Band 
IV.
JPEG-Download
 

213

Herbst-

Juno ganze lange dreihundert Jahre treu geblie-ben ("), bevor er auf andere Sprünge gerathen;nur Laß die Menscheumänner natürlicher Weiseden Gott blos im verjüngten Maßstabe der kurz-lebenden Menschen nachahmen konnten, sowohl imeinen als im andern Falle.

Die Menschen haben, nämlich die von Welt un-ter ihnen, zum Theil Ulysses Begleiter vorgestellt,und sich gegen die Sirenen, obwohl nicht mitWachs in den Ohren, doch mit Wachs auf derNase bepanzert; indeß bürgerliche Spießbürgersich wie Ulysses durch ein Eheband an einen Mast-baum von Frau mußten schnüren lassen, um ohneWachs den Sirene» die Sürn zu bieten.

Die Menschen, nämlich die Polizeibeamten unterihnen, haben viele übrige Menschen vorgestellt,nämlich Sittenlehrer, Solone, Moses, halbe Land-stände, führende Fenersänlen des Staats am Tage,und Wolkensäulen in der Nacht.

Die Menschen, nämlich steuerrudernde in bessernStaaten, haben — wie »ach Winkelmann derreinste Geist der Kunst blos in Zeichnungen aufdem Papier, aber nicht in den sie ausführendenGemälden und Bildsäulen erscheint, welche mehrblos den Fleiß ausdrücken — eben so den wahrenGeist der Gesetze hauptsächlich auf dem Papierdurch köstliche Verordnungen aller Art gezeigt, ohneste durch ordentliche Vollführungeu derselben,welche immer mehr den bloßen ängstlichen Fleißverrathen, zu beschränken. Wie viel menschen-frenndlicher ist es, wenn, statt daß nachQuistorpspeinlicher Rechtslehre schon unternommenerHvchverrath dem ausgeführten gleichsteht,lieber bei dem Widerspiele desselben bei Staat-wohlfahrt bloßes Wollen und Verordnen derselbe»ganz für Ausführen und Vollenden gilt.

Die Menschen, nämlich die Schriftsteller unterihnen, haben an Schreibfreiheit zehnmal gewon-nen und tausendmal mehr, als an Lesefreiheir;aber auch diese wird nicht sowohl verboten, alsverborgen, sogar das Verbot der Bücher selber,und mehr als ein Staat hält freie Bücher fürSünden, die er, wie ein katholischer Ohrenbeicht-vater, zu erfahren und zu verzeihen, und dahergewissenhaft zu verhehlen hat. Bücher verbren-nen — steht man überall ein — heißt nichts andersals Fische ersäufen und Erdwürmer beerdigenwollen-

(Hier muß der Verfasser bemerken, daß das red-selige Altgesicht, das die Weissagungen des Vorge-sichts nicht versäumen, und Loch das Anschwärzenvon uns allen nicht lassen wollte, im Dränge derGlockenschläge so äußerst schnell weg sprach, daß ergewiß vvm Gesicht manches gar nicht gehört hat,oder doch ganz falsch.)

Die Menschen, nämlich die Empfindsamen unterihnen, haben, seitdem die Feindschaften im Großen,gleichsam als Generalfeindschaften getrieben wur-den, L. h. die Kriege, sich auch zu Freundschaftenin soosso und in Masse entschlossen, nämlichüberall zu Klubbs, um die Zeitungen jener Feind-schaften zu lesen, und sogar das Morgenblatt. Wennaber Ci cero schon vcm einzelne» Freunde sagt,daß er für diesen Dinge thun könnte, welche er für

(() llallim. koagwent. XX.

B lum in e.

sich selber nicht thäte: so kann (darf ich glauben)den General- und Kvmpagniefreundschafte» schwer-lich zu viel aufgeopfert werden; allerdings sindOpfer von Zeit, Amt, Geld, Kind, Weib und FleißLoch ein Anfang.

Die Menschen, nämlich die edlern unter ihnen,haben wie bisher fortgefahren, sich von den Insek-ten zu unterscheiden, welche in der jungen Zeit alsRaupe» nur rohes Kraut genießen, sich an Blumenaber entpuppt in ältere als Schmetterlinge hän-gen, indem umgekehrt solche Menschen schon inder Jugend nach den süße» Blumen der sittlichenIdeale durstig fliegen, und erst nach der Entpup-pung im gesetzten Alter auf den Brautblätternder etwas unsittlichen Gemeinheit krieche» undkäuen. In der That, 's sind gute Menschen dieMenschen.

Elfer und zwölfter Glocke »schlag.

Hier benützte Camena ihrerseits das Recht,den ganze» Kopf zu schütteln. Janus, noch unge-wiß gelassen, ob sie damit Nein sagen, oder seinStillsein erlangen wolle, schwieg abwartend, ob siefortfrage oder zu antworten anfange.

Unter seinem Schweigen, und satt der mimi-schen Darstellungen auf dem alten Zwerggesichte,entsprang ich zur Mvrgenpforte, um mich dafüran den milden Augen, an den zarten Farben. anden jungen Lippen zu erholen, und im Gesichte denSchönheitlinien nachzufolgen, welche jeden weissa-genden Laut von ihr umgeben mußten-

Auch begann Camena und mit dem elftenSchlage: Nur die Gegenwart gleicht der Ewig-keit und hat keine Länge und Kürze, aber dieZukunft ist lang und länger als die Vergangen-heit, und darum will der Mensch in jene schauen.

Wer vorher zu viel gefürchtet, der wird künftigzu viel hoffen; doch der Schweif des untergegan-genen Zorngestirns lodert noch aufrecht alsWarn-feuer am Horizont. Und steht nicht das SternbilddeS S ch ü tzen halb über der alten, halb überder neuen Welt <?) ?

Die geistige junge Zeit hat Schaum und glänztund knistert; aber er wird auf ihr zusammensin-ken, und dann erst wird sie aufgehellt und reinerscheinen. Der Geist des Kriegschwerts ist jehomit Edelsteinen besetzt; aber den Menschen wird derFriede lehren, daß das Schwert, das nicht fremdeSaaten mähen, sondern eigne hüten soll, sich zurPflugschaar breiten muß, damit die Ernten gesäetwerden, die es bewacht. Ein Volk hat am meistenzu fürchten die. größte Hoffnung und die größteFurcht; aber eS darf hoffen, daß dasselbe Unglück,und es muß fürchten, daß dasselbe Glück niemaloder anders wiederkehre. Kann auch jemal derMensch auf einer Kugel, wie Loch seine Erde ist,eine gerade Linie ziehen?

Hier schüttelte Janus sein Gesicht. Camenasprach die strenge ernste Rede fort, und doch bliebdie Stimme mild und die Blicke weich.

Jahrhundert nach Jahrhundert führt tapfereVölker in das Feld; aber die Tapferkeit der Rache

(*) Das gilt im astronomischen und im politischenSinn.