und süßerist als die stoische Apathie, und die uns an derFreude alles empfinden lässet, ausgenommen ihrenVerlust.

Belesene Mädchen, die im Sommer aufs Landgehen, machen aus den Landleuten wandelndeGeßnerische Idyllen - Ideale. Die Landlenle idea-lisieren ihrerseits wieder die Mädchen zu Prinzes-sinnen der Marionetten und der Historienbücherhinauf. Und eben so hab' ich im dreizehnten Ka.pitel der vorigen Biographie den Pfarrer und denuiir sonst verhaßten Zwinger und Schuldthurm

des bürgerlichen Lebens gepriesen, weil ich an ihmund an seinem Nothstall schon den biographischenund idealischen Mondschein glimmen sah, den ichnachher auf ihn warf. Auch im Komischen kannman wirkliche Thoren, die man handeln sieht, imGeheim zu komischen Akteurs und zu gut durchge-führten komischen Charakteren idealisieren.-

Woher kommt nun, da die Phantasie nur dergoldene Abend-Wiederschein der Sinne ist, dieserReiz eigner Art, der an Traume», Abwesenden,Geliebten, entrückten Zeiten und Ländern, anKinderjahren und — was ich kaum zu nennenbrauchte — an den von den Dichtern in die Weltgeschickten Blumengöttinnen und Blumenparter-ren haftet? — Wenn wir heraus haben, warumuns die Dichter gefallen: so wissen wir das klebrigeauch.

Davon könnte man mehrere Ursachen angeben,die richtig mären, ohne zureichend zu sein. Z. B.Wir denken das ganze Jahr weniger mit Bildern,als mit Zeichen, d. h. zwar mit Bildern, aber nurmit dunkler» kleinern, mit Klängen und Lettern :der Dichter aber rücket nicht nur in unserm Kopfealle Bilder und Farben zu einem einzigen Altar-blatte zusammen, sondern er frischet unS auch je-des einzelne Bild und Farbenkorn durch folgendenKunstgriff auf. Indem er durch die Metapher ci-nen Körper zur Hülle von etwas Geistigem macht— (z. B. Blüte einer Wissenschaft): so zwingter uns, dieses Körperliche, also hier "Blüte" Hellerzu sehen als in einer Botanik geschähe. Und wie-der umgekehrt gibt er, wie vermittelst der Me-tapher dem Körperlichen durch das Geistige, ebenso vermittelst der Personifikazion dem Geistigendurch das Körperliche höhere Farben.

Ferner könnte man — und kann auch — sagen,der dramatische Dichter überwältigt uns Lurch dieVerwandlung der Wochen in Minuten und er-weckt, indem er die tragische vielleicht über Jahrehingesponnene Geschichte in wenige Stunden zu-sammen zieht, unsere Leidenschaften blos darum,weil er ihnen gleicht, da sie auch wie Taschenspielerund Heerführer unS durch Geschwindigkeit be-rücken.

Aber ich eile zu dem, was mich befriedigt. DieArme des Mensche» strecken sich nach der Unend-lichkeit aus: alle unsere Begierden sind nur Ab-theilungen Eines großen unendlichen Wunsches.Es ist sonderbar, Laß man von der Phantasie de-ren Flügel einen unendlichen R a u m und eineunendliche Zeit bedecken wollen, weil sie über jedeendliche reichen, und von der Vernunft, die keineendliche Kausalreihe denken kann, nicht wei-ter fortgeschlossen hat auf den Willen. Alle un-sere Affekte führen ein unvertilgbares Gefühlihrer Ewigkeit und Ueberschwenglichkeit bei sich —jede Liebe und jeder Haß, jeder Schmerz und jedeFreude fühlen sich ewig und unendlich. So gibt eSauch eine Furcht vor etwas Unendlichem, wovondie Gespensterfurcht, wie ich anderswo * bewiesen,eine Aeußerung ist. Wir sind unvermögend, unsnur eine Glückseligkeit vorzuträumen, die unsausfüllte und ewig befriedigte. — Dein Geniusentführe dich und lege dich in der schönsten Pap-

* Mumien, lr Theil S. 278 . 279.