Band 
IV.
JPEG-Download
 

^ 194

Herbst-Blumine.

nur die Erleuchtung des halben sinkenden Mon-des erhalten sollte. Wenn man dieses Finster-aarhorn erklomm, so lagen am i6ten Oktoberdie deutschen Bergstraßen als Milchstraßen undWälder aus Flammengipfeln um das Auge, daserst im großen deutschen Vaterlands den Erhitzseines kleinen suchen mußte.

Tvrilde führte mühsam den noch entkräftetenJüngling an seiner Krücke den Berg hinauf.Die Sonne stand noch auf dem Gebirge, gleichsamals erstes Ovferfeuer. Die Jungfrau beredete,mehr fremde Beschwerlichkeiten achtend als eigne,den Kranken zu einem kurzen Entschlummern,Lurch das Versprechen, ihn zur rechten Zeit zuwecken und ihm den weite» Feuerzirkel Deutsch-lands auf einmal zu zeigen. Eh' er es that, hattez sie ihm oft versichert, wie sie sich die kurze Ein-i samkeit mit der milden Oktvbersonne, mit der; Erde voll Farbenerden, und mit den auf den Laub-i Wäldern durcheinander geschlungenen bunten Re-! genbogeu der Blätter verkürzen werde,l Torvld lehnte sich sitzend an eine Fichte der mit-! den tiefen Sonne gegenüber und schloß die Augen' zu, um stumm zu wachen. Er wollte der ängstli-! chen Geliebten gehorchen, um sie zu erfreuen,l Hinter dem Augenlieds wölbte sich ihm eine Pur-! puruacht. Die harte besiegte Zeit schickte ihre wil-? den Gestalten hinein und Torilda'S Rede klang! ihm nach, wie Einschlafen auf der Folter tödtlich! sei, auch für Völker. Zuweilen schlug er halbi wachend das Auge auf und wieder zu, und lächelte: die Geliebte an.

: Mit Sonnenuntergang wurde sein Gesicht still

i und der Schlaf kam. Endlich sah Torilda eineni ernsten Traum darauf — die Wangen glühtenj heftig — Zuckungen liefen über Stirn und Mund,

! und die Hände griffen. Sie wollte ihm den! Traum nicht rauben, weil sie nicht wußte, ob sie! nicht mit einem Finger ihm einen ganzen hängen-! den Garten von Traumfreuden Herabstoße. Sein! Angesicht, obwohl unkenntlicher, aber gleichsam ko-s loffal geformt durch den Schatten des Abends, hobj ihr Herz. Schon brannte ein Berg nach dem an-> Lern an, und rings am Gesichtkreise gingen die! Feuer als Kometen auf.

! Während sie noch mit Wecken zögerte, fingen! unten am Berge Löwen an zu brüllen, welche inj ihren fahrenden Kerkern dem Schmettern vor-j übereilender Posthörner zürnend antworteten.Hier fuhr der Schläfer grimmig auf und riefwild: »Gott-'die Feuer!—Weiche, Peinige !»sagte er zu Torilda, und stürzte krückenlos nie-der.

Der Traum, woraus ihn die Löwen geweckt,war dieser gewesen:

Im August, wo nach der alten Sage der Teufelvvm Himmel geworfen wurde, war an einem Ge-burtfeste der ganze Krieg wieder umgekehrt. Irgendetwas war nicht recht geschehen oder gemeint; dawar der böse Genius der Zeit, der sich au seinerKette wüthig gebissen hatte, mit Schaum im Gebißvon der gesprengten Kette gerannt. Ein unsichtbarerArmtrivb die deutschen Krieger mit ihren Grimm-thränen in Ströme, mitihren Rückenwunde» inKerker. Der auf Elba stand in Deutschland, und jagteVolk nach Volk vor sich her, nur die Fürsten ließ

er hinter sich binden und an einer langen Kettenachziehen, jeder Fürst mußte statt eines Falkeneinen Papagei tragen, welcher französische Schimpf-worts auf ihn ausstieß.

Torvld floh und schrie mit alten Waffenbrüdern,und rief sich immer zu: »es ist wahrlich nur einTraum; aber ich kenne ja alle die Länder genauund ich laufe ja über dieselben Schlachtfelder, woich sonst gestanden und geblutet, und ei» Traumhätte ganz andere, phantastische Bilder.

Die gescheuchten Banner raunten ohne Thatenvor Stadtthoren vorbei, auf welchen die abgeriß-nen schwarze» Trauersiegel von den Franzosen alslachenden Erben wieder angelegt wurden. Ueberallhüpften ihnen »»bewaffnete sorglose Feinde inTanzschuhen und Putz entgegen, und sangen: wirsind wieder gekommen, aber nicht als revsnant»,und wolle» den tSten Oktober schon selber bei euchfeiern und feuern, und lachten lange über ihredeutschen llslemdours. Andere setzten dazu: wirFranzosen werben zuletzt deutsch werden, damit ihrfranzösisch von uns lernt; in Straßburg und imrköLtie aux ktaliens kann noch einiges Deutschgeduldet werden.

»Er ist wieder da, der Eiländerrief der eine.»Der Insulaner wird die stolzen Insulaner baldkrümmenrief der andere. — »Warum ließet ihreuch nicht warnen, rief ein Moniteur. Für un-sern großen Mann liegt Elba und die Elbe nichtweit auseinander, nur wie Insel und Was-ser."

«Auch mehre Deutsche von Stande riefen demvorübergseilten Tugendbunde nach: »Ihr Tugend-thoren, jetzo werden sich die Deutschen erst bettenals die wahren Bernhardiner (*) Europas !»

Ehrerbietig mußte in weiten Umwegen die ge-jagte Kriegerschaar dem alten auferstandenenRaub- und Spionen-Gewürme von Deutschenausbeugen, das jetzo wieder geschaaret als Gewim-mel aus seinen Regenlöchern in das verfinsterteTaglicht kroch, so wie kurz vor dem ErdbebenWürmer den Boden überdecken-

»Wohin werden wir denn getrieben?« fragtedas Fluchtheer. Nach der Elbe abwärts bis nachHamburg zu — hieß es — Karl der Große jagteuch hinein und tauft euch zurecht."—

»Wo ist Hülfe, rief Torvld, wenn Deutschlandverloren ist ?»—Droben, sagte einer, zeigte nach demHimmel, meinte aber steigende Luftschiffe, die wieeine Nocchs Arche, in der Höhe das Unglück heilenwollten. Tvrald kam in eines, und stieg und stiegso lange, bis ganz Deutschland in einer Kometen-helle unter ihm ausgebreitet lag.

In dieser Höhe vernahm er noch die Worte derAusländer, aber die deutschen Länder waren still.Er sah in einer größten deutschen Hauptstadt ineine» zu einer Krönungglänzeud gebauten und wieei» römisches Pantheon oben offnen Tempel hinein.Darin saß aufeinem Throne eine Gestalt, wie mandie tragische Muse abbildet, nämlich verschleiert,mit der Rechten unfeiner Keule ruhend, in derLinken eine Larve; es schien die Politik zu sein,

(*) Bekanntlich haben die Bernhardiner ihre Klösterimmer in der Tiefe, wie die Benediktiner die ihrigen aufHöhen.