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Quintus Fixiern
pelinsel dieser Erde nieder — er ziehe Lusthainedurch die Insel, und Gärten um die Haine, undBlumen um die Gärten, und —er öffne dein Augeund zeige dir alles was du hast: einen stille»Himmel und zwei Menschen, die du liebst, erfliege in dein Herz zurück und wohne darin unterdem Namen der Tugend und Weisheit. — Glück-licher? wirst du niemals seufzen? — Und steigtdein erster Seufzer als Uebersättigung auf, mitder steh ja kein Wunsch, kein Hunger gesellenkonnte? —All' unser Ringen nach Freude soll nurunser Schmachte» übertäuben: wir liegen brü-tend auf der kalten Erde wie die Vogel auf Kreide,nicht um etwas auszubrüten, sondern um die Brut-hitze der stechen Brust zu lindern.
Was nun unsern, Sinne deS Gränzen-losen — so will ich immer der Kürze wegen sa-gen — die scharf abgetheilten Felder der Naturverweigern, das vergönnen ihm die schwimmen-de» nebelichten elysiichcn der Phantasie. Kant se-tzet schon das Erhabene der Dichtkunst und derNatur in ein angeschauetes Unendliche. Die Na-tur zwar selber als Sinnengegenstand ist nickt er-haben, d. h. unendlich, weil sie alle ihre Massen,wenigstens mit optischen Gränzen scharf abschnei-det, das unabsehliche Meer mit Nebel oder Mor-genroth, den unergründlichen Himmel mit Blau,die Abgründe mit Schwarz. Gleichwohl sind daSMeer, der Himmel, der Abgrund erhaben; abernicht durch die Gabe der Sinne, sondern der Phan-tasie, die sich an die optischen Gränzen, an jenescheinbare Gränzenlostgkeit hinstellet, um in einewahre hinüberzuschauen. Man könnte fragen:warum thut sie es nicht bei jedem Blau, bei jedemSchwarz? — Man könnte antworten: weil nichtjedes Blau einen so großen Gegenstand umschließet.Man könnte wieder fragen: warum denn eineden, Meere an Größe gleiche Blumensbene sich mitNebeln schließe, ohne so erhaben zu sein wie dasMeer. Die letzte Antwort aber bleibt: weilalles Große e infa rbig sein muß, da jede neueFarbe einen neuen Gegenstand anfängt. Jin ein-fache» Blau des Himmels wiegt die Seele ihreFlügel auf und nieder — und aus dem letztenStern stürzt sie sich mit ausgebreiteten Schwingenin die Unermeßlichkeit.
Stelle dir ein Arkadien vor: indem, woraufdu trittst, halten überall Herkules-Säulen deineGenüsse auf, und lassen blos deine Wünsche überdie Säulen fliegen; aber in einem dichterischenkann ja dein Wunsch nicht größer sein als deinBezirk, und das waS du wünschest, hast du ja ebenvorher erschaffen. —
Der Steig der Wirklichkeit ist nicht blos steini-ger, sondern auch länger als der der Phantasie,die über ihm schweifet; aber wenn du einen Dichterliesest, so hast du noch dazu die Freude, den blu-migen Jrrgang einer fremden Phantasie mit dei-ner eignen zu durchkreuzen. Wie wird die Phan-tasie, die schon die Wirklichkeit ausschmückt, erstTräume verzieren? —
Wenn ich oft meiner Phantasie in schönenLandschaften erlaubte, Landschaftmalereien zu ma-chen für mich, nicht für das Publikum: so fandich, — und auch sonst, — daß die aus mir auf-steigenden Fluren nur Inseln und Erdstriche aus
der längst versunknen Kindheit waren. DerTraum führet auch, (wie schon Herder bemerkt),die längst weggeschobenen bunten Glasmalereiender Kindheit wieder in die dunkle Kammer desSchlafes zurück. Die Kindheit-Erinnerungenkönnen aber nicht als Erinnerungen, derenuns ja aus jedem Alter bleiben, so sehr la-ben, sondern es muß darum sein, weil ihre magi-sche Dunkelheit und das Andenken an unseredamalige kindliche Erwartung eines unendlichenGenusses, mit der uns die vollen jungen Kräfteund die Unbekanntschaft mit dem Lebe» belogen,unserem Sinne deö Gränzlosen mehr schmei-cheln.
DaS Jdealische in der Poesie ist nichts andersals diese vorgespiegelte Unendlichkeit; ohne dieseUnendlichkeit gibt die Poesie nur platte abge-stiebte Schieferabtrücke, aber keine Blumcnsiückeder hohen Natur. Folglich muß alle Poesie idea-liesieren: die Tlieile müssen wirklich, aber dasGanze idealisch sein. Die richtigste Beschreibungeiner Gegend gehört darum noch in keinen Mu-senalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch — einProtokoll ist darum noch keine Szene aus einemLustspiel — die Nachahmung der Natur ist nochkeine Dichtkunst, weil die Kopie nicht mehr ent-halten kann als das Urbild. —
Die Poesie ist eigentlich dramatisch und maltEmpfindungen, fremde oder eigene: das Uebrige— die Bilder, der Flug, der Wohlklang, dieNachahmung der Natur — diese Dinge sind nurdie Reißkohlen, Malerchatvullen und Gerüste zujener Malerei. Diese Werkzeuge verhalten sichzur Poesie, wie der Generalbaß oder die Harmo-nie zur Melodie, wie das Kolorit zur Zeichnung.Dazu setz' ich nun weiter: alle Quantitätensind für uns endlich, alle Qualitäten sind un-endlich. Von jenen können wir durch die äu-ßer» Sinne Kenntniß haben, von diesen nurdurch den innern. Folglich ist jede Qualität füruns eine geistige Eigenschaft. Geister und ihreAeußerungen stellen sich unserem Innern eben sogränzenlos als dunkel dar. Mithin muß das inuns geworfene Sonnenbild, das wir uns vor»Dichter machen, vergrößert, vervielfältigt undschimmernd in den Wellen zittern, die er selber inuns zusammentrieb. *
Aber das wars nicht, worauf ich kommenwollte, sondern darauf,wodurch und womit die schö-nen Künste auf uns wirken. Durchaus nur mitund durch Phantasie;das wasdie Gebilde der Male-rei und Plastik von andern Körpern absondert,muß ein besonderes Verhältniß zu unserer Phan-tasie sein. Dieses Verhältniß kann nicht auf diebloße kahle Vergleichung hinauslaufen, die wirzwischen dem Ur - und Abbilde anstellen, und ausder wir nur das matte Vergnügen besiegterSchwierigkeiten schöpfen könnten. Sulzer sagt:ei» Gemälde gefällst uns, aber nicht das treuereBild im Spiegel; eine Statue entzückt uns, aber
* Ohne die Erwägung des Geistes, der schuf, wär' esnicht z» erklären, worum eine Szene aus Shakspcarc nurhalb gefiele, wenn wir wüßten, er hätte fie von Wortzu Wort aus irgend einem wirklichen Zufall, Protokoll,Dialoge ausgeschrieben.