Band 
IV.
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Dämmerungtn

uns weniger zu Heiland- als Weltgängern undWeltfahrern macht, und zum Treibeise allerKüsten? Landesverweisung (uns ein lustigersächsischer Länderer ) ist uns nickt wie den Alten,welche dnrch sie ihre Götter verloren, eine Strafe,sondern eine schöne Belohnung, ein Geschenk vonWunders,ihren zur Meisterschaft. Aber man er-kenne, daß uns eben nichts mehr in Stand setzt,unserer flüchtigen Komplerion Genüge zu leisten,als der Wechsel mit Ländern und Menschen,der uns wieder mit dem nöthigsten Wechsel vonModen und Sitten versorgt, bis sogar auf dieTänze, von denen wir ein so reiches Sortimentauswärtiger nachspringen, daß uns darunter sogarunsere deutsche Allemande unter dem Nameneiner fremden erscheinen kann unter den Anglai-sen, Ecoffaisen, Polonaisen, Quadrillen — u. s. w.In der That, unserer Ehre würde es mehr zu-schlagen, schätzte man blos von dieser Seite unserStreben, die Nebensonne sogar jeder ausländischenNebensonne zu sein. Das Lächerliche fällt weg,wenn unsere Gesellschaftsäle Abgußsäle ausländi-scher Schönheiten und Sitten sind, da wir mitunserer Allseitigkeit ja blos den Menschen ähnlichsind, welche — i>» Gegensatz der Thiere — alleSpeisen und alle Klimate vertragen. Obwohlauswärts Nachtreter auswärtiger Moden, sindwir zu Hause Gegenfüßler einheimischer — näm-i lich um nur eine Veränderung mehr zu erzwin-I gen; denn wer nicht ist wie andere Leute, machteben dadurch andere Leute, und eine neueMode nicht mitmachen, heißt ja eine neueste mit-bringen.

Uns übrigens deshalb Affen EuroxenS z»nennen, anstatt dessen edlere, ernste, trübeUrangutangs, würde wohl kein Zoolog für rechtsprechen.

Da der Holländer der feste enge Maskopeibru-der des Deutschen ist: so möchte man vielleichtfragen, warum gleichwohl die sieben Provinzenden zehn Kreisen die Sprünge so wenig undschlecht nachthun, und ungern einen ander»Wechsel honorieren, als den st »so, undwarum alle etwanigen politischen tours 6s toroeder Holländer — oder gar die literarischen —kaum wie Schritte aussehen gegen unsere. Aberwie. wenn eben Holland der Bajazzo Deutscklandswäre, und letztes erst der ächte Springkünstler?Macht denn der Bajazzo nicht alle Luft-künste des Springers absichtlich recht ungelenkund langsam vor, damit der nachkommendeKünstler nachher durch den Abstich desto herrlicherglänze.

Vielleicht darf man sich jetzt mehr als je vomKriege schmeicheln, daß zwei Völker gegen einan-der noch etwas Freieres und Eigeneres als ihreGefangenen auswechseln, so daß französischesPhlegma oder Bodensatz sich mit deutschen flüchti-gen Geistern auf eine Weise verletze, welche inbeiden Nazionen den nazionellen Ueberscklag indas Gleichgewicht der Humanität zurückstellt;gleichsam eine Vereinigung zwischen dem starkenMars und der leichtfertigen Venus. Nur machtder vvlatilische Deutsche die Sache dem festemFranzosen etwas sauer; denn wie es einengedruckten --geschwinden Lateiner-- gibt, so will

er der geschwinde Deutsche sein, und schlägt beijedem Blatte der Sphärenpartitur der jetzigenWeltgeschichte mit der Entschuldigung um : vvlti»uvito. Den Franzosen ungleich, welche, wie ge-dacht, im Leben wie auf der Bühne, Einheit desOrts und des Interesse behaupten, nehmen wirblos die dritte Einheit, die der Zeit für uns a»und weg, und drängen alle unsere komischen undtragischen Veränderungen in die kürzeste Zeit.Unsers Trauerspiele mit ihren Schlachten wer-den oft auf der Bühne und im Leben gleich schnellabgespielt.

Noch ein Beweis der deutsche» Schnellsegler seider letzte.

Wen» ein Leser eines Klvpstocks, Kants, Dich-tens, Herders, Jacvbi'S, Schillers und aller edlenDeutschen — der Platvn's, Rouffean's, Montes-quieu's ic. gar nicht zu gedenken — auf einmalaus ihren Himmelfreien Edengärten auf denSklavenmarktxlatz neuerer Schreiber eintritt,und wenn er von dort her Ohr und Herz nochvoll mitbringt von Lehren, welche nur den Men-schen, nicht sein Thier beseelen, welche vom freienMenschengeiste, von Genußaufopferung und vonallem reden, was alle höher» Seelen bisher ge-habt und ausgetheilt, was im Glück aufgerichtetüber die Weide und im Unglück über die Wüste,und was allein die Menschen einander und dasLeben achten lehrt — und wenn dieser plötzlich aufdem Sklavenmarkte nun nickts ausrufen hört alsGeld und Handel und politisches Maschinenwesenund heiße Jdeen-Moloche mit Völkern in Armen :dann empfindet ein solcher, aber a» zu weitenWunden seiner Brust, wie sich die Deutschenuno die Zeit so schnell umstürzen; ein Bramme,der Reismißernte wegen plötzlich ausgeworfen ausseinen milden Gefilden in grönländische Jurten vollThran und Seehundselle und Ausstckten aufs Eis,dieser könnte nur das körperliche Gleichniß zu je-ner Empfindung hergeben.

So schnell bete» die Deuschen das philosophischeVaterunser, wie Hexen das evangelische rück-wärts, um damit Zauberei zu treibe».

Was den gedachten Handel angeht, so sind wirhierin wie ächte Juden , nicht etwa», weil wirihn so sehr wie sie treiben und begehren, son-dern weil der Gesetzgeber Moses eben den Juden-Handel verboten, den sie jetzt nicht fahrenlassen wollen. Die Alten achteten nie am Han-del den Handel selber: in Griechenland, das sogünstig ihm die Küsten darbot, betrieb ihn derSklave; und im Handel-Karthago hielt sich derverachtete Kaufmann nickt unter Bürgern, son-dern in gesonderten Bezirken aufs*). Die großenAlten und die alten Großen konnten sogar edlerFruchtlosigkeit den Vorzug vor gemeiner Nützlich-keit zusprechen, so wie in ihren heiligen Hai-nen (**) (englische Gärten auch in diesemSinne) nur fruchtlose Bäume standen. In-sofern blos Uebergewicht des geistigen Gehaltesund der höhern opfernden Kraft berechnet wird,so käme dasselbe mehr dem Kriege als dem Han-del zu, und in dieser Rücksicht streickt mit

(*) stripp» 6s nobilil. kvein. 8ex.

( 2 *) Poliers Archäologie