384-
Politische Fastenpredigten.
Uebrigens geht Lurch alle meine politischen Auf-sätze von des ersten Konsuls Drucke au, bis zu LeSletzten Kaisers Drucke, etwas ungebeugt und auf-recht, was ich jetzo am liebsten darin stehen sehe —die Hoffnung. Sie, diese Sprecherin und Bür-gin der Vorsehung, begleitete Mich durch jeneZeit, wo über jeder Wolke eine höhere stand, undüber diese wieder eine stieg; jene schauete durchdiese Wolken hindurch und versicherte es, daß sienoch die Sonne sähe. Jetzo weiß jeder. Laß sieRecht gehabt, und daß eine Sonne noch scheint.
Johannes von Müllers*) sagt: »Wenn derMensch keinen Rath mehr weiß, fangen die Wegeder Vorsehung an; seit mehr als zweihundert Jah-ren ist auf dem großen Schauplatze fast immer daSUnwahrscheinlichste geschehen." Und Friedrich Ja-cob! sagte noch in den achtziger Jahren des von.gen JahrbundertS: » Man (die Staaten) solle niedaS bevorstehend Scheinende als unvermeidlichfürchten und erdulden."
Diese Hoffnungen im Unglücke der Staaten —so wie diele Befürchtungen im Glücke, d. h. in derhohen Freiheit desselben — gleichen den Träumen,welche nach Kant als geistige Tbatigkeiten imSchlafe daS Leben fortschüren müssen, daS sonstan ihm erlösche; wie der Freistaat Sparta dieFurcht anbetete, so findet man die Göttin Hoff-nung (ckes 8PS5) (**) nie öfter auf den Münzen alsunter schlimmen Kaisern, wie Kaligula.—
Die Menschen vergessen und verzweifeln nur Zuoft: sonst würden sie finde», daß das Schauenund Vertrauen auf die göttlichen Gesetze des großenWeltganges leichter daS Ziel weissagen kann, alsoft der Reichthum von Kenntnissen der politischenEinzelheiten vermag ; und ein gläubiger Dichterist zuweilen ein besserer Prophet als ein herzloserKenner aller Kabinette. —
Wenn eS nicht zu kühn ist, großen Mächtennachzuahmen und einem kleinen Werke lange vor-zureden : so mag hier fortgefahren und der TitelFa sten p r e dg t e n kurz entschuldigt werdenoder erklärt. Die Aufsätze wurden nämlich in derwirklichen Fastenzeit (oder tzuackragesima)Deutschlands geschrieben, welche am meisten alseine geistige uns und unsere Predigten aushun-gerte, und uns nicht viel Bücherkost und Freiredeund Tanz und Musik des Herzens zuließ, sondernuns blos auf Betrachtungen von Leiden ein-schrä nkte. Noch dazu war die gedachte Fastenzeitauch eine ordentliche leibliche, in welcher diegallikanische Ur - Kirche umgekehrt statt des Flei-sches, Seefische und alles, was das Meer zubringt,
C) Dessen Werke. B. 16, S. ,g6.
(") Beckers Augusscum.l-
»erbot, und den Uebertretern, wie im zehntenJahrhunderte den katholischen Fastenbrecheru, dieZähne ausschlug. Doch soll man aus Unpartei-lichkeit nicht verbergen, daß hier nicht wie imJahre 1538 zu Paris die Uebertreter verbranntwurden (*), sondern nur die Sachen selber, jadaß noch dazu Kreuzbulleu mit Fasiendispensaziv-uen d. h. Freibriefe genug feil standen und alsodas Fasten, welches das clvuelnve unk lurx—
England und Festland — zur Einhr. ^°rWahl und des Urtheils zu zwingen hatte,,zubereitete Fastenspeisen leidlicher ablaufen ko>.
Diese Fastenpredigteu und ihr Titel verdiene»nur einen solchen Aufwand von Anspielungennicht: sonst wäre sehr leicht noch darauf anzuspie.seil, daß in der deutschen Quadragesima, wie in derfrühern christlichen, wir aus Heiden undJuden mehrChristen, und also Katechumenen geworden, daherwie die christlichen früher von Sonntag zu Sonn-tag, so wir von Schlachten zu Schlachte» andersheißen konnten, anfangs Anfänger — dann Hö-rende — dann Bittende — dann Erleuchtete —endlich gleichsam »Neugeborne.» (tzuasimocko-xentti.)
Indeß sind doch — was die Hauptsache ist undauf was alle Leiden - (Passion-) oder Faflenpre-digten der Schreiber in den leisen Geschichten derdeutschen Leiden hinwiesen — die Auferstehungund Ostern endlich da — die Osterkerzen leuchten— die Osterwasser säubern — und die Osterfladenschmecken, ja das sogenannte, »christliche Osterge-lächter» oder die »Ostermährleüi" herrschen inallen Büchern, ja in diesen Fastenpredigteu wurdesogar nvck früher gescherzt.
Noch steht uns der Sonntag nach Ostern, näm-lich der Bundestag zu erleben bevor, oder der so-genannte Sonntag «Zuasimockogeniti, wie er inder ersten christlichen Kirche hieß von den gleich-sam Neugeborne», welche da die Laufhemden ab-legten — oder (wie er noch hieß) der Sonntag derApostel oder Abgesandten (weil da ihnen zuerstder Auferstandene erschienen) — oder auch derThomastag, weil an ihm Thomas Bekehrung vor-gelesen wurde — endlich gar Gegenvstern, weil erder achttägigen Osterfeier ein Ende machte. —
Nach letztem Beinamen jedoch hat der Bundes-tag nicht zu ringen nöthig, da wir alle vielmehrwünschen, das Fest der Auferstehung immerfort zufeiern.
Baireuth in LerHerbst-Tag-undNachtgleicheiLib.
I. P. Fr. Richter.
(») Nach Slcidan wurde ein junger Edelmann kür seinFleischcssen telber gebraten, und nur die Flucht rettete drei ^Niederländer aus demselben Bratfeuer. !