Band 
IV.
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H er b st» B umine.

ne, geschweige die fremde Wunde fühlen kann,meistens eine viel mildere Brust ins ruhigere Le-ben mitbringt, als darin der Arzt, der Philosoph,der rührende Dichter unter ihren kalt und scharfatzenden Scheidekünsten des Herzens behalten.Ich wünschte dem wackern Krieger Glück zu einemMorgen, wo er auf einmal — wie etwa ein ausleeren winterlichen Nord - Gewässern au blumigeFrühling - Küsten aussteigender Schiffer — denErstling seiner Ehe in halber Aufblicke finde, schonanlächelnd und anblickend und mit ausgestrecktenHänden,»»' noch dazu schon die geheilte schmer-zenlose Mutter, die ihm das Neujahrgeschenkder Ehe mit keinem bleichen Antlitz bringe." Jeder Vater wäre, sagt' ich, eine Mutter, sah'er das liebe Kleine nur ein halb Jahr später.Jetzt fragt'er auch mich wohin ich Nachts zbge;ich versetzte: — -- dorthin, dahin, überall hin,-- undnahm keck schnellen Abschied oder Urlaub auf zwölfStunden von ihm. Wahrscheinlich hatt' er meinBegleiten vermuthet. Aber du weißt, ich mußmeine Spaziergänge, besonders Nachts, einsambehalten, und dann kenne ich ja nichts unbedachte-res, als die unwiederbringliche Minute des erstenWiedersehens zu stören Lurch Zusehen, sogar durchtheilnehmendes.

Gleichwohl behielt ich mir, indeß ich ihn derreinsten zu . und Ankunft überließ, heimlich selberetwas schönes vor, nämlich den Entschluß, seinerWidererkennung am Morgen ungesehen nachzu-schleichen und dann im Lustgarten — der sich nurdurch einen weißen Thurm auf einer vvlllaubigenAnhöhe von selber zeigte — aus irgend einerBusch-Larve in seinen Himmel hineinzusehen, ohnedoch als irgend eine Wolke auch mit der schönstenFarbe zu laufen.

Ich ging jetzt, den weißen Park-Thurm imAuge, einem Berge zu, worauf ein Kloster stand.Es war schon weit gegen Mitternacht, alle Sternefunkelten hell, nur um den Mond war blauerRaum. Die Nacht ist aber groß, ja zu groß fürden Menschen, und unser Schrecklich-Großes soll-ten wir mehr (wie z. B. die Arier die Schlach-ten) nur unter den Sternen vollführen. VorderSternenseite des Universums erblaßt das Krieg-feuer; denn droben fliegt mancher weltenbreiteSonnen-Vulka» und jüngster Tag still im Blau,gleichsam ein Wald im Sturm, der sich in derFerne nur unbeweglich darstellt, indeß der naheschon ohne Wehen brauset und wogt. Ich genoßbisher keinen Frühlingtag, Heinrich, denn Ländernach Ländern litten; aber ich kann eine Frühling-Nacht genießen; in der Nacht hebt der Mensch(so wie der homerische Jupiter vom trojanischenKrieggetümmel weg auf die freudige» Schäfer-Ebenen sah) sich und sein Auge empor von derverworrenen kleinen Erde, und schauet in die lan-gen gestirnten Felder der Unermeßlichkeit.

Doch sogar diese drückt auf das bange Men-schen - Ich. Als ich den Klvsterberg hinauf war—und der Himmel mich ansah — und ich mich aufden Berg hinlegte und gleichsam hineinsank in dieaufgeschlvßne Unermeßlichkeit (eigentlich nur in diehalbe über mir) in die dicke Wildniß von Son-nen, welche Zeiten und Menschen und Erdenverschlingt: so kam mir mein alter Schmerz,

gleichsam mein Sonnen-oder Sternenstich zurück;(alte Schmerzen kehren öfter und lebendiger umzu uns, als alte Freuden). Wie oft, lieber Hein-rich, wenn ich auf Nachtreisen den Sternenhim-mel zu lange unverrückt ansah, bis mir vor demvon Abgrund in Abgund hineinfliegenden Lauf-feuer aus Sonnen die Höhe ordentlich zur Tiefeeinwuchs, hab' ich dann zu sterben gewünscht, umnur unserer Kleinheit oder der Unermeßlichkeitauf einmal los zu sein. Die Wolken, die ich amTage wegwünsche, soll die Nacht Hertreiben, damitdas Menschen-Augs auf diesen höchsten und zarte-sten Bergen doch ein wenig die Erde vor demübergroßen Himmel ertrage und festhalte; aberich sah diesmal statt der Wolken nur Sonnen —die Sonnen wurden nur umfliegende Funken, diedas Flügelpferd der Zeit aus dem Chaos schlägt.— Eine Terzienuhr schlug unaufhörlich die Augen-blicke des Erdenjeins aus, sie maß das Schwinde»in Eiuem fort, und Geburt- und Sterbeglockenhallten einander nach und vor.

Aber ein Halt steht im Welten-Meer, der Ge-danke, daß wir den Gott in uns tragen, der selberwieder das Sonnen-Al! in sich trägt, und daß indiesem Ur- und Uebergeisie, der zugleich Allgegen-wart der Zeiten und der Räume ist, sich alleWeltengrößen, Weltenfernen, und Jchsunzahlenselig sammeln, nähren und durchdringen müssen.Nur den Läugner Gottes quetscht die Welten-schwere zum langen dünnen Wurm.

Ich schauere jetzt auf der Erde um mich, wo dasKloster stand. Ein Pförtner ging darin auf undab, und sprach in der Geisterstunde blos mit sich.Woher kommt dem Menschen der Schauer vorSelbst-Anrednern ? — In einer Nische der Klo-stermauer saß unbeweglich ein brauner vvrgeboge-ner Kapuziner mit gesenktem Haupte, die Hände imRosenkranz; ich trat an ihn — er war blos einaltes Vexier-Garten-Spiel von Tuch und Holz.Erkläre mir, warum mir so nahe neben denGröße» der Nacht doch ein Blendwerk vonMensch grausender vorstand, als einer mit Blutund Herz gethan hätte! —

--Wir Halbschatten des Seins, die wir nichtwissen, zu welcher Zeit, auf welchen Ort wir ein-mal einen ganzen werfen! Und unser Wunschist blos,ein Viertel-Schatten zu sein!-- So dacht'ich vor dem Kapuziner und faßte seine weiße Le-LerhauL mit der Furcht an, erdrücke diemei-»ige.

Jetzt schlug es zwölf Uhr, und im Kloster saugman. Aber nur Eine Nonne sang oder seufzetein der leeren hohlen Kirche ihr Nachkamt aus —sie allein übrig gelassen auS dem wertriebneu undverweltlichten Nonnenchvre wollte als die letztedarin altern und sterben. Es ist aber so schon, zubeschließen als anzufangen, und die Geschichtestellt den Ersten nahe an den Letzten.

Ich wünschte dieser letzten Echo verhalleterZeiten recht viel Erinnerungwonne, und einenicht roh schreiende Gegenwart; und besondersnoch, daß ihrer kleinen Kirche, so lange sie darinsänge, der Krieg, der die Kirchen nur mit Wie-hern, nicht mit Beten füllt, recht von fernebleibe.

Plötzlich aber wurde mir die Welt umgewandt und