452 Doppelwörter.
die schöne S - freie dritte Klaffe: Wild, Vieh,Sand, Obst rc. zwar laufen lassen ohne S, aberunter dem Vorbehalt, daß sie nur als Lvstrsetaund 6oUectivrr diese Begünstigung hätten: so,führt der Kanonikus wieder Kahn und Dachs,Haut und Braut, Tisch und Hecht entgegen undfragt wie abstrakt und kollektiv wohl diese seienund ihre andern tausend Gesellen gleichfalls. —Und ziehen gar die Plural - und Plusmacher mitihren Eseltreibern.Ziegenhirten, Bärenführern an:so sagt der PräbendariuS blos : Kahn und Dachs,Nuß und Braut,und Stein und Hecht; sogleich kom-men ihm Fuchsjäger, Kuhhirten und Kuhheerden,Hechtfischer und Schafhirten und Schafheerden zu
Hülfe-und der Kanonikus geht mit einer
Triumphbogenkurve auf der Achsel zufrieden nachHause.
Noch seht Herr Professor Docen mir das S inEigennamen, z. B. Landshnt, Königsberg ent-gegen, ich hebe aber meinen Widerstand dagegenfür Herrn Bibliothekar Grimm auf, um auchan ihm eines und das Andere zu widerlegen.
Sie haben, Verehrtest«, in der trefflichen Eos,die ich Ihnen immer richtig zusende — zumal daIhnen an dieser Aurora und Morgengötkin beson-ders die Abenbinalerei der Vergangenheit zngefallen scheint - gewiß nicht Herrn Docens Ein-würfe gegen meine Briefe übersehen; also weißich, daß Sie außer seiner Ein - und Umsicht, oderTiefe und Weite, auch noch die mir so angenehmeund so unentbehrliche Höflichkeit wahrgenommen,.womit er mich angreift. Wahrlich, Einwürfeläßt sich der Mensch gern machen, werden ihm nurdabei die uölhigsten Lvberhebungen gemacht; —diese erhielt ich aber eben.
Ihr rc.
j
I N. S. Schon heute am dritten Tage nach deml Neumonde heitert sichs ein wenig auf; um destomehr Aufheiterung kann ich mir und andern vonI dem entscheidenden vierten und fünften verspre-! chen. Wahrscheinlich trag' ich Ihnen dann diej -übrigen widerlegenden Postskrip mü tendlich vor,j und schreibe sie dann nieder für den Fall desl Drucks.
Viertes Postskript.
Noch einige Einwürfe gegen den Ien-nerbrief beseitigt — über Zusam-mensetzungen mit dem Plural.
Baireuly, den azsten August l8iy.
Der Tag ist trübe genug. Gnädige! und ichbekomme also Tage zu Postskripten hinlänglich;heute brauch' ich daher vor der Hand Herrn Bi-bliothekar Grimm nicht zu besiegen, sondern ichkann i» diesem vierten Postskripte noch einigeAnfälle auf meinen ersten Brief abtreiben.Darin hatt' ich gesagt: >, Bundestag ist so regel-widrig als Mundestasse und Grundesriß und
GrundeSstein sein würde.» Ein großer griechi-scher und lateinischer Sprachforscher warf dagegen !zwei Worte ein: vut. eui; er meinte: die ^Tasse dem Munde, der Stein dem Grunde, aber jbei Bundestag sei kein Gebefall gedenklich, sondernnur der Zeugefall. Und so erbärmlich werd' ichüberall gehandhabt, daß man sich nur an meinnächstes Beispiel hält und nicht an die ganze da-mit angekündigte Beispiel-Reihe; denn wo bleibtdenn derMnndtassen-Dativ inMundfäule,Mundgeschwür, Mundschaum Mundbiffen, Mund-werk, Mundleim rc.—oder der Grundstein-Dativ inGrundlegung, Grundherr, Grundsprache, Grund,holz rc. —
Za die Wurzelsylben, wenigstens Stammsylben,woraus meine erste Klaffe besteht, behaupten ihreReinheit und Unveränderlichkeit in Zusammense-tzungen, oft sogar auf Kosten — der Deutlichkeit,z. B. Brautmutter klingt wie eine Mutter, dieeine Braut ist, so wie Herzogin-Mutter eineHerzogin selber bezeichnet — Neben Kuh stall,Kuhhirt und -heerde rc. kann keine Maus ihrMäusefell, -schwänzchen, -ohr u. s. w. behalten.Eben so ist auf keine Weise die Feder, womit ichschreibe, eine Gänsefeder, sondern eine Gansfe-der, die ich aber hier nicht berühren will, damitich nicht in das Gebiet eines neuen Postskripts über-trete, wo ich sie gegen Herrn Bibliothekar Grimmergreife.
Hingegen ist hier eine desto bessere pvstpapierneStelle für die Fälle, wo die Sprache unbekümmertum den Sinn der Zusammensetzungen die Mehr-zahl gewöhnlich entweder ausschließt, oder sogarzuläßt. Sie flieht in ihren Sammwörtern nichteigentlich die Mehrzahl, — die sich ja mit ihremNominativ eben so gut unregiert in Las Grund-wort verschmelzt als der Singular mit seiner —sondern die bösen e der Mehrzahl. Daher gibt siein meiner ersten Klaffe immer der Einzahl ge-gen die scheinbaren Einwürfe des Sinns denVorzug, z. B. in Gasthaus, Flußkarte, Bockfell.Michsjäger, Hutmacher, Buchbinder, Fruchtlese,Wurstkessel rc. 3» meiner zweiten Klaffe ver-fährt sie eben so, und ich lasse den alten Beisvielenmeines Februarbriefes nur noch einige von Thier-garten (anstatt Thieregarten) Haarring, Pelz-händler, Krebsfang, Hechtzug, Hirschzaun nachlau-fen, nur einige, da zur ganzen Heerde kein Platzda wäre. Aber gerade diese Hornungklaffe sprichtauffallend für mich, denn anstatt eines Plural-e,in Schiffeflotte, Diebegesindel, Mönchekloster wähltsie lieber und falsch genug Schiffsflvtte, Diebsge-sindel und Mönchskloster. Das den Bestimm-wörtern von Pferd, Hund rc. angeleimte e will,wie bekannt, keine Mehrzahl aussprechen, sondernnur durch einen Selblauter die Verwandlungdes weichen Mitlauters in einen harten ver-hüten. Endlich wirft deshalb auch die neunteKlasse der mehrsylbigen Wörter mit e im Plu-ral dieses e im Zusammensetzen weg, z. B.Gesetzbuch, Gewürzsendung, Rettigbeet, Pfennig-kabinet.
Wo hingegen eine wahre oder scheinbare Mehr-zahl sich, wie eine Vielweiberei, einem Grundwortcmvermählt, da geschieht es nicht eines besondernSinnes, sondern des Wohlklangs wegen, der oft