Band 
I.
JPEG-Download
 

744

Quintus Fixlein

— Unter der Klasslfikazivn konnte Kvrdula;seine Tochter, hingehen, wohin sie wollte. Dergroße Edukazionrath oder Edukazionpräsidentfragte niemals viel nach ihr oder »ach Weibern:„Weiber, sagte er, sind wahre SolöziSme» der ^Natnr, deren peecnta spleuckicka und Patavi-nität, oder geborne Kolutiibinen und schlafendeMonaden." Die arnie Kordnla hatte längst ihreMutter, die zugleich ihr Vater war, durch denTodesengel von ihrem Herzen wegführen sehen:der alte Stürmische Betrachter hatte sie in dieletzte Hütte — gleichsam die Stifthütte eineskünftigen Tempels — hinuntergezankt. Kordnlawußte wenig, las nichts als was sie Sonntagssang, und schrieb keinen Buchstaben als den womitsie schwarze Wäsche signierte, und sie war weiternichts als schuldlos und hülflos. Ihr Vater ließwie die meisten Schullcute — durch die Römerverwöhnt — nichts einer Frau zu, als daß derKörper ein Koch wurde und die Seele eine Kö-chin. Sie schlich sich heute mit ihrem zusammen-gedrückten Herzen, in dem noch keine Leiden gewe-sen als wahre, und das noch nicht von artistischerEmpfindsamkeit bis zum Lahm - und Schlaffwer-dcn auf- und zugezogen worden, von der gelehr-ten Menge ab und setzte sich an das Ufer des Was-ser - Ringes, der die schöne Insel wie ein kunst-voller Hof den Mond umfasset, und sah eine Py-ramide jenseits des Wassers für ein Grabmal an,weil sie keine andere Pyramiden kannte als dieüber Särgen, und weil ihr heute geträumet hatte,ihre Mutter habe wieder mit »»verwesten Lippengelächelt und ihren Arm liebend nach ihr ausge-streckt, aber er sei zu kurz gewesen, weil die Handdavon weggefallen war. Die kunstlose Kvrdulawußte nicht, welches Druckwerk ihr Herz auscin-anderpresss—sie errieth es nicht, daß der mit einerblutigen Morgenröthe überspritzte Himmel, und daßdie zusammenfließende Grasmücken-Kirchenmusikim Tempel der Natur; daß das ruhige Wiegen undTaumeln der Pappeln und die Regentropfen, dieihr Schwanken gleichsam vergoß, daß alles diesesihre einsame Seele trüber machte und das öde

Herz schwerer und das kalte Auge heißer.-Sie

hielt die Schürze, mit deren Frisur die Mutterihre Näharbeiten beschlossen hatte, aufmerksamund nah auf die Augen und begriff nicht, warumsie heute die Naht daran nicht deutlich sehe, unddachte, als sie die Tropfen aus den Augen weg-streifte, sie wären von den Pappeln gefallen. . . .Aber der Alte, der befahren mußte, sie werde zunaß, pfiff die Beklommene von ihrer Schürze wegins Zelt unter die Primaner zurück. - — O esist mir jetzt als säl>' und hört' ich in alle eureHäuser hinein, wo ihr, Väter und Ehemänner mitvierschrötigem Herzen und dickstämmiger Seele,beherrschet, ausscheltet, abhärtet und einquetschetdie weiche Seele, die euch lieben will und hassensoll, — das zerrinnende Herz, das eure kothigenschwieligen Fäuste handhaben — das bittende Auge,das ihr anbohrt, vielleicht zu ewigen Thränen —— o ihr milden, weichen, unter schweren finsternSchnee gebückten Blumen, was will ich euch wünschen,als daß der Gram, eh' ihr mit besudelten, entfärb-ten, zerdrückten Blättern verweset, euch mit denKnospen nmbeuge und abbreche für den Frühling

einer andern Erde? — Und ihr seid schuld, daßich mich nicht so freuen kann, wenn ich zuweileneine zartfühlende unter einer ewige» Sonne blü-hende Schwester von euch finde, eine hauchendej Blume im Wonnemond: denn ich muß denken andiejenigen von euch, deren ödes Leben eine in ei-ner düstern Obstkammer turchfrorne Dezember-nacht ist.-Und doch kann euer Herz et-

was schönerS thun als sterben: — sich erge-ben. —

Ich wünschte, ich wäre mit neben dem Kabrio-let hergegangen und hätte die stille Kvrdula inEinem fort angeschauet.-

--'Auf der Straße nach H o f sagt' ich meinenPrimanern, sie sollten die Bemerkung machen, daßdas baireutische Voigtland mit mehreren Produk-ten ausgesteuert sei, mit Korn, Hafer, Kartoffeln,einigen« Obst (frischem uns getroknetem) und soweiter; aber man könnte nicht angeben, wieviel.

Auf dein Thurm blies man gerade herab, alsman mich und meine Genossenschaft die Gassen-steine Hofs betreten sah. Ich werd' es darumniemals wie andere aus affektierter Furcht vorEigenlobe unterdrücken — denn oben dadurch ver-räth man das größte; und es müssen ja nichl ge-rade schmeichelhafte Ursachen gewesen sein, — daßbei unserem Einmarsch alle Fenster aus- und alleKöpfe darhinter herausfuhren: deutsche Schul-und lateinische Gymnasiumsjugend sah uns nach,Ladenjungen standen barhaupt unter den Laden-thüren, und wer in ein Haus wollte, stockte unterden« Portal. Ich erfragte mühsam eine» Gast Hoffür Fuhrleute, weil ich wie Swift, da au« liebstenlogiere. Es hätte mich in Verlegenheit setzen sollen,daß, da ich vor der sächsischen Post ras Kabrioletund dessen Kronwache halten ließ, weil ich eine»frankierten Brief da abzugeben hatte, dsn ich sel-ber so weit getragen, um ein mäßigeres Porto zuerschwingen, baß alsdann, sag' ick, ein schöner ange-nehmer Mensch mit einergrün-taftenen Schürze un-ter uns trat, der — weil er uns leider für frischeEinkehr ansah; den» das Posthaus ist zugleich imgroßen brandenburgischen Gasthof — meine Toch-ter Herabheben uns uns alle empfangen wollte.Zch kam aber nicht sehr außer mir und repetiertegleichgültig meine Nachfrage nach einem gemei-nern Gasthof; und es war schön, daß der jungeMensch uns mit einem freundlichen Lache» zumThore wieder hinauswies — was wir denn. tha-ten.

Ich ließ meinen Bart mitten in der weitenWirkhstube und unter käuenden Fuhrmann-Ge-klüften von einem Primaner abnehmen und meinHaar von« Exknrrens auflocken: indeß unsereErbküchenmeisterin unser geräuchertes Gedärm ausFeuer stellte. Möchte der Himmel es fügen, daßich daS arbeitsame Kind bald in einem guten ade-lichen Hause als Zofe anbrächte!

Ein ReiseLiener aus einem Handelhause in Pon-tak diablierte und sakredieurte am Fenster unge-fragt über die besten deutschen politischen Zeitun-gen und beschmitzte besonders die Herren 8. 1.Girtanner und Hofmann mit solchenEkelnamen und Verbalinjurien — wovon ich mirkeine nachzusprechen getraue als den geringern von